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Auch der Diebstahl von Nudeln kann vor Gericht enden. (Symbolbild).

Endstation geklaute Kekse

Hattersheim: Paar muss sich für Diebstahl von Nudeln und Butterkeksen verantworten

Gegen Elend kann auch ein Gericht nichts tun. Das wurde jetzt in Hattersheim deutlich. Eine Entscheidung musste trotzdem her.

Frankfurt - Das Elend hat viele Gesichter. Silvio S. und Natalie F. zeigen am Montagmorgen vor dem Amtsgericht Höchst zwei davon. Beide werden aus dem Gefängnis vorgeführt, der 46 Jahre alte S. in Handschellen, die 26 Jahre alte F. in Fußfesseln, die ihr auch während der Verhandlung nicht abgenommen werden. Dass die beiden sich wegen eines besonders schweren Diebstahls und des Versuchs verantworten müssen, liegt wohl kaum an der Beute, die die beiden in der Nacht auf den 27. Mai dieses Jahres in Hattersheim gemacht hatten: zwei Packungen Nudeln, eine Packung Soßenpulver und Butterkekse mit Schokoglasur im Gesamtwert von 1,79 Euro. Der Grund für die Schwere des Diebstahls liegt eher in der besonders geschützten Natur des Tatorts, einem kirchlichen Gemeindezentrum.

In ihrer Not war das Junkie-Duo (Alkohol, Crack, Kokain) bei der Tatortsuche ohnehin nicht wählerisch, denn noch am selben Abend wurden die beiden festgenommen, als sie versuchten, in das Hattersheimer Schulkinderhaus einzusteigen. Laut Anklage begrüßten die beiden das Eintreffen der Polizei beinahe und ließen sich überaus willig festnehmen.

Silvio S. braucht Obdach und Struktur

Beide sind voll geständig. Beide wollen ihr Leben ändern. Beide haben dazu allen Grund. Silvio S., so bestätigt es auch sein Führungszeugnis, kam schon früh mit Drogen in Kontakt und dem Gesetz in Konflikt. Er wurde bereits mehrfach wegen Diebstahls verurteilt, aber das ist lange her, der jüngste Eintrag stammt aus dem vergangenen Jahrtausend. Er kriegte die Kurve, lebte in einer Beziehung, arbeitete als Hausmeister in einer Kirche – bis die Liebe in die Brüche ging, er Wohnung und Job verlor und wieder bei den Drogen landete.

Wenn man ihn laufen lasse, sagt S., dann wolle er zu seinem Bruder nach Brandenburg ziehen, „der hat da so Hühner“ und einen Bauernhof, und er biete ihm alles, was er derzeit brauche: Obdach und Tagesstruktur.

Natalie F. hat zumindest fest vor, die Kurve zu kriegen. Sie leidet am Borderline-Syndrom, sie hat drei Kinder, alle leben in Obhut. F. will weg aus Frankfurt, von ihrem bisherigen Leben, sie will wieder zu ihrer Mutter nach Mannheim. „Ich fühle mich wie eine Schwerverbrecherin“, sagt die Frau in Fußfesseln. Dann bricht sie in Tränen aus, und noch etwas anderes bricht sich Bahn: „Ich bin so eine Scheiß-Mutter! Und ich bin so dumm!“

Gegen das Elend kann das Gericht nichts tun

Gegen das Elend kann auch das Amtsgericht nichts tun. Es will aber auch nicht den Weg hinaus verbauen. Silvio S. wird zu einer Freiheitsstrafe von dreizehn, Natalie F. zu einer von acht Monaten verurteilt, beide werden zur Bewährung ausgesetzt. Die Haftbefehle werden aufgehoben.

Silvio S. verlässt das Amtsgericht als freier Mann. Natalie F. aber wird ihre Fußfesseln immer noch nicht los. Der Haftbefehl in dieser Sache ist außer Kraft gesetzt. Aber ein anderer wegen einer anderen Sache bleibt in Kraft. Über diese andere Sache erfährt man nichts. Aber auch die ist mit Sicherheit aus Elend geboren.

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