In Schlafsack und Decken gehüllt, sitzt eine obdachlose Frau an einer Bushaltestelle in Frankfurt neben einem Einkaufswagen mit ihren Habseligkeiten. Städte und Kommunen bereiten sich auf einen Anstieg der Zahl hilfsbedürftiger Obdachloser in der kalten Jahreszeit vor.
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In Schlafsack und Decken gehüllt, sitzt eine obdachlose Frau an einer Bushaltestelle in Frankfurt neben einem Einkaufswagen mit ihren Habseligkeiten. Städte und Kommunen bereiten sich auf einen Anstieg der Zahl hilfsbedürftiger Obdachloser in der kalten Jahreszeit vor.

Anlaufstelle

Hattersheim: Niemand soll in der Kälte warten

Für die Caritas-Obdachloseneinrichtung Sankt Martin am Autoberg ist die kalte Jahreszeit eine besondere Herausforderung.

Hattersheim -Wer darf rein, wer muss draußen blieben? Angesichts von steigenden Coronazahlen diskutiert die Politik die Ausweitung und bessere Kontrolle der 2 G-Regel. Der Zutritt zu öffentlichen Einrichtungen würde damit auf Geimpfte und Genesene beschränkt - vorerst jedenfalls. Eine Anlaufstelle, die sich eine solche Selektierung nicht erlauben kann, ist das Haus Sankt Martin der Caritas. Die Hattersheimer Wohnungsloseneinrichtung bietet allen Menschen, die auf der Straße leben, eine offene Tür. 2 G oder 3 G seien in solch einem Bereich nicht möglich, erklärt der Leiter Klaus Störch. Gerade in den anstehenden Wintermonaten sind viele Obdachlose auf die Tagesstätte angewiesen. Neben einer notwendigen Aufwärmung erhalten sie dort ihre Tagessätze aus der Wohnungslosenhilfe.

Ohne Zutrittsbeschränkungen muss das Haus Sankt Martin auf andere Vorkehrungen setzen. Eine dieser Maßnahmen fällt gleich nach dem Betreten der Räumlichkeiten auf: Durchsichtige Scheiben aus Acrylglas trennen die Sitzplätze in der Tagesstätte voneinander. Diese Neuerung sei dank eines Zuschusses des Hessischen Sozialministeriums in Höhe von 1300 Euro möglich geworden, erläutert Klaus Störch. Doch nicht nur der zusätzliche Spuckschutz soll für Hygiene sorgen. Sobald ein Gast seinen Platz verlässt, reinigen Mitarbeiter den frei gewordenen Tisch. Darüber hinaus werden Name und wenn möglich die Mobilnummer jedes Besuchers bei der Ankunft erfasst, berichtet der Einrichtungsleiter. Die Daten sollen es erlauben, Infektionsketten nachzuverfolgen.

Aufenthaltszahl wurde drastisch verringert

Das Team der Wohnungloseneinrichtung hat die maximale Zahl an Menschen, die sich in der Tagesstätte aufhalten dürfen, von 30 auf sieben verringert. Das ist immerhin ein Besucher mehr als zu Beginn des Jahres, als nur sechs Personen gleichzeitig Zutritt erhielten. "Wir haben noch mal neu nachgemessen", erklärt Störch die Lockerung. Zur leichten Entspannung der Lage trage auch der Umstand bei, dass immer mehr Wohnungslose geimpft sind. Zwischen 70 und 80 Prozent hätten sich mittlerweile über Hilfseinrichtungen immunisieren lassen. Dabei sei vor allem das Vakzin von Johnson & Johnson zum Einsatz gekommen, das nur einmal verabreicht werden muss. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Mehrheit der Wohnungslosen dem Impfen wohlgesonnen ist", berichtet Störch. Trotzdem sei Vorsicht angebracht. Auch im Haus Sankt Martin habe es schon Impfdurchbrüche gegeben, sagt der Diplom-Pädagoge.

Niemand soll vor der Wohnungsloseneinrichtung in der Kälte warten. Deshalb stellt das Haus Sankt Martin ab der kommenden Woche ein Zelt mit Heizstrahlern im Außenbereich auf. Um allen Besuchern trotz des beschränkten Platzes gerecht zu werden, ist die Aufenthaltsdauer in der Tagesstätte auf 20 bis 30 Minuten limitiert. "Das hängt davon ab, wie groß der Andrang ist", erklärt Störch. Neben der Essensausgabe in der Tagesstätte bietet das Haus Sankt Martin auch sechs Übernachtungsplätze. Die Beschränkung der Bettenzahl, die noch während der dritten Corona-Welle galt, ist mittlerweile aufgehoben. Allerdings greift im Schlafbereich die 3 G-Regel. Nur Geimpfte, Genesene oder negativ Getestete können ein Bett belegen. Das Gesetz schreibt vor, dass Übernachtungsgäste maximal sieben Tage pro Monat bleiben dürfen. Klaus Störch ist froh, dass seit Ende der dritten Welle auch das Kulturprogramm im Haus Sankt Martin wieder angelaufen ist. "Es gibt ein ungeheures Bedürfnis der Menschen, wieder mit der Einrichtung in Kontakt zu kommen", sagt der Leiter. Eine Gelegenheit dazu bietet die Lesung mit Marc Rybicki, der am 18. November um 19.30 Uhr sein Buch "Barneys Weg zur Glücklichkeit" vorstellt. Am 19. November um 14 Uhr eröffnet Christine Koch-Malyssek ihre Ausstellung "Morbides, Marodes & Nonsens". Für den 23. Dezember planen Störch und sein Team ein Weihnachtsessen, das gemeinsam mit der Flörsheimer Graulich-Stiftung organisiert wird. Aufgrund der Pandemie erhalten Wohnungslose dann eine warme Mahlzeit zum Mitnehmen. "Die Aufmerksamkeit aus der Bevölkerung ist sehr groß", meint Klaus Störch. sas

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