So soll es bald hoffentlich wieder so sein: Im Begegnungshaus begleitete am Klavier die Dirigentin Esther Schulz viele Monate vor der Corona-Krise bei einem musikalischen Frühschoppen den Liederkranz-Eintracht-Chor. Archiv-Foto: nietner
+
So soll es bald hoffentlich wieder so sein: Im Begegnungshaus begleitete am Klavier die Dirigentin Esther Schulz viele Monate vor der Corona-Krise bei einem musikalischen Frühschoppen den Liederkranz-Eintracht-Chor. Archiv-Foto: nietner

Vereine

Hattersheim: Die Stimmbänder benötigen Training

Was die Gesangvereine sich nun nach der Winterpause erhoffen, erklären fünf Vorsitzende.

Hattersheim -"Wir scharren schon mit den Hufen", sagt Alexandra Gutberlet, Vorsitzende des Frauenchores Cantabile. Genauso wie viele andere Gesangsvereine warten die zwölf Sängerinnen auf eine Möglichkeit, sich wieder zu treffen. Die Wettervorhersage klingt vielversprechend für Proben im Freien. Momentan lässt die Corona-Verordnung jedoch keine Versammlung mehrerer Haushalte zu.

Viele Chöre haben schon lange keine gemeinsame Textzeile mehr gesungen. Die längste Unterbrechung im Stadtgebiet hat wohl der Gesangsverein Liederkranz-Eintracht aus dem Stadtteil Eddersheim zu beklagen. Die Sängerinnen und Sänger hielten ihre letzte reguläre Singstunde vor über einem Jahr ab. Anfang März 2020 trafen sich die Aktiven, nach Angaben des Vorsitzenden Harry Bartels. So lange hätten die Chöre ihre Dirigenten nicht mehr gesehen. "Es ist sehr, sehr ruhig", fasst der Vereinschef zusammen.

Die Eddersheimer gehören zu den wenigen Chören, die sich nicht unter freiem Himmel trafen. Es sei schwer, draußen und mit Abstand im Einklang zu singen, hatte Harry Bartels im vergangenen Jahr erklärt. Der Einschnitt ins Vereinsleben ist entsprechend groß: Kontakte zu allen Mitgliedern online zu halten, sei nicht leicht. "Wir haben viele ältere Mitglieder, die mit neuer Technik nichts am Hut haben", erläutert der Eddersheimer. Der Gospelchor, dem einige jüngere Mitglieder angehören, bleibe über eine Whatsapp-Gruppe in Kontakt. Im Gemischten Chor sei dies hingegen schwieriger. "Ich schreibe regelmäßig E-Mails", sagt Harry Bartels. Einen regen Austausch gebe es aber nicht. Bartels fürchtet, dass die lange Unterbrechung dem Interesse am gemeinsamen Singen schaden könnte. Er sei gespannt, wer nach einem Neustart der Singstunden überhaupt noch komme, räumt der Vorsitzende ein.

Der Hattersheimer Frauenchor Cantabile war einer der ersten Chöre, der seine Proben nach dem Ausbruch der Pandemie in den Innenhof des Alten Posthofs verlegte. Dort hielten die Aktiven bis Ende Oktober durch. Der Chor habe sich mit Schirmen, Winterklamotten und Stirnlampen getroffen, "bis es kalt, dunkel und nass wurde", berichtet die Vorsitzende Alexandra Gutberlet. Mittlerweile treffe man sich alle zwei Wochen online. "Das ist aber eher eine Talkrunde", sagt Gutberlet. Im Video-Chat gemeinsam zu singen, sei aufgrund der Zeitverzögerung nicht möglich. Mit älteren Mitgliedern halte sie telefonisch Kontakt, erklärt die Hattersheimerin, die weitere kreative Wege ausprobiert hat, um die Aktiven zu erreichen. Einem Mitglied, das seinen 80. Geburtstag feierte, habe sie zusammen mit einer weiteren Sängerin ein Ständchen auf der Straße gebracht.

Am Protestbrief beteiligt

Auch die Chorgemeinschaft Hattersheim nutzte den Innenhof des Alten Posthofs und wartet nun auf Lockerungen der Corona-Maßnahmen. "Wir hoffen, dass es bis zum Sommer wieder so möglich ist wie im vergangenen Jahr", sagt die Vorsitzende Ruth Pfennig. Das wäre aus ihrer Sicht ein Lichtblick. Seit die Witterung die Treffen im Freien unmöglich machte, fanden keine Singstunden mehr statt. Der Chor bleibe über Whatsapp und E-Mails in Kontakt. Ruth Pfennig weiß aber auch, dass den Mitgliedern der persönliche Austausch wichtig ist. Vorletzte Woche habe sie mal alle Aktiven angerufen, um zu hören, wie es ihnen geht, erzählt die Vorsitzende. Die Chorgemeinschaft habe sich am offenen Brief des Hessischen Sängerbunds an Ministerpräsident Volker Bouffier beteiligt. Das Protestschreiben kam zustande, nachdem es in der hessischen Corona-Verordnung hieß, es werde davon ausgegangen, "dass ein besonderes öffentliches Interesse für Chorproben nicht besteht." Das sahen viele Chöre anders.

Hoffen auf den nächsten Monat

Auch Silke Jung, Vorsitzende des Okrifteler Chores L'Espérance, hat den Aufruf zur Teilnahme am offenen Brief an die Mitglieder weitergeleitet. "Viele hat einfach dieser Satz gestört", erläutert die Sängerin. Die Aktiven von L'Espérance warten ebenfalls sehnsüchtig auf die Rückkehr von Chorproben, die sie auch unter freiem Himmel abhalten würden. "Sobald es möglich ist, in irgendeiner Form draußen oder drinnen zu singen, stehen wir in den Startlöchern", betont Jung. Bevor es im Oktober zu kalt wurde, traf sich der Chor vor dem Haus der Vereine. In den vergangenen Monaten habe ein gemeinsamer Video-Chat am Montag die Singstunde abgelöst. Den Aktiven fehle es zu singen, erklärt die Vorsitzende, die auf eine Rückkehr der Proben im nächsten Monat hofft. Lieder im Radio mitzusingen, sei nicht dasselbe. "Das ist nicht das Singen, das die Stimmbänder trainiert", so Jung. sas

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare