Die archäologischen Grabungen im künftigen Baugebiet an der Voltastraße sollen voraussichtlich bis Ende Mai dauern. FOTO: kröner
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Die archäologischen Grabungen im künftigen Baugebiet an der Voltastraße sollen voraussichtlich bis Ende Mai dauern.

Archäologie

Hattersheim: Doppelgrab gibt noch immer Rätsel auf

Warum Experten auf einem Areal an der Voltastraße nach dunklen Verfärbungen im Untergrund Ausschau halten.

Hattersheim Die unkontrolliert wuchernde Wiese hinter dem Bauzaun erstreckt sich bis an die Wohnhäuser des Schokoladenviertels. Auch die Bäume entlang der Wasserwerkchaussee sind hinter einigen aufgeschütteten Erdhaufen in der Ferne erkennbar. Auf der anderen Seite wird das brachliegende Areal von der Voltastraße im Norden begrenzt. Der weite Blick über die Graslandschaft dürfte künftig der Vergangenheit angehören. Schon bald sollen an der Voltastraße Wohnhäuser, Gewerbebauten sowie ein neuer Kindergarten stehen. Zuvor wird es jedoch noch einmal spannend: Archäologen machen sich auf die Suche nach Spuren früherer Bewohner.

In dieser Woche soll es losgehen. Gestern waren zunächst nur die Mitarbeiter eines Vermessungsunternehmes zu sehen, die verschiedene Punkte entlang der Wiese abschritten und kennzeichneten. Das Landesamt für Denkmalpflege hat die archäologische Untersuchung im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens "Vordere Voltastraße" gefordert. Hintergrund sind geophysikalische Vorarbeiten, bei denen Anomalien festgestellt wurden, die auf Fundstücke im Untergrund hindeuten könnten. Aufgrund der bisherigen Nutzung der Fläche als Gewerbestandort gehen Experten zwar "nur" von Funden in wenigen Teilbereichen aus. Diese sollen nun jedoch von Mitarbeitern des Büros Archäologische Grabungen und Dokumentation (AGDS) genauer unter die Lupe genommen werden.

Der größte Fund in Südwestdeutschland

Aufschluss erhofft man sich in Hattersheim vor allem über die Siedlungsgeschichte der Kelten in dieser Region. Es wären schließlich nicht die ersten Spuren der vorzeitlichen Kultur im Stadtgebiet. Längst finden sich mehrere markante Punkte, die auf die Erfolge früherer Ausgrabungen hinweisen: Im Nordwesten Hattersheims durchqueren Autofahrer den Keltenkreisel - eine der größten und beliebtesten Grünanlagen trägt die Bezeichnung Keltenpark. Die Namen verweisen auf frühere Funde in diesen Gebieten, bei denen unter anderem 50 keltische Gräber aufgedeckt wurden. Dass Menschen noch viel früher im Umkreis des heutigen Hattersheims siedelten, deutete außerdem der Fund eines steinzeitlichen Skeletts an, dessen Alter Experten auf 5000 bis 7000 Jahre schätzten. Die Nekropole, die bei Grabungen zwischen 1999 und 2008 freigelegt wurde, gilt als größte keltische Grabstätte in Südwestdeutschland. Grabbeigaben wie Schmuck, Gewänder und Tongefäße konnten sichergestellt werden. Gleichzeitig rätselten die Archäologen über das Doppelgrab zweier Frauen: DNA-Analysen ergaben, dass ein Skelett nicht zu der übrigen Sippe passte.

Bisher wurden nur Gräber und Lagergruben aus der Keltenzeit um 500 vor Christus entdeckt. Eindeutige Spuren einer Siedlung fehlen. Nach den Funden im Hattersheimer Norden setzten sich die erfolgreichen Grabungen im Jahr 2011 auf der Fläche der heutigen "Schokoladenviertels" fort. Skelette und bronzene Armreife aus Gruben legten nahe, dass sich die keltische Besiedlung über weite Teile des Stadtgebietes zog. Von April bis November 2015 näherten sich die Fachleute langsam dem Areal, auf dem die neuen Grabungen in dieser Woche starten. Südlich der Voltastraße stießen sie auf mehrere Scherben aus der Jungsteinzeit, Gebäudespuren sowie das Grab einer Frau. Im Jahr 2020 entdeckten sie Gruben, die Tierknochen und Arbeitsgeräte aus Stein enthielten. Unter der Erde verbargen sich auch zahlreiche Keramikfragmente, die sich der jungsteinzeitlichen "Michelsberger Kultur" zuordnen lassen. Ebenfalls vor zwei Jahr stießen die Archäologen auf Skelette eines Kindes, eines Neugeborenen und eines Erwachsenen. Darüber hinaus war ein einzelner menschlicher Schädel neben einem vollständig erhaltenen Gefäß platziert. Die Experten werden ab dieser Woche nach dunklen Verfärbungen im Untergrund Ausschau halten. Diese Erdschichten deuten auf frühere Gruben hin. Die archäologischen Grabungen sollen vorerst bis Ende Mai andauern - je nach Erfolg ist eine Verlängerung allerdings möglich. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet. sas

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