1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Taunus
  4. Hattersheim

Hattersheim: Einst war die Kerb der Höhepunkt im Dorfleben

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Das Foto mit den jungen Männern zeigt den Kerbeborsch-Jahrgang 1884, der sich im Jahr 1903 vor dem Gasthaus "Zum Anker" für das Bild präsentierte. FOTO: privat/archiv caspari
Das Foto mit den jungen Männern zeigt den Kerbeborsch-Jahrgang 1884, der sich im Jahr 1903 vor dem Gasthaus "Zum Anker" für das Bild präsentierte. © Privat/Archiv Caspari

Die Geschichtsfreunde Okriftel haben vor einigen Jahren die Okrifteler Kirchweih wiederbelebt.

Okriftel -Elf junge Männer posieren vor einem Scheunentor. Sie tragen Anzüge und helle Kappen - ihre gefüllten Gläser haben sie zum Prost erhoben. Die Schwarzweiß-Aufnahme der Gruppe ist an einigen Stellen durch weiße Flecke beschädigt. Deutlich erkennbar sind jedoch zwei gekreuzte Fahnen und ein Schild im Hintergrund. "84. Kerweborsa" lässt sich auf der Tafel entziffern. Das Foto aus der Sammlung des Okriftelers Bernd Caspari zeigt den Kerbeborsch-Jahrgang 1884, der sich im Jahr 1903 vor dem Gasthaus "Zum Anker" am Mainufer aufgestellt hatte. Damals war die Okrifteler Kerb noch ein Höhepunkt im Dorfleben, der sich bei Alt und Jung großer Beliebtheit erfreute und zum "Anbändeln" von den jungen Leuten genutzt wurde.

Die Okrifteler Kerb hat die vergangenen Epochen weniger gut überdauert als dies in einigen Nachbarorten der Fall ist. Dass das Kirchweihfest überhaupt wieder gefeiert wird, ist einem rührigen Kreis von Ehrenamtlern zu verdanken, die sich Geschichtsfreunde Okriftel nennen. Sie haben die Kerb vor mehr als 15 Jahren wiederbelebt und sorgen dafür, dass die Okrifteler das Fest mittlerweile auf ihre ganz eigene Art begehen. In anderthalb Wochen ist es wieder soweit. Die Geschichtsfreunde laden für Samstag, 10. September, und Sonntag, 11. September, zur ersten Kerb nach der Corona-Pause ein. Gefeiert wird erneut im Hof der ehemaligen Gaststätte "Zum Taunus", Neugasse 22.

Die Kerbe-Tradition im Stadtteil Okriftel reicht Jahrhunderte zurück. Die erste Erwähnung, die den heutigen Ausrichtern bekannt ist, findet sich in einem Dokument aus dem Jahr 1439. Eine lange Unterbrechung des Brauchs findet sich erst zum Ende des vergangenen Jahrhunderts. Fast 20 Jahre lang - von 1985 bis 2004 - fand sich niemand, der das Fest in Okriftel ausrichten wollte. Dann übernahm eine Gruppe aus dem Kreis der Geschichtsfreunde diese Aufgabe. Ihre Motivation: Die ehemaligen Kerbeborsch sowie historisch Interessierte aus dem Stadtteil wollten die Kerb nicht in Vergessenheit geraten lassen. Sie sorgten dafür, dass im Innenhof des "Taunus" alte Traditionen wie Kerbebaum und Kerbepuppe wieder auflebten.

Was die Okrifteler Kirchweih von Kerbewochenenden in anderen Orten unterscheidet, ist der überwiegend nostalgische Charakter, der an die Stelle der Volksfest-Stimmung getreten ist. Die Kerb verläuft kleiner und ruhiger. So gibt es etwa keinen Kerbetanz mit großer Live-Band und auch keinen Juxplatz mit bunt beleuchteten Fahrgeschäften. Kerbeborsche existieren nur noch auf den historischen Fotos. Junge Okrifteler zu begeistern, einen neuen Kerbeborsch-Jahrgang zu bilden, ist den Ausrichtern in den vergangenen Jahren nicht gelungen. Die Helfer aus dem Kreis der Geschichtsfreunde seien alle 50 Jahre und älter, sagt Mitorganisator Bernd Caspari, der vor vielen Jahrzehnten selbst Kerbeborsch war. Die neuen Mitstreiter, die der Verein gewonnen habe, seien bereits im Rentenalter. "Die Jüngeren wollen damit nicht zu tun haben, weil sie noch ihre Arbeit haben", erklärt Caspari. Die "Geschichtsfreunde Okriftel" starteten ursprünglich als Untergruppe des Hattersheimer Geschichtsvereins, in dem sie einige Jahre lang aktiv waren. Später organisierten sich die historisch interessierten Okrifteler als eigenständiger Verein.

Für alle diejenigen, die gerne in Erinnerungen schwelgen und gemütlich bei einem Schoppen zusammensitzen, bietet die Okrifteler Kerb fast schon eine Entschleunigung-Kur - ganz abseits der Hektik, die andere Feste heutzutage ausstrahlen. Ein Akkordeonspieler soll die Besucher im Hof des "Taunus" musikalisch unterhalten. Außerdem gehört eine Ausstellung mit historischen Fotos aus der Okrifteler Papierfabrik zum Rahmenprogramm. Das Fest beginnt am Samstag, 10. September, um 18 Uhr. Dann stehen in der Neugasse 22 Bratwurst und Steaks auf der Speisekarte.

Am Sonntag, 11. September, laden die Geschichtsfreunde Okriftel zwischen 11 und 17 Uhr auf ihren kleinen Kerbeplatz ein. Besucher dürfen sich an diesem Tag auf Kaffee und Kuchen sowie Rippchen mit Kraut freuen. sas

Auch interessant

Kommentare