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Seine Mieter müssen ihre Wohnung verlassen: Vermieter Ferdinand Schlereth vor seinem Haus.

Gewerbe soll nicht gestört werden

Trotz Wohnungsnot: Bauaufsicht zwingt Mieter ihre Wohnung zu räumen

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Mit dem Bebauungsplans N 92 wurde im Jahr 2013 das „Gewerbegebiet Ost“ beschlossen. So sollte „der ausufernden Wohnnutzung sowie dem Verdrängungseffekten durch Vergnügungsstätten entgegengewirkt“ werden. So wollten es damals die Stadtverordneten. Die Konsequenzen tragen nun einige Anwohner mit aller Härte.

Hattersheim - Ferdinand Schlereth verliert gerade seine Altersvorsorge. Mieter für Mieter. So sieht er das. Eigentlich sollten die acht Wohnungen in seinen beiden Häusern an der Straße „Auf der Roos“ seine Rente aufbessern. „Als Selbstständiger ist die Rente ja nicht so üppig“, sagt er. 82 Jahre ist er alt, weiße Haare, weißer Schnauzbart, Handwerker durch und durch, einer, der anpackt. Früher hat er als Malermeister gearbeitet. Im Keller waren seine Betriebsräume, oben hat er vor über 50 Jahren aus Büros dann Wohnungen gemacht, weil niemand Büros anmieten wollte. Die Bäder hat er selbst eingebaut. „Ich bin ja Handwerker“, sagt er. Auch im Nachbargebäude, das ihm ebenso gehört. Vom damaligen Bürgermeister Norbert Winterstein (SPD) ließ er sich bestätigen, dass die acht Wohnungen in dem Gewerbegebiet vermietet werden können. Fertig war ein Teil seiner Altersvorsorge.

Wegen des Bürgermeisterschreibens machte sich Schlereth keine Sorgen, als die Stadtverordneten im März 2010 beschlossen, für das Gewerbegebiet Ost den Bebauungsplan zu erneuern. Ängste kamen auch nicht auf, als im Juli 2013 der B-Plan Nummer 92 fertig war, und sie das Gebiet zwischen den Straßen „Am Welschgraben“ und „Auf der Roos“ als Gewerbegebiet bestätigten, um „der ausufernden Wohnnutzung sowie den Verdrängungseffekten durch Vergnügungsstätten“ entgegenzuwirken, wie es unter anderem in den Planungszielen hieß. Schlereth hatte ja seine 45 Jahre alte Bescheinigung vom Bürgermeister und mehr als sein halbes Leben dort gewohnt und vermietet.

Gewerbegebiet Ost nur für Gewerbe

Wie bedeutungslos das alles für die Verwaltung des Main-Taunus-Kreises ist, erfuhr er erst im Vorjahr. In einem Schreiben informierte ihn der Main-Taunus-Kreis, dass die vermieteten Wohnungen geräumt werden müssen. Schließlich handele es sich beim Gewerbegebiet Ost um kein Mischgebiet, in dem Wohnungen und Gewerbe nebeneinander existieren dürfen. Nur Schlereth und seine Tochter dürfen als Eigentümer im Haus wohnen.

Die Mieter müssen das Haus verlassen: Auf der Roos 7.


Gegenüber dieser Zeitung erläutert Kreissprecher Johannes Latsch: Wegen des Lärms der Gewerbebetriebe könnten Anwohner klagen. „Da wegen der rechtlichen Bestimmungen dort Mietwohnungen für betriebsfremde Personen nicht erlaubt sind, geht die Bauaufsicht des Main-Taunus-Kreises schon seit Längerem gegen diese illegale Nutzung vor.“

"Ich dachte, es herrscht Wohnungsnot."

Für all das hat Schlereth kein Verständnis. „Ich dachte, es herrscht Wohnungsnot“, sagt er. Eine Beschwerde über den Lärm habe es von seinen Mietern nie gegeben. „Im Gegenteil, hier am Feldrand ist es ruhiger als an einer Straße.“ Bis Ende vergangenen Jahres mussten seine Mieter ausziehen. Nur eine Familie hat einen Aufschub bis zum 31. März bekommen. Etwa ein Monat bleibt Familie Velichkova noch, um eine neue Bleibe zu finden. „Seit zwei Monaten suche ich jeden Tag“, sagt Suzana Velichkova. „Auf E-Mails bekomme ich keine Antworten und wenn ich mit den möglichen Vermietern telefoniere, sagen sie ab, weil ihnen sechs Personen für eine Fünf-Zimmer-Wohnung zu viel sind.“

Ihre Wohnung muss Suzana Velichkova räumen


Wohnungssuche mit vier Kindern

Vier Kinder hat das Paar, alle gehen zur Schule und keines wolle die Schule wechseln, sagt die Mutter. Die Zeit läuft und die Frage: „Was ist, wenn ich keine Wohnung finde?“, plage sie. Sie wolle ihren Kindern Stabilität geben, ein Zuhause. „Wenn wir nun von einer Übergangslösung zur nächsten wechseln, dann werden die Noten meiner Kinder schlechter.“ Was soll mit den Spielsachen und den Möbeln werden? Wie soll man all das regeln in nur einem Monat, wenn man noch nicht mal eine Wohnung hat und es so aussieht, als würde man auch keine finden?

Velichkova zwingt sich, ruhig zu bleiben. Gern würde sie einen Vertrag unterschreiben und versichert, sich niemals über den Lärm der kleinen Autowerkstatt hinterm Haus zu beschweren. Aber so funktioniert das nicht. Sie muss raus. Wegen „ausufernder Wohnnutzung“.

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