Hier wurden Hunderte Stimmzettel ausgewertet: Wahlvorstand Michael Zeier (vorne) und sein Team hatten gestern Abend alle Hände voll zu tun. FOTO: Sascha kröner
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Hier wurden Hunderte Stimmzettel ausgewertet: Wahlvorstand Michael Zeier (vorne) und sein Team hatten gestern Abend alle Hände voll zu tun.

Bundestagswahl 2021

Hattersheim: Überraschungen sind immer drin

Mit welchen Problemen die ehrenamtlichen Helfer bei der Auszählung eines Briefwahlbezirks konfrontiert wurden.

Hattersheim -Die Zeiger der Uhr im Kutschersaal des Alten Posthofs stehen auf kurz vor sechs. Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Es wird gescherzt und gelacht, gleichzeitig liegt eine Spannung in der Luft. Denn in wenigen Minuten ist Konzentration gefragt. Auf den Tischen, die zu zwei großen Vierecken zusammengeschoben wurden, stapelten sich blaue Briefumschläge vor den Helfern - 1250 Stück, um genau zu sein. Wahlvorstand Michael Zeier und das Helfer-Team des Briefwahlbezirks 3 warteten auf ihren Einsatz. Der Zuspruch zur Briefwahl hat während der Corona-Pandemie stark zugenommen.

Bereits um 15 Uhr hatten sich die 16 Wahlhelfer im Kutschersaal getroffen, um die Auszählung vorzubereiten. Vanessa Stark war zum ersten Mal dabei. Freunde ihrer Eltern, die bei der Stadt arbeiten, hätten nach Unterstützung gefragt, erzählte sie. Als die Anfrage kam, sei sie sofort bereit gewesen, so die Neueinsteigerin, die trotz der verantwortungsvollen Aufgabe nicht nervös wirkte. "Man darf sich halt nicht verzählen und nicht vergucken", sagte die junge Frau. Die erste Tätigkeit, bei der sie die Helfer unterstützte, war das Öffnen der rosa Briefumschläge, in denen sich jeweils ein weiterer blauer Umschlag mit dem Wahlzettel sowie dem Wahlschein befindet. Nur wenn letzterer gültig war, kamen die blauen Umschläge zur Auszählung auf den Tisch. Um Zeit zu sparen, schlitzten die Helfer die Umschläge bereits mit einem Brieföffner auf. Nur gezählt werden durfte noch nicht. Dazu musste der Uhrzeiger erst noch die letzten Millimeter bis zur vollen Stunde vorrücken. Dann war es so weit: "Hat jemand 18 Uhr aufgerufen?", fragte einer der Helfer, und kurz darauf erfüllte das anhaltende Rascheln von aufgefalteten Wahlzettel den Kutschersaal. Während er selbst sortierte, beantwortete Michael Zeier Fragen: "Was machen wir mit Zetteln, auf denen nur eine Stimme vergeben ist?", wollte ein Helfer wissen, und der Wahlvorstand dirigierte ihn zu einem extra Haufen auf dem Tisch. Langsam schwanden die blauen Umschläge und wichen neuen Stapeln, auf denen die Helfer die Zettel nach den abgegebenen Stimmen sortierten. Waren Erst- und Zweitstimme einheitlich, so kam das Blatt auf den Stoß der jeweiligen Partei. Für uneinheitliches Wahlverhalten und kleine Parteien gab es Extra-Stapel. Michael Zeier hatte viel Zeit, sein System zu perfektionieren. Schließlich sei er schon seit mehr als zehn Jahren dabei. "Ich sehe das ein wenig als Bürgerpflicht", erklärte der Hattersheimer, der in dieser Zeit einiges erlebt hat. Auf manche ungültige Wahlzettel hätten Wähler in der Vergangenheit Gedichte geschrieben, erinnert sich Zeier. Doch auch er erlebt Überraschungen, die immer drin sind: "Moment, da fehlte etwas", stockte er gestern, als er plötzlich einen Wahlzettel in Händen hielt, dessen oberes Drittel fehlte. Der abgerissene Teil fand sich jedoch kurz darauf im blauen Umschlag. Laut Zeier wäre die Wahl auch mit dem ersten Abschnitt gültig gewesen, da sich beide Kreuze auf dem Stück Papier befanden.

Zeier ging davon aus, dass er mit seinem Team ihre Aufgabe nach etwa einer Stunde erledigt haben. Bei der Kommunalwahl im März dauerte es länger, weil die Zahl der Briefwähler in seinem Bezirk von rund 1200 auf 1500 angestiegen war. Die Verwaltung habe auf die durch die Corona-Krise verstärkte Zunahme der Briefwähler reagiert und die Zahl der Briefwahlbezirke um einen Bezirk auf insgesamt sieben erhöht. Wenn dies nicht passiert wäre, hätte sein Team gestern "eine ganze Ecke mehr" zu tun gehabt, glaubt er. Wird der Trend zu mehr Briefwahl nach der Pandemie anhalten? Michael Zeier geht davon aus: "Ich glaube nicht, dass das wieder zurückgeht." sas

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