Sie nahmen auf der neuen Babbel-Bank Platz: Jutta Steinbach, Leiterin des Seniorenzentrums Altmünstermühle, und Musiker Hartmut Spannagel vertieften sich gleich in ein Gespräch. FOTO: kröner
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Sie nahmen auf der neuen Babbel-Bank Platz: Jutta Steinbach, Leiterin des Seniorenzentrums Altmünstermühle, und Musiker Hartmut Spannagel vertieften sich gleich in ein Gespräch. FOTO: kröner

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Hattersheim: "Babbel-Bank" statt Tinder

Wer an einem Schwätzchen mit Fremden interessiert ist, setzt sich einfach dort hin.

Hattersheim -Neue Bekanntschaften, unverbindliche Gespräche und den Austausch über Alltagsthemen - all dies bietet heutzutage das Internet. Wer Bedarf hat, installiert die entsprechenden Apps - wie beispielsweise Tinder - auf seinem Smartphone und ist mit einem Klick verbunden. In der Digital City Hattersheim gibt es den selben Service nun viel persönlicher, dreidimensional und ganz ohne Akku-Verbrauch. Das Seniorenzentrum Altmünstermühle weihte gestern die erste "Babbel-Bank" ein. Quasi die Parkbank 2.0.

Auf den ersten Blick scheint das neue Konzept genau das zu sein, was jeder bereits kennt: eine gewöhnliche weiße Parkbank mit einem Hinweisschild. Hinter der "Babbel-Bank" steckt jedoch eine interessante Idee, die vielen künftigen Nutzern ihren Tag verschönern dürfte. Die speziell ausgewiesene Sitzgelegenheit soll nämlich dabei helfen, das Eis zwischen Fremden zu brechen und ein Gespräch zu fördern. Vor allem Senioren sollen so leichter Kontakte knüpfen. Doch auch jüngere Menschen könnten sich den Grundgedanken zu Herzen nehmen, dass Begegnungen von Angesicht zu Angesicht Online-Beziehungen vorzuziehen sind.

Wer auf der "Babbel-Bank" Platz nimmt, der signalisiert, dass er an einem Schwätzchen interessiert ist. "Reden ist gesund", erklärte gestern Jutta Steinbach, Leiterin der Altmünstermühle. Die Chefin des Seniorenzentrums ließ sich als Erste auf der besonderen Sitzfläche nieder. Ein persönliches Gespräch senke die Stresshormone und stärke die Immunabwehr, erklärte sie den versammelten Zuhörern. Zu ihr auf die Bank gesellte sich der Musiker Hartmut Spannagel, der die Einweihung begleitete. Die beiden vertieften sich in Gespräche über ihre ersten Autos und die benötigten Fahrstunden vor dem Führerschein. Anschließend unterhielt sich Jutta Steinbach mit der Seniorin Gerta Jost über Urlaubsreisen nach Italien und in die Rhön. Die Gesprächspartner demonstrierten dabei eine besondere Hilfestellung für Zögerliche, denen es beim Kennenlernen die Sprache verschlägt: Seitlich an der "Babbel-Bank" befindet sich nämlich eine graue Box voller sogenannter Gesprächskarten. Die laminierten Stichwortgeber liefern Anregungen für Themen - etwa: "Fällt es Ihnen leicht, etwas zum Sperrmüll zu geben?" oder "welche Veränderungen haben Sie im Laufe ihres Lebens im Ort wahrgenommen?"

Die Anregung für die erste Hattersheimer "Babbel-Bank" kam von Seniorenberater Jürgen Leichtfuß. Er habe das Konzept in einer anderen Stadt gesehen und als sinnvoll erachtet, berichtete der Mitarbeiter der Altmünstermühle. Niemand gebe gerne zu, dass er einsam sei. Doch gerade im Alter werde es immer schwieriger, Kontakte aufrecht zu erhalten, so Leichtfuß. Die Abgrenzung älterer Menschen habe sich durch Corona in den vergangenen Jahren sogar noch verschärft. Neben den verschiedenen Kursen und Freizeitaktivitäten im Programm der Almünstermühle sei die "Babbel-Bank" ein weiterer Beitrag, um der Isolation entgegen zu wirken.

Das Konzept der gesprächsfördernden Sitzbank sei zuerst als "chat bench" in England entwickelt worden und habe sich dann in mehreren Städten weltweit verbreitet, erläuterte Jürgen Leichtfuß. Die derzeitige Beschriftung der Hattersheimer "Babbel-Bank" sei vorläufig und solle durch ein dauerhaftes Schild ersetzt werden, stellte der Seniorenberater klar. Auch der derzeit etwas versteckte Standort in einer überdachten Ecke des Hofes der Altmünstermühle sei noch nicht endgültig. Vielleicht werde es künftig regelmäßige Ortswechsel geben, erklärte Leichtfuß. Geplant seien außerdem besondere Termine. Als Beispiel nennt der Seniorenberater einen Besuch des Therapiehundes Balu, der den Senioren dann als tierisches Gesprächsthema dienen könnte. sas

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