Nassauer Hof wird 200 Jahre alt

Wo einst die Kutscher Kunden waren

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Der Nassauer Hof wird 200 Jahre alt. Auch weil das Gebäude für die Stadtgeschichte ausgesprochen wichtig ist, soll dieses Jubiläum gefeiert werden.

Vor 20 Jahren war die Zukunft des Nassauer Hofes, der damals fast nur Schlockerhof genannt wurde, offen. Der Geschichtsverein hatte dort ein Heimatmuseum und wollte das Gebäude auch künftig genau für diesen Zweck nutzen. FWG, FDP, CDU und Grüne wollten den Gebäudekomplex verkaufen – auch, weil die geschätzten Sanierungskosten von umgerechnet sieben Millionen Euro die Stadt überfordert hätten. Die SPD wollte das Anwesen in städtischem Besitz behalten und fragte die Bürger – Künstlerwerkstätten, Gastronomie, Vereinstreff, so lauteten die Nutzungsvorschläge. Das war im Jahre 2000.

Vier Jahre später wurde Hattersheim für die vorbildliche Sanierung des Nassauer Hofes, wie er seitdem heißt, mit dem Denkmalschutzpreis des Landes Hessen ausgezeichnet – eine Entwicklung, mit der nicht unbedingt zu rechnen war. „Die Mainstadt hatte sich bis dato nicht gerade durch den Schutz historischer Bausubstanz hervorgetan“, schrieb Ulrike Milas-Quirin, damals Pressesprecherin der Stadt. „Noch in den 70er Jahren war die Hattersheimer Altstadt dem flächenmäßigen Abriss zum Opfer gefallen.“

Auch der Schlockerhof stand lange auf der Kippe. Im Jahr 2001 wurde ein Sanierungskonzept vorgelegt – mit Räumen für Gastronomie, die Vereine, die Verwaltung, und private Büros. Die Umsetzung drohte an der Finanzierung zu scheitern – bis unerwartet die Firma Aventis Real Estate Interesse bekundete, sich dort einzumieten. Weil aber Wirtschaftsunternehmen nie viel Zeit haben, musste es schnell gehen.

Trotzdem hat das Ergebnis die Fachleute überzeugt. Der Gebäudetrakt, der neu gebaut werden musste, ist als Neubau erkennbar, kommt also gerade nicht scheinbar historisch daher, hat aber den alten Grundriss der Hofanlage aufgenommen. Auch in dem Neubauteil wurden bewusst traditionelle Materialien wie Ziegel, Kalkputz, Holz und Metall eingesetzt. Bei der Restaurierung des Altbaus wurde „dessen Reichtum an Farbe und Ausstattung zum Thema gemacht“, lobten die Denkmalschützer.

Die Bedeutung des Nassauer Hofes ist, dass er eine bestimmte historische Epoche und eine bestimmte Rolle Hattersheims repräsentiert. Die Stadt liegt an einer wichtigen Handelsroute zwischen Frankfurt und Mainz, 1783 sollen jährlich 72 000 Pferde die Strecke absolviert haben. Gleich neben dem Nassauer Hof befindet sich noch heute der Alte Posthof, eine ehemalige Thurn- und Taxis’sche Poststation. Dort wurden die Pferde gewechselt. Welchen Umfang das hatte, zeigt die Tatsache, dass der Posthalter 40 Pferde ständig in Bereitschaft halten musste.

Postbedienstete, Fuhrleute, andere Reisende – sie alle kamen durch Hattersheim. Und davon profitierte der Ort. Vor allem entwickelte sich die Gastronomie, denn alle wollten verpflegt werden, viele übernachten. Adam Wehlre, der Ende des 18. Jahrhunderts Posthalter war, wollte davon stärker profitieren und erwarb ein Grundstück zum Bau eines eigenen Posthauses. Aber erst nach seinem Tod 1817 setzte sein Neffe Carl Wehrle den Plan um, dort ein Gasthaus zu bauen – es entstand der Nassauer Hof.

Das Geschäft florierte, Wehrle und seine Nachfolger erweiterten das Anwesen mehrfach. Einige der vielen Gäste haben sich durch in Fensterscheiben eingeritzte Sprüche verewigt, die noch erhalten sind. „Hier ist gut sein bei Lieb und Wein“, hinterließ ein namentlich ungenannter Gast. Und eröffnete Spielräume für Spekulationen darüber, was man in dem Gasthaus – oder dem Ort – erleben konnte.

Es war die Eisenbahn, die dem ein Ende machte. Als 1838 bis 1840 die Strecke von Frankfurt nach Wiesbaden gebaut wurde, entzog dies nicht nur der Poststation, die 1863 aufgehoben wurde, sondern auch vielen Gaststätten die wirtschaftliche Grundlage. Gastwirt Carl Wehrle war 1842 gestorben, seine Witwe verkaufte das Anwesen zwölf Jahre später. 1858 übernahm es Philipp Wilhelm Schlocker aus Nordenstadt und wandelte es in einen Bauernhof um. Im Besitz der Familie Schlocker blieb es bis 1986, dann kaufte die Stadt den Hof. Es folgten 15 Jahre Diskussion . . .

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