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Die ehemalige jüdische Schule an der Kirchgrabenstraße soll als Gedenkstätte erhalten bleiben. Dies fordert die Arbeitsgemeinschaft Opfergedenken. Foto: Privat/AG Opfergedenken

Stadtgeschichte

Okriftel: Jüdische Schule wird erneut zum Diskussionsthema

Die AG Opfergedenken fordert die Schaffung eines Ausstellungsraums in einem denkmalgeschützten Gebäude an der ehemaligen Phrix-Fabrik.

Okriftel -Fußgänger stoßen in der Kirchgrabenstraße auf Spuren des jüdischen Lebens im Stadtteil Okriftel. Vor der Fassade der ehemaligen Phrix-Papierfabrik erinnern acht Stolpersteine an Mitglieder der Unternehmerfamilien Offenheimer und Bloch, die während des Nationalsozialismus ihres Eigentums beraubt wurden und fliehen mussten. Der Hattersheimer Geschichtsverein und die Arbeitsgemeinschaft Opfergedenken wünschen sich, dass auch hinter der Fassade an die frühere Nutzung durch die jüdische Gemeinde erinnert wird. Speziell geht es um ein Backsteinhaus in der Kirchgrabenstraße, das einst als jüdische Schule diente.

Anlässlich des Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November erinnert die AG Opfergedenken an die Geschichte der Phrix. Gleichzeitig äußern die Mitglieder die Befürchtung, die ehemalige jüdische Schule könnte künftig in ein Bürogebäude umgewandelt werden. Weite Teile des Phrix-Areals, auf dem sich auch die ehemalige Schule befindet, sind im Besitz der Prinz von Preußen Grundbesitz AG, die dort ein Wohnquartier mit Loftwohnungen entwickelt. Die Zukunft der Schule ist dabei ungewiss. Hattersheim brauche den Ort "zur Dokumentation der zum Teil schmerzvollen Standortgeschichte" mahnt die AG Opfergedenken. Das Backsteingebäude sei der einzige authentische Versammlungsort jüdischen Lebens in der Mainstadt.

Ein Lageplan aus dem Jahr 1911 markiere das Gebäude als "Bibliothek". Okrifteler Zeitzeugen hätten die Nutzung als Kantine, Schule oder Synagoge bestätigt. Diese Überlieferung passt aus Sicht der AG Opfergedenken: Synagogen seien keine reinen Gottesdienststätten, sondern Orte, an denen auch andere Gemeindeveranstaltungen stattfinden. Zudem beherberge eine Synagoge immer auch eine Bibliothek für gemeinsame Studien des Schrifttums. Aus dem Jahr 1929 sei bekannt, dass das Obergeschoss der Schule zur Wohnung umgebaut wurde.

In ihrer Stellungnahme zur Historie der Phrix werfen die Mitglieder der AG Opfergedenken die Frage auf, wie viel Erinnerung bei der derzeitigen Umwandlung des denkmalgeschützten Fabrikgebäudes bleiben wird. Eine Aufrechterhaltung der Historie war zumindest in ersten Planungsunterlagen vorgesehen: Das Planungsbüro Albert Speer & Partner GmbH erstellte im Jahr 2016 ein Konzept im Auftrag der Prinz von Preußen AG, das mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt wurde. Darin heißt es: "Zur Dokumentation der zum Teil schmerzvollen Standortgeschichte, vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus, ist geplant, die ehemalige jüdische Schule als Denkmal zu erhalten und einer Ausstellungsnutzung zu Denkmal-Werten der ehemaligen Phrix-Werke zuzuführen." Die AG Opfergedenken betont, dass sie diese Forderung unterstütze.

Die Prinz von Preußen AG ist bei der Umwandlung der Fabrik und ihrer angrenzenden Bauten an Vorgaben des Denkmalschutzes gebunden. Die betreffen jedoch nicht die Nutzung der Gebäude. Die Hattersheimer Verwaltung hat bei ihren Verhandlungen mit dem Projektentwickler nicht auf die Umsetzung eines Ausstellungsraums gepocht. Auf Nachfrage erläutert Bürgermeister Klaus Schindling (CDU), dass Infrastrukturmaßnahmen als Ausgleich für die geschaffenen Wohnungen von Prinz von Preußen übernommen werden. So unterstütze der Investor die Stadt beim Bau eines Rad- und Fußwegs am Mainufer und leiste einen finanziellen Beitrag zur Schaffung weiterer Kita-Plätze. Die Übereignung der jüdischen Schule habe bei den Verhandlungen hinten angestanden. "Ich habe die Priorität auf Kita-Plätze gelegt", erklärt Schindling. Er hätte einen Ausstellungsraum auch schön gefunden, so der Bürgermeister. Der Projektentwickler könne mit der ehemaligen Schule allerdings machen, was er wolle. Dass die AG Opfergedenken jetzt für eine bestimmte Nutzung werbe, sei "fast frech". "Dann muss der Verein das Gebäude halt erwerben", sagt Klaus Schindling. Oder die Stadtverordnetenversammlung müsse beschließen, das Gebäude zu kaufen. Sascha Kröner

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