Caritas-Einrichtungsleiter Klaus Störch steht vor dem Spiegel, der die Betrachter von ihrem etwaigen "hohen Ross" herunterholen soll. FOTO: Privat
+
Caritas-Einrichtungsleiter Klaus Störch steht vor dem Spiegel, der die Betrachter von ihrem etwaigen "hohen Ross" herunterholen soll.

Kunst

Hattersheim: Vor dem Spiegel der Wahrheit

Die Idee für eine Installation zum Thema "Wohnungslos" stammt aus dem Zoo.

Hattersheim -Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Um diese Erkenntnis zu verbreiten, hält Klaus Störch den Besuchern im Haus Sankt Martin am Autoberg wortwörtlich den Spiegel vor. Der Leiter der Caritas-Wohnungsloseneinrichtung hat eine neue Installation entworfen, die ab sofort in der Tagesstätte zum Nachdenken anregt. Betrachter sehen etwas, das sie täglich im Badezimmer zu Gesicht bekommen: Sich selbst. Bei Störchs Kunstobjekt handelt es sich nämlich um einen Spiegel - mit einer entscheidenden Ergänzung. Über der reflektierenden Fläche hat der künstlerisch ambitionierte Einrichtungsleiter einen Hinweis angebracht. "Obdachlosigkeit kann jeden treffen, auch dich!", steht dort geschrieben. Dies sei die erste Botschaft, mit der die Person vor dem Spiegel von ihrem hohen Ross geholt werden solle, erklärt der Diplom-Pädagoge. "Man schaut sich selbst ins Gesicht und erkennt die Möglichkeit, dass Menschen wie du und ich betroffen sein können."

In einem zweiten Schritt habe er sich der Digitalisierung bedient, berichtet Störch und verweist auf einen sogenannten QR-Code am oberen Rand des Spiegels. Wer das rechteckige Feld mit dem Smartphone scannt, gelangt zu einer Internetseite der Caritas, auf der die Risikofaktoren für Wohnungslosigkeit aufgelistet sind. Die Übersicht ist in gesellschaftliche und individuelle Ursachen unterteilt. Zu ersteren zählen etwa ein versagender Sozialstaat, Altersarmut, Wohnungsnot und Folgen von Migration. Die Aufzählung der individuellen Risiken reicht von Schulbildung, Arbeitslosigkeit und Verschuldung bis zu Schicksalsschlägen, Überforderung und Sucht. Klaus Störch möchte den Betrachtern die vielfältigen Ursachen vor Augen führen, von denen niemand ausgenommen ist. "Das ist wie ein Selbsttest", erläutert der Initiator. Die Internetseite solle ab Montag über den QR-Code erreichbar sein.

Der Ursprung von Störchs neuem Aufklärungsprojekt liegt im Frankfurter Zoo. Dort sei er als Kind häufig mit seinen Eltern gewesen, erzählt der Leiter des Hauses Sankt Martin. Besonders fasziniert habe ihn dabei ein Spiegel mit der Überschrift: "Hier sehen Sie das gefährlichste Raubtier der Welt". "Das war ein Bild, das mich immer begleitet hat", erzählt der Einrichtungsleiter. Deshalb habe er die Idee auf das Thema Wohnungslosigkeit übertragen. Der Zeitpunkt habe sich aufgrund des Tages der Wohnungslosen am 11. September angeboten.

Bei der praktischen Umsetzung erhielt Störch Unterstützung von Wolfram Eikemeier. Der Ingenieur im Vorruhestand engagiert sich ehrenamtlich im Haus Sankt Martin. Störch plant, den Spiegel künftig an Infoständen einzusetzen und die Installation an andere Initiativen auszuleihen. Er kann sich aber auch vorstellen, das Kunstobjekt künftig außen am Haus Sankt Martin zu installieren.

Ergänzend zu den allgemeinen Risiken für Wohnungslosigkeit sieht Klaus Störch gegenwärtig besondere Einflüsse, die den gewohnten Alltag bedrohen. "Das beste Beispiel ist die Klima- und Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal", so der Experte. Viele Menschen hätten durch dieses Unglück ihre Wohnung und ihre Arbeitsgrundlagen verloren. Auch in der Corona-Krise sieht Störch einen ernst zu nehmenden Risikofaktor: "Ich fürchte, dass nach der Pandemie noch eine Welle der Wohnungslosigkeit auf uns zurollt", erklärt der Caritas-Mitarbeiter. Derzeit würden die Sozialämter noch Mietkosten übernehmen, die über der üblichen Grenze liegen. Wenn diese Zusatzförderung wieder zurückgenommen werde, könnte dies bei einigen Menschen zu hohen Mietschulden führen. "Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum", betont Klaus Störch. Er hoffe, dass die neue Bundesregierung in dieser Richtung aktiv wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare