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Sylvia Galle, seit sechs Jahren obdachlos, sitzt auf dem Bett in einem der Zimmer von Sankt Martin und bearbeitet Ledertaschen.

Warme Übernachtungsmöglichkeiten

Obdachloseneinrichtung Sankt Martin ist in der kalten Jahreszeit eine begehrte Anlaufstelle

Herbst und Winter sind für diejenigen Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, eine große Herausforderung. Denn warme Übernachtungsmöglichkeiten gibt es nicht so viele.

Tag für Tag sinkt das Quecksilber im Thermometer etwas tiefer. Viele Menschen empfinden die kalte Jahreszeit als gemütlich und freuen sich bereits auf das kommende Weihnachtsfest. Doch nicht jeder kann einfach die Heizung höher drehen oder sich mit einer heißen Tasse Tee vor den Kamin zurückziehen. Für Personen ohne festen Wohnsitz bedeuten die kommenden Monate eine harte Herausforderung. Ohne warmen Unterschlupf sind sie Kälte, Schnee und Eis schutzlos ausgeliefert. Die Winterzeit sei ganz generell die härteste Zeit für Wohnungslose, bestätigt Klaus Störch, Leiter des Hattersheimer Hauses Sankt Martin am Autoberg. 

„Wir beobachten den Wetterbericht sehr genau“, erklärt der Chef der Caritas Wohnungsloseneinrichtung. In der Anlaufstelle an der Frankfurter Straße werden ab diesem Monat deshalb besondere Vorkehrungen getroffen. Ab Ende des Monats bietet das Haus ergänzend zu den bestehenden sechs Übernachtungsmöglichkeiten noch zwei Notbetten an. „Wir weisen in der kalten Jahreszeit niemanden ab“, betont Störch. Und wenn trotzdem ein Übernachtungsgast zu viel vor der Tür steht? „Dann würden wir den auch nicht wegschicken“, sagt der Leiter des Hauses Sankt Martin. Das Team würde versuchen, diese Personen am nächsten Tag an Einrichtungen zu vermitteln, mit denen Sankt Martin zusammenarbeitet. 

Erweiterte Öffnungszeiten ab Ende November

Zusätzlich zur höheren Bettenzahl erweitert das Haus Sankt Martin ab dem Monatsende seine Öffnungszeiten. Der Gemeinschaftsraum der Tagesstätte öffnet dann zudem samstags von 9 bis 12 Uhr. Besucher können Frühstücken, Zeitung lesen oder ihre Wäsche waschen. Im Sommer lohne sich die Öffnung am Wochenende nicht, weil die meisten Durchreisenden von Montag bis Freitag kommen, erläutert Klaus Störch. Dies hängt mit finanziellen Unterstützungsansprüchen zusammen. An Wochentagen können Wohnungslose nämlich ihre Tagessätze in der Frankfurter Straße abholen. Im Winter wolle man auch an Samstagen einen warmen Raum als Treffpunkt anbieten, sagt Störch, der das Haus Sankt Martin als eine „Heimat auf Zeit“ bezeichnet. Die Wärme in Sankt Martin Schutzraum nutzt zurzeit Sylvia Galle, die seit sechs Jahren keine Wohnung mehr hat. 

In Notlagen kann das Team der Hattersheimer Wohnungslosenhilfe auch mit Decken und warmen Kleidungsstücken aushelfen. Die Einrichtung der Caritas unterhält eine eigene Kleiderkammer. Unterstützung komme von der Ökumenischen Kleiderkammer aus der Nachbarstadt Flörsheim. Darüber hinaus helfen Privatleute mit Spenden. „Viele Bürger machen sich Gedanken“, freut sich Klaus Störch. Gerade erst seien wieder Mäntel, Decken und Jacken bei ihm eingegangen. Etwas schade findet er, dass Wohnungslose meist erst im Winter in den Fokus rücken. Unterstützung können die Menschen ohne festen Wohnsitz nämlich das ganze Jahr über gebrauchen. 

Aufenthaltserlaubnis in besonders strengen Wintern verlängert

Neben den bereits genannten Reaktionen kann das Haus Sankt Martin im besonders strengen Winter noch auf eine Sonderregelung zurückgreifen: Normalerweise dürfen Übernachtungsgäste nicht länger als sieben Tage in der Einrichtung verweilen. Wenn für mehrere Tage Temperaturen unter dem Gefrierpunkt angesagt seien, erteile das Landratsamt eine Genehmigung, die Aufenthaltserlaubnis zu verlängern, erklärt Klaus Störch. Dies komme fast in jedem Winter vor. 

Die Kälte ist jedoch nicht das Einzige, was Menschen auf der Straße im Winter belastet. Die Weihnachtszeit sei eine gefühlsmäßig sehr aufgeladene Zeit, so Störch. „Vielen Wohnungslosen wird gerade in dieser Zeit ihre Einsamkeit bewusst“, erklärt der Diplom-Pädagoge. Auch bei der Bewältigung solcher Krisen greift die Hilfseinrichtung den Betroffenen unter die Arme. Am 21. Dezember richtete die Einrichtung eine Weihnachtsfeier für ihre Besucher aus. 

Die Flörsheimer Graulich-Stiftung finanziert an diesem Tag das Gänse-Essen. Selbst an eine Bescherung mit kleinen Geschenken haben die Wohnungslosenhelfer gedacht. Meist gebe es Päckchen mit praktischen Dingen, berichtet Störch. Tabak sei ein beliebtes Geschenk. „Für viele Wohnungslose ist das Rauchen eine ihrer verbliebenen Freuden“, erläutert der Chef des Hauses Sankt Martin.

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