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Eine hochwertige Kinderbetreuung ist Eltern und Politikern ein Anliegen. Wie aber lassen sich die Kosten gerecht verteilen? Symbolfoto: Agentur

Bericht

Die Nöte der Erzieherinnen

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Besuch aus dem Hessischen Landtag nutzte ein Teil der 25 Mitarbeiter in der Kita-Sonnenschein, um die Herausforderungen der frühkindlichen Bildung darzustellen. Sie berichteten von Patchwork-Kindern, überforderten Eltern, fehlender Attraktivität des Berufs und steigenden Anforderungen.

„Die Gesellschaft hat sich verändert.“ Das Personal in einer Kita kriege dies hautnah mit, erzählt Olympia Tanopoulou. Die Erzieherin weiß, wovon sie spricht: Sie leitet die evangelische Kindertagesstätte „Sonnenschein“, die für vier Kita-Gruppen mit je 25 Kindern und zwei U3-Gruppen mit jeweils zwölf Kindern zugelassen ist. Derzeit werden aber nur 114 Kinder in der Hattersheimer Einrichtung betreut. Kinder mit besonderem Integrationsbedarf erfordern es, dass die Kapazität gesenkt wurde.

René Rock, Vorsitzender der FDP-Fraktion im hessischen Landtag, wollte sich in der evangelischen Kita „Sonnenschein“ über die Herausforderungen der frühkindlichen Bildung informieren. Ein Teil der Mitarbeiter berichtete aus dem Erzieherinnen-Alltag.

Es gebe heute nicht mehr nur die klassische Familie mit zwei Elternteilen und zwei Kindern, berichtet Erzieherin Jutta Hack dem Besucher aus dem Landtag. „Patchwork-Familien“, in denen Stiefeltern oder Alleinerziehende die Verantwortung übernehmen, seien immer häufiger. Als Erzieher müsse man nicht nur mit den Kindern, sondern auch mit den Eltern arbeiten.

„Die Eltern sind unsicher geworden, wie sie ihr Kind erziehen sollen“, so Jutta Hack. „Wir müssen sehr viel auffangen“. Besonders bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren stoße sie auf Ambivalenz, so Kollegin Daniela Fischer. Im U3-Bereich gebe es Eltern, die ihre Kind abgeben müssen, aber dies eigentlich noch gar nicht wollen. „Die Eltern haben ein schlechtes Gewissen“, glaubt Marion Ferkau. Diese Spannung bekomme letztlich auch das Kind zu spüren.

Kita-Chefin Olympia Tanopoulou betonte, dass ihr Team mit sehr unterschiedlichem Bedarf konfrontiert werde. Als Beispiel nennt sie das Kind einer Flüchtlingsfamilie, mit der die Kommunikation sehr schwer falle. Die Kita habe einen Integrationsantrag gestellt, um eine zusätzliche Betreuungskraft zu erhalten.

Die Erzieherinnen bemängeln, dass vielen Kindern von alleinerziehenden oder stark berufstätigen Eltern eine männliche Bezugsperson fehle. Im Kita-Alltag setze sich dies fort, weil es kaum männliche Erzieher gebe. Die Attraktivität des Berufes liege im Argen, sagt Jutta Hack. „Ihr spielt ja eh nur mit den Kindern“, sei das falsche Bild, das oftmals vorherrsche.

Pfarrerin Marlene Hering äußert die Vermutung, dass geringe Verdienstmöglichkeiten dazu beitragen, dass Männer kaum Interesse zeigen. Darüber hinaus hat Olympia Tanopoulou die Beobachtung gemacht, dass junge Auszubildende verwöhnter und weniger flexibel seien als früher. Jeder kenne sich theoretisch aus und wisse genau wie viele Urlaubstage ihm zustehen. „Theorie und Praxis passen aber oft nicht zusammen“, sagt die Leiterin der Kita „Sonnenschein“.

In der Kita werde immer wieder neu überlegt, wie sich der Bildungsplan am besten umsetzen lässt, erklärt Olympia Tanopoulou. Ihre Einrichtung verfolge ein teiloffenes Konzept mit Gruppen und freien Angeboten.

Ein Experiment, das die Einrichtung wieder aufgab, war das gemeinsame Mittagessen. Kinder wechselten sich im 30-Minuten-Takt im Speiseraum ab. Dies sei für die Knirpse, die teilweise bis zu 10 Stunden in der Einrichtung verbringen, zu viel gewesen. „Wir wollen die Kinder auch mal zur Ruhe kommen lassen“, sagt die Kita-Leiterin. In einem Essensumfeld, das an eine Kantine erinnert, sei dies nicht möglich gewesen.

Fast jedes Kind sei heute in irgendeiner Form verhaltensauffällig, sagt Pfarrerin Marlene Hering. Die Gruppe, die eine Erzieherin überblicke, sei oft zu groß, um genau hinzuschauen und sich zu fokussieren, gibt die stellvertretende Kita-Leiterin Rita Meckler zu bedenken. Man spüre schon einen Unterschied, wenn zehn statt zwölf Kinder in einer U3-Gruppe untergebracht werden.

Ideal wären aus Sicht der Erzieherinnen acht Kinder. Im Kita-Bereich erscheinen ihnen 18 Kinder als optimale Gruppengröße. Vorerst muss das Team aber weiterhin mit einer normalen Gruppengröße von 25 Kindern zurecht kommen.

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