Am Denkmal für die im Weltkrieg gestorbenen Soldaten hat Beate Graf eine provisorische Gedenktafel angebracht. Sie soll auf die Opferrolle der im Krieg ums Leben gekommenen Soldaten hinweisen.
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Am Denkmal für die im Weltkrieg gestorbenen Soldaten hat Beate Graf eine provisorische Gedenktafel angebracht. Sie soll auf die Opferrolle der im Krieg ums Leben gekommenen Soldaten hinweisen.

Stadthistorie

Hattersheim: "Opfer statt Helden"

Beate Graf möchte Helden-Ehrenmäler zu Opfer-Gedenkstätten umwidmen.

Okriftel -Eine streitbare Frau ist Beate Graf, wenn es um das Gedenken an die Opfer der Weltkriege sowie von Diktaturen geht. Anlässlich des Gedenktages an die Opfer der Nazi-Diktatur am 27. Januar demonstrierte Beate Graf ihre Sicht der Dinge an einem Ehrenmal in Okriftel. Dort stellte sie ein provisorisches Schild hin mit der Aufschrift: "Den Opfern des Zweiten Weltkrieges gewidmet". Damit könne eine Diskussion in Gang gesetzt werden, die dazu führen könnte, dass die Ehrendenkmäler eine zusätzliche Bezeichnung auf einer Tafel bekommen.

Aber worum geht es Beate Graf genau? Die Pädagogin erklärte im Gespräch mit dem Kreisblatt, dass die Ehrendenkmäler für die Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges eine Heldenverehrung repräsentierten, in Wahrheit seien die Gefallenen aber Opfer der damaligen politischen Verhältnisse gewesen.

Deshalb sei es angebracht, auf zusätzlichen Tafeln auf diese Tatsache hinzuweisen. Der ehrenamtlich engagierten Politikerin bei der Fraktion der Linken im Kreistag ist völlig klar, dass ihre Sicht der Dinge für Diskussionen in der Stadt sorgen wird. Und nicht alle werden ihrer Meinung sein, dies weiß die Okriftelerin. Dennoch ist Beate Graf davon überzeugt, dass es Zeit ist, darüber nachzudenken, dass die gefallenen Soldaten in den beiden Weltkriegen nicht Helden waren, sondern - nüchtern betrachtet - eben Opfer von Politikern und Stimmungen in den beteiligten Ländern, die sich nicht einigen konnten und ihre Völker in den Krieg führten. Die Lehrerin weist darauf hin, dass sie in der eigenen Familie von entsprechenden Schicksale erfahren hat. So z.B. von ihren Großvätern und von ihrem im Zweiten Weltkrieg schwer verwundeten Vater. Sie alle waren Kriegsteilnehmer, die entsprechende traumatisierende Erlebnisse hatten. Denn kein Soldat sei ohne seelische Narben aus einem Krieg zurückgekommen.

Beate Graf geht es aber nicht um die Anstiftung zu einer langwierigen Diskussion oder gar Streit über den Sinn und Zweck von Ehrendenkmälern. Für sie ist sicher: Man denkt anders darüber als in früheren Jahrzehnten. Beate Graf erzählt aus ihrer eigenen Familiengeschichte, wie ihre Großväter, die den Ersten Weltkrieg als Soldaten miterlebt haben, noch viele Jahre nach dem Krieg dem Kaiser treu ergeben waren, in Gesprächen immer wieder auf ihn zurückkamen und ihn verehrten. Dass die Soldaten in Wahrheit die eigentlichen Opfer waren und nicht die Helden, sei dem Verdrängungsmechanismus des Menschen zu verdanken. Denn es höre sich besser an, wenn Helden sterben, als wenn es sich um Opfer handelte.

Um genau diese Definition geht es eigentlich bei dem Vorschlag von Beate Graf: Zu begreifen, was damals geschah und mit einem großen Abstand eine Neubewertung des Heldentums vorzunehmen. Für Beate Graf ist klar, dass heutzutage anders darüber gedacht werden muss. Und dies wiederum bedeutet für die Okriftelerin eine stringente Handlung: Nämlich eine zusätzliche Gedenktafel anzubringen, die Helden per Schriftform nachträglich sichtbar zu Opfern macht. So wäre der Wahrheit die Ehre gegeben. Denn das die Kriege zugleich Elend und Tod für viele Soldaten bedeuteten, sei Realität.

Aus längst vergangener Zeit, aber immer noch im Stadtbild von Okriftel zu sehen, sei ein Denkmal der Heldenverehrung. Auch in anderen Kommunen finde man nicht den Mut, die Lebenslüge den Tatsachen anzupassen, meint Beate Graf. "Opfer statt Helden. Das ist die Erkenntnis aus den Kriegen und der Verfolgung im letzten Jahrhundert." Man sollte aus vorgestrigen Heldengedenkstätten Opfergedenkstätten machen, auch für die Opfer des Völkermords an den europäischen Juden und die Opfer der Verfolgung durch das Nazi-Regime. meh

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