Der ehemalige Hattersheimer Bürgermeister Norbert Winterstein initiierte die Verleihung der Stadtrechte an die Kommune vor 50 Jahren.
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Der ehemalige Hattersheimer Bürgermeister Norbert Winterstein initiierte die Verleihung der Stadtrechte an die Kommune vor 50 Jahren.

Stadtentwicklung

Hattersheim: "Demokratie braucht einen Versammlungsraum"

Der ehemalige Bürgermeister Norbert Winterstein (88) blickt auf 50 Jahre städtische Historie zurück.

Hattersheim -Norbert Winterstein blickt auf eine politische Laufbahn mit zahlreichen Höhepunkten zurück. Der 88 Jahre alte Sozialdemokrat vertrat seine Partei sowohl im Kreistag als auch im Landtag. Außerdem regierte er seinen heutigen Wohnort Rüsselsheim von 1981 bis 1993 als Oberbürgermeister. Einen der denkwürdigsten Momente erlebte Winterstein jedoch vor 50 Jahren in Hattersheim. Der SPD-Mann war Rathauschef, als Hattersheim zur Stadt wurde. Winterstein beantragte die Stadterhebung und konnte im September 1970 im Rahmen eines viertägigen Festes die entsprechende Urkunde von Ministerpräsident Albert Osswald (SPD) entgegennehmen.

Bach floss wild durch die Stadt

Nach dem Tod seines Vaters und Vorgängers, Bürgermeister Ladislaus Winterstein, zog Norbert Winterstein im Jahr 1965 ins Hattersheimer Rathaus ein. Dem Ort fehlten damals noch viele Vorzüge des heutigen Hattersheims. Nicht nur, dass es keine Stadthalle gab - der erfahrene Politiker erinnert sich auch an die wenig ansprechende Innenstadt. Der Posthof sei heruntergekommen gewesen. An der Stelle des heutigen Marktplatzes habe die Hoechst AG eine Tierversuchsanstalt betrieben, erzählt Norbert Winterstein. Der Weiher am Schwarzbach sei als "Bleiche" bekannt gewesen, weil die Bewohner der Erbsengasse dort ihre Wäsche reinigten und auslegten. Der Bach selbst sei zehn Meter breit gewesen und wild durch Hattersheim geflossen. Winterstein schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt, dass es die Brücke am Hessendamm über die Bahnlinie noch nicht gab. Alle Hattersheimer, die in der Sarotti südlich der Gleise arbeiteten, mussten morgens an der Bahnschranke stehen. Die Pläne für die weitere Entwicklung der Kommune hätten bei seiner Amtsübernahme bereits existiert, erzählt der 88-Jährige. "Die Vorbereitungen waren getroffen", so Winterstein. Es habe Entwürfe für den Bau einer Stadthalle gegeben, und mit der Bahn habe die Stadt Gespräche zum Bau des sogenannten Fly-over am Hessendamm geführt. Diese Überlegungen hätten bei der Anerkennung Hattersheims als Stadt eine Rolle gespielt.

Ausschlaggebend war die Einwohnerzahl: Winterstein erläutert, dass Hattersheim im Jahr 1945 rund 5000 Einwohner gezählt habe. Zurzeit seiner Amtsübernahme im Jahr 1965 seien es 7500 gewesen, bei der Stadterhebung im Jahr 1970 bereits 10 000. Sobald die Marke von 10 000 Einwohnern erreicht war, habe man auf die Stadterhebung gepocht, erzählt der Altbürgermeister. In Frankfurt und Wiesbaden habe es nämlich Ideen zur Eingemeindung gegeben. Dem wollten die Hattersheimer zuvorkommen, weil in Großstädten damals nur das Zentrum und nicht die Vororte gezählt hätten. "Die Leute beurteilen Städte aber dort, wo sie leben", sagt Winterstein.

Der Bürgermeister der Stadterhebungsjahre wusste die Stadtverordneten hinter sich. "Das ganze kommunalpolitische Hickhack gab es damals noch nicht", sagt Norbert Winterstein. Zu seiner Zeit sei ein Bürgermeister als Kommunalbeamter gesehen worden, der die Stadt vertritt, nicht als Berufspolitiker. Aufgrund des geschlossenen Rückhalts habe man als Verwaltungschef bei Verhandlungen entsprechend stark auftreten können.

Alteingesessene und Flüchtlinge

"Die Stadterhebung war eine Zäsur", betont der Altbürgermeister. Das Festzelt sei an jedem der vier Abende im September 1970 brechend voll gewesen. Zu diesen Zeitpunkt habe sich gezeigt, dass sich die Reibereien zwischen den vielen Flüchtlingen in den Neubaugebieten und den alteingesessenen Hattersheimern aufgelöst hatten. Ministerpräsident Osswald (SPD) sei in seiner damaligen Rede auf die gelungene Eingliederung eingegangen. "Das hat mir gut getan als Bürgermeister", sagt Norbert Winterstein über die breite Akzeptanz. Die positive Grundstimmung in der Stadt habe ihn enorm ermutigt, die weiteren Pläne für Hattersheim in die Realität umzusetzen.

Gewundert über Stadthallen-Streit

Zu den Entwicklungen, die Winterstein nach der Stadterhebung abschloss, gehörte der Bau der Stadthalle. "Demokratie braucht einen Versammlungsraum", betont der 88 Jahre alte Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er habe sich darüber gewundert, dass in den vergangenen Jahren so lange um den Erhalt der Halle gestritten wurde. Den Bau des Hessendamm bezeichnet Winterstein als "enorme Bereicherung". Außerdem habe er das Gelände des Kastengrund, das damals zu Kriftel gehörte, nach Hattersheim geholt. In seiner Amtszeit seien außerdem die planerischen Voraussetzungen für den heutigen Marktplatz geschaffen worden. Das Zentrum der Stadt habe sich von der Frankfurter Straße an den Alten Posthof verlagert.

Das Einzige, was unter seinen Nachfolgern nicht gelungen ist, seien die Pläne für ein Rathaus am Marktplatz. Der Verwaltungssitz sei ursprünglich am Standort des heutigen Parkhotels angedacht gewesen. "Das wäre die Abrundung gewesen", sagt der frühere Hattersheimer Rathauschef. Zum Ende seiner Amtszeit wurde dann außerdem noch der Posthof saniert und kurz darauf eingeweiht. Er sei froh, dass sich die Stadt damals gegen den Abriss des historischen Ensembles entschied, sagt Norbert Winterstein. "Man muss Ideen haben und den Mut, etwas zu investieren", fasst er sein politisches Verständnis zusammen. Sascha kröner

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