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Die Engelmühle um das Jahr 1967.

Historisch

Ein Jahrhunderte alter Problemfall: Die lange Geschichte der Ölmühle

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Die Ölmühle am Hessendamm wird auch Engelmühle genannt. Das geht auf einen Gründer mit Namen Engel zurück, der den Betrieb aber nur vier Jahre hatte.

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis eine Entscheidung gefallen war über die Zukunft des Gebietes der ehemaligen Ölmühle. Schon vor deutlich mehr als zehn Jahren prangte ein Schild „Zu verkaufen“ an dem Gelände, und erst jetzt wird eine neue Bebauung mit Wohnungen vorbereitet (siehe Meldung links). Dass diese Zeitspanne so lang wurde, hat nicht nur mit dem Anwesen selbst zu tun. Aber auch früher hatten die Besitzer Probleme damit, es wirtschaftlich nutzen zu können.

Und das fängt schon mit Georg Engel an. Der stammte aus Flörsheim und erhielt im Jahre 1710 die Konzession zum Bau einer neuen Mühle an der Ortsgrenze nach Okriftel. Er hatte allerdings eine Menge Auflagen zu erfüllen, hat Wolfgang Fritsche im Hessischen Staatsarchiv recherchiert. Fritsche hat zur Vorbereitung des geplanten Baugebietes die Geschichte der Engelmühle erforscht und daraus einen Beitrag für das aktuelle Main-Taunus-Jahrbuch geschrieben.

Dort erfährt man, dass Engel sich mit der Gemeinde und den Nachbarn abstimmen musste, dass er den Wasserlauf des Baches nicht behindern durfte, dass er recht hohe Abgaben an die kurfürstliche Regierung in Mainz zahlen musste, und dass er der Bewässerung der angrenzenden Wiesen zustimmen musste. Außerdem wurden Lage und Höhe des Mühlenwehres vorgegeben.

Der weitere Gang der Dinge sei undurchschaubar, schreibt Fritsche; Engel habe die Mühle nicht fertig gebaut, sondern verkauft. Der Müller muss erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten gehabt haben. Auf der Internetseite des Historischen Arbeitskreises Flörsheim nämlich erfährt man, dass er die Taubermühle in Flörsheim wegen nicht beglichener Schulden und Zinsen abgeben musste – und zwar 1710, genau dem Jahr also, in dem er die Konzession für die neue Mühle in Hattersheim bekam. Gut möglich, dass die Behörden von den Flörsheimer Problemen wussten und mit den strengen Auflagen auf Nummer sicher gehen wollten.

Aber Engel tat sich auch in Hattersheim schwer. Die Fließgeschwindigkeit des Schwarzbaches habe für eine rentable Arbeit nicht ausgereicht, schreibt Fritsche. Ob sich Engel als erfahrener Müller da unterschätzt hat? Jedenfalls baute er die Mühle nicht fertig und verkaufte sie, um schon 1714 Wasserrechte für eine neue Mühle am Schwarzbach zu beantragen. Die bekam er nicht, da sich das Problem mit der Fließgeschwindigkeit bis zur Gemeinde herumgesprochen hatte.

Die Engelmühle hatte er an Lorenz Förg aus Höchst verkauft, der die gleichen Probleme wie Engel hatte, denn er beantragte eine Reduzierung der Abgabenlast. Was daraus wurde, ist unbekannt, nach seinem Tod jedenfalls verkaufte der Vormund seiner minderjährigen Kinder die Mühle 1722 an den Konvent des Klosters am Allerheiligenberg bei Weisenau. Als der Bischof das Geschäft genehmigte, verband er dies mit dem Hinweis darauf, dass die Abgaben in voller Höhe zu zahlen seien.

Das war aber auf die Dauer nicht machbar, was sich daran zeigte, dass die Mühle 1740 schon wieder zum Verkauf stand. Es folgten weitere Besitzerwechsel, die alle zu erwähnen hier nicht der Platz ist. Wichtig aber ist, dass eine Familie Zimmermann die Mühle ab 1756 betrieb und fast 130 Jahre im Besitz hatte. In dieser Zeit wurde der Betrieb mehrfach ausgebaut, die Familie kam zu einem gewissen Wohlstand. Erst als die wirtschaftliche Lage durch die Konkurrenz dampfgetriebener Mühlen gegen Ende des 19. Jahrhunderts schwieriger wurde, verkauften die Zimmermanns die Mühle wieder.

In einer solchen Situation wird ein Betrieb entweder geschlossen oder man setzt auf Expansion. Die neuen Besitzer, zuerst eine „Actiengesellschaft Engelmühle“, dann ein „Verein deutscher Ölfabriken“ machten aus der Mühle eine große Ölfabrik mit vielen Gebäuden. Um die Jahrhundertwende wurde überwiegend Salatöl hergestellt, 65 Mitarbeiter waren angestellt. 1917 übernahmen die Farbwerke Höchst das Anwesen und bauten es zu einem Versuchsgut um.

Für einen in einer früheren Veröffentlichung erwähnten Brand im Jahre 1929 konnte der Autor im Staatsarchiv keine Hinweise finden; es kann daher bezweifelt werden, dass es dieses Feuer gab. Dagegen ist die Zerstörung eines größeren Teils der Gebäude durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg unstrittig. Bei der geplanten Neubebauung soll in das noch vorhandene historische Gebäude in Form von Gastronomie übrigens eine Nutzung einziehen, die es dort noch nie gab.

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