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Hattersheim: Besatzer und Befreier brachten Not und Sorgen

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Viel Arbeit steckte Hermann-Josef Lenerz in die „Übersetzung“ der Dokumente über die französischen Besatzer. FOTO: Privat/Lenerz
Viel Arbeit steckte Hermann-Josef Lenerz in die „Übersetzung“ der Dokumente über die französischen Besatzer. © Privat

Heute vor 230 Jahren zogen französische Soldaten durch die Stadt, wie Hermann-Josef Lenerz recherchiert hat.

Hattersheim -Wenn sich in vergangenen Jahrzehnten größere Abordnungen von Franzosen in Hattersheim aufhielten, war dies meistens ein freudiger Anlass. Die Stadt ist seit 1987 mit der französischen Kommune Sarcelles verschwistert und pflegte diese Partnerschaft mit gegenseitigen Besuchen. Das Eintreffen von Menschen aus dem westlichen Nachbarland wurde jedoch nicht immer mit der gleichen Begeisterung aufgenommen. Französische Heere, die während des Koalitionskrieges Ende des 18. Jahrhunderts durch die Region zogen, brachten das damalige Dorf an seine Belastungsgrenze. In der Nacht des 21. Oktobers 1792 - vor genau 230 Jahren - zogen 500 französische Soldaten durch Hattersheim, das damals selbst gerade einmal 500 Einwohner zählte. Am 22. Oktober folgten 2500 weitere Franzosen auf dem Weg nach Frankfurt.

Hattersheim wurde in dieser Zeit förmlich überrannt. Was dies für den kleinen Ort bedeutete, hat der geschichtlich interessierte Hattersheimer Hermann-Josef Lenerz recherchiert. Er stützt sich auf Informationen aus der Wanderausstellung „Expedition Custine - Rheinland-Pfalz, Hessen und die gescheiterte Freiheit 1792/93“, die von der Historischen Kommission für die Rheinlande 1789 - 1815 erstellt wurde. Lenerz hat Dokumente zusammengetragen, aus denen die Auswirkungen für Hattersheim hervorgehen.

Hintergrund war der Vormarsch des französischen Generals Adam-Philippe de Custine, der den Rückzug der preußisch-hessischen Truppen im September 1792 nutzte, um über die sogenannte „Pfaffenstraße“ gegen Speyer, Worms und Mainz zu ziehen. Hermann-Josef Lenerz erläutert, dass Custines Truppen nach der Kapitulation von Mainz am 21. Oktober in die damalige Reichsstadt Frankfurt weiterzogen. Für das zwischen beiden Großstädten gelegene Hattersheim habe dadurch eine leidvolle Zeit begonnen. Den Bewohnern sei die Einquartierung von Soldaten und Pferden abverlangt worden. Der Gemeindevorstand habe das erforderliche Futter bei den örtlichen Bauern beschaffen müssen. „Hafer, Heu, Stroh mussten zentnerweise geliefert werden“, erklärt der Hobbyhistoriker.

Neben den Soldaten und Offizieren habe sich wohl sogar General Custine selbst in Hattersheim aufgehalten. Lenerz schließt dies aus einer Rechnung, die ein Leonhard Philipps beim Schultheiß einreichte. Darin ist von 33 Rationen Futter für die Unterbringung der elf Pferde des Generals Custine über zwei Mittage und zwei Nächte die Rede.

Der Aufenthalt der Soldaten habe bis Anfang Dezember 1792 gedauert, als preußische Truppen die Franzosen bis Mainz zurückdrängen konnten. Die Sorgen und Nöte der Hattersheimer seien damit aber noch nicht vorüber gewesen, schildert Lenerz die Entwicklung. Denn verpflegten die Bewohner die Befreier, die sich bis zur Kapitulation des französischen Mainz im Juli 1793 in der Region breit machten. Die Gemeinde musste das benötigte Futter bei den Bauern bezahlen, wodurch alle Finanzmittel aufgebraucht wurden. Hermann-Josef Lenerz berichtet, dass Hattersheim „wegen der dringenden Ausgaben bei gegenwärtigen Kriegszeiten“ einen Kredit von 1000 Gulden beim Oberamt Höchst aufnahm. „Die Gemeindekasse war leer“, erläutert der Hattersheimer.

Lenerz hat auch herausgefunden, dass verschiedene geistliche Würdenträger, die Mainz nach der Kapitulation im September 1792 verließen, im Hattersheimer Pfarrhaus unterkamen. Die Geflohenen „bleiben die erste Nacht allhier im Pfarrhaus“, lautet die Aufzeichnung in den von ihm durchgesehenen Unterlagen. Schließlich erwähnt der geschichtlich interessierte Hattersheimer noch, dass General Custine kurz nach seinem Rückzug wegen „Verrats an den Interessen Frankreichs“ angeklagt wurde. Am 28. August 1793 - also weniger als ein Jahr nach seinem vorübergehenden Aufenthalt in Hattersheim - sei er unter der Guillotine gestorben. sas

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