1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Taunus
  4. Hattersheim

Hattersheim: Feier an alter Kerbe-Stätte

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Vor Jahrzehnten waren sie alle Kerbeborsch - nun sind sie Ausrichter und Gäste der Okrifteler Kerb (v.li.): Werner Jung, Roland Jung, Rainer Kandel, Alfred Krump und Bernd Caspari. FOTO: kröner
Vor Jahrzehnten waren sie alle Kerbeborsch - nun sind sie Ausrichter und Gäste der Okrifteler Kerb (v.li.): Werner Jung, Roland Jung, Rainer Kandel, Alfred Krump und Bernd Caspari. © Kröner, Sascha

Geschichtsfreunde luden in den Hof des Ex-Gasthauses „Zum Taunus“.

Okriftel -Die meisten Menschen, die einen Kerbeplatz besuchen, rechnen mit Schaustellern, lauter Musik und gröhlenden jungen Leuten, die Stimmungslieder singen. In Okriftel sind alle diese Aspekte des Volksfestes längst Geschichte. Trotzdem halten einige Unermüdliche die Tradition aufrecht. Ein kleiner Kerbebaum war für das Wochenende im Hof der ehemaligen Gaststätte „Zum Taunus“ aufgestellt, der schon früher als Schauplatz der Kerb diente. Die Geschichtsfreunde Okriftel luden Besucher dazu ein, in Erinnerungen zu schwelgen, während Akkordeonspieler Rainer Kandel alte Lieder anstimmte.

Aktive Kerbebosch gibt es in Okriftel nicht mehr seit die Geschichtsfreunde das Fest vor über 15 Jahren wiederbelebten. Unter den Feiernden waren jedoch mehrere ehemalige Traditionsverfechter, die sich an ihre aktive Zeit erinnerten. „Das war der Abschluss der Jugend und der Eintritt ins Erwachsenenleben“, erzählt Bernd Caspari, der die Kerbeboschkappe 1959 trug. Viele spätere Ehepartner hätten sich während des Festes kennengelernt, das damals noch ein wichtiges Ereignis war. Wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben, stellt Roland Jung fest: „Heute musst du nicht mehr Kerbebosch sein, um etwas zu erleben“, sagt der Okrifteler.

Roland Jung und Rainer Kandel begleiteten die Kerb 1966 als Aktive. Damals sei in der Radfahrerhalle gefeiert worden, erzählen die Ex-Kerbebosche. Den Kerbebaum, der an der Stelle der heutigen Bühne vor dem Wäldchen stand, habe ihr Jahrgang im Wald auf der anderen Mainseite geholt. Jung erinnert sich, dass einer der Kameraden, der beim Transport auf dem Baum saß, herunter gefallen sei. Zu ihrer Zeit habe es auch noch Schausteller und Fahrgeschäfte gegeben, sagt Rainer Kandel. Er selbst habe damals noch keine Musik auf der Kerb gemacht, erklärt der Akkordeonspieler. „Da wollten wir selbst feiern.“ Geschichten vom Transport des Kerbebaums weiß auch Bernd Caspari. Als er aktiv war, hätten die Kerbebosche, den Stamm absägen müssen, weil er zu lang für die Überfahrt auf der Fähre war. Auch den Preis für den Baum hat Caspari sich bis heute gemerkt: Zehn Liter Apfelwein seien als Bezahlung an den Förster gegangen.

Kerbebosche zu finden, war einst kein Problem. Die Jahrgänge hätten immer aus 15 bis 20 Aktiven bestanden, erinnert sich Werner Jung, der Ende der Sechziger Kerbevadder war. „Du kamst in jede Kneipe und hast erstmal eine Runde ausgegeben bekommen“, erzählt Jung vom Kerbeumzug. Auch bei den Besuchern sei die Kerb als ein Höhepunkt im Kalender markiert gewesen. „Da ist nur eine Sache im Jahr gemacht worden, aber die richtig“, sagt der ehemalige Kerbevadder. Nicht nur die eigene Kerb war etwas Besonderes. Während der Kelsterbacher Kerb seien die Okrifteler über den Main geschwommen, um die Kerbepuppe zu klauen, erzählt Alfred Krump lachend. Gegenbesuche der Rivalen haben man abgewehrt, indem sich die Kerbebosch in Gebüschen am Ufer versteckten, berichtet der Okrifteler, der gleich dreimal die Kappe der Traditionsverfechter trug. Er habe die Kerb im Gasthaus „Zum goldenen Anker“, in der „Krone“ und in der Radfahrerhalle mitgefeiert, so Krump. Das Mitglied der Geschichtsfreunde erinnert sich auch daran, dass die Kerbebosch am Kerbemontag in die Schule gingen, um die Schüler nach einem verkürzten Unterricht auf den Festplatz zu holen.

So wie damals wird die Kerb im Stadtteil wohl nie wieder werden. „Schade, dass die Tradition beendet ist“, sagt Roland Jung. Alfred Krump fände es „schon schön“, wenn sich noch einmal Kerbeborsch finden würden. Das Problem: „Die heutigen Jahrgänge kennen es gar nicht, weil sie nicht damit groß geworden sind“, so Bernd Caspari. sas

Auch interessant

Kommentare