Wenn die Treppen zum Hindernis werden, sind sie zur Stelle: Luigi Dicaro und Djamal Hami (v. l.) sind für den Begleitdienst am Bahnhof zuständig. FOTO: kröner
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Wenn die Treppen zum Hindernis werden, sind sie zur Stelle: Luigi Dicaro und Djamal Hami (v. l.) sind für den Begleitdienst am Bahnhof zuständig.

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Hattersheim: "Wir bieten es einmal höflich an"

Was die Mitarbeiter des Begleitdienstes am Bahnhof an ihrem ersten Arbeitstag alles erlebten.

Hattersheim -Wenn die S-Bahn am Bahnsteig in Sichtweite kommt, wechseln Luigi Dicaro und Djamal Hami ihre Positionen. Die beiden Männer haben die Treppen am Hattersheimer Bahnhof stets im Blick. Solange kein Zug einfährt, übernimmt einer die Stufen im Norden, während der andere die Südseite überwacht. Sobald sich die Bahn nähert, begeben sich die Helfer zur mittleren Treppe, die die Unterführung mit dem Bahnsteig verbindet. In ihren roten Westen sind sie für die Fahrgäste nicht zu übersehen.

Doch was machen die Männer mit den auffälligen Oberteilen eigentlich am Bahnhof? Ihre grundlegendste Aufgabe wird deutlich, wenn Passagiere mit schwerem Gepäck oder mit Bewegungseinschränkungen auftauchen. Dann bieten Hami und Dicaro ihre Hilfe beim Tragen an - denn der zentrale Bahnsteig, von dem Züge nach Frankfurt und Wiesbaden abfahren, ist in Hattersheim nicht barrierefrei erreichbar. Einen Aufzug oder eine Rampe gibt es nicht. Seit gestern ist das Duo offiziell im Einsatz - und für manche Fahrgäste ist der neue Service am Bahnhof noch etwas ungewohnt. Beispielsweise für eine junge Frau, die am Nachmittag mit ihrem Kinderwagen an der Unterführung eintraf. Die Hattersheimerin reagierte zunächst etwas überrascht, als die motivierten Männer in rot auf ihren Nachwuchs zustürmten. Als ihr die Hilfskräfte dann jedoch beim Überwinden der steilen Treppe halfen, zeigte sich die Frau erleichtert. "Schön, dass es so etwas gibt", lobte die Bahn-Nutzerin. Es sei sehr schwer, mit dem Kinderwagen auf den Bahnsteig zu gelangen. Sie habe sogar schon darüber nachgedacht, die Stadt deshalb anzuschreiben.

Hilfe ist nicht immer erwünscht

Doch nicht immer war die Unterstützung der Hilfskräfte in deren ersten Einsatzstunden erwünscht. Er sei auch schon energisch von einer Frau zurückgewiesen worden, erzählt Djamal Hami. In solchen Fällen wollen sich die Helfer nicht aufdrängen. "Wir bieten es einmal höflich an", erklärt Luigi Dicaro. Viele Menschen hätten sich über das Angebot gefreut.

Doch die Hilfskräfte machen mehr als nur Koffer, Fahrräder und Kinderwagen schleppen: Durch ihre pure Anwesenheit werden sie zu Ansprechpartnern und vermitteln ein Sicherheitsgefühl. "Manche Leute fragen nach Zügen und dem Gleis", sagt Luigi Dicaro. Wenn er eine zerbrochene Flasche am Boden sehe, bücke er sich auch mal und hebe die Scherben auf, erklärt Djamal Hami. Gestern drückte er sogar auf den Türöffner einer haltenden Bahn, um einem Mann auf der Treppe zum Bahnsteig noch zusätzliche Zeit zu verschaffen. "Das darf ich nicht zu oft machen, sonst wird der Bahnfahrer böse", lachte der Helfer.

Genau wie die fehlende Barrierefreiheit ist auch das Hilfsangebot am Bahnhof nicht ganz neu. Bereits vor mehr als zwölf Jahren arbeitete die Stadt zeitweise mit der Selbsthilfe im Taunus (SiT) zusammen. SiT-Mitarbeiter unterstützen die Menschen bei der Bewältigung der Treppen. Das Unternehmen, das Arbeitslose in neue Tätigkeiten vermittelte, existiert heute nicht mehr. Die Treppen zum Bahnsteig bilden aber weiterhin eine Hürde. Zwar soll der Hattersheimer Bahnhof künftig barrierefrei umgebaut werden - nach Angaben der Verwaltung genießt das Projekt bei der Bahn hohe Priorität. Bis es so weit ist, soll nun jedoch der neue Begleitdienst für Erleichterung sorgen. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss, Mitarbeiter des Projektes "Engagement (Ent-)LOHNT" einzusetzen. Die Maßnahme des Main-Taunus-Kreises wurde 2019 ins Leben gerufen, um Langzeitarbeitslosen eine Perspektive zu bieten. In diesem Rahmen läuft der Service nun in einer Probephase - wochentags jeweils von 7 bis 10 Uhr sowie von 16 bis 19 Uhr. Bei positiver Resonanz soll der Begleitdienst ab 1. November befristet für ein Jahr eingerichtet werden.

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