Die Seniorenresidenz im "Mühlenviertel" wurde vor drei Jahren eröffnet.
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Die Seniorenresidenz im "Mühlenviertel" wurde vor drei Jahren eröffnet.

Seniorenresidenz im „Mühlenviertel“

Pflege-Skandal auf Demenzstation

  • Ulrike Kleinekoenen
    vonUlrike Kleinekoenen
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Die Heimaufsichtsbehörde hat bereits die Geschäftsführung des Hauses auf Defizite aufmerksam gemacht. Ingeborg Hager hat schon Strafanzeige gestellt.

Edeltraud Hager war schwer gestürzt, alleine konnte die alte Dame nicht mehr ihren Haushalt führen, außerdem wurden die Anzeichen der Demenz immer auffälliger. Deshalb hat Ingeborg Hager ihre 91 Jahre alte Mutter vor einem Dreivierteljahr in der Seniorenresidenz im „Mühlenviertel“ untergebracht, die erst 2012 eingeweiht worden war. Schnell hatte sich Edeltraud Hager mit einer Mitbewohnerin auf der „Mainpromenade“, wie die Demenzstation genannt wird, angefreundet. Täglich kam Tochter Ingeborg zu Besuch, die auch bereit war, für das Wohlergehen ihrer Mutter monatlich 2400 Euro draufzulegen, um die Kosten von rund 4000 Euro zu decken. Alles war anfangs in Ordnung, doch jetzt erhebt Ingeborg Hager schwere Vorwürfe gegen die Seniorenresidenz. Vor gut zwei Monaten bekam ihre Mutter eine schwere Erkältung, die der alten Dame zu schaffen machte.

Da brauchen gerade ältere Menschen viel Flüssigkeit. Die hat Edeltraut Hager offensichtlich nicht bekommen, völlig dehydriert wurde sie ins Krankenhaus nach Bad Soden eingeliefert, wo neben einem akuten Nierenversagen auch noch festgestellt wurde, dass sich die Patientin in einem „schlechten Pflegezustand“ befindet, wie Tochter Ingeborg in den Befunden der Klinik nachlesen konnte. Damit nicht genug: Als Edeltraud Hager nach einer Woche Klinikaufenthalt wieder ins Heim kam, habe sie gerade noch verhindern können, dass ihre Mutter aus dem Tablettenbecher, der unbeaufsichtigt in ihrem Zimmer stand, eine Entwässerungstablette nehmen konnte, sagt die gelernte Pharmazeutin.

Ein Tablett mit sämtlichen Tabletten der Bewohner dürfe außerdem nicht unbeaufsichtigt an der Spüle in der Gemeinschaftsküche stehen, wo alle dementen Bewohner gemeinsam essen, sagt Ingeborg Hager, die diese Situation mit der Kamera festgehalten hat.

Weiter klagt die 58-Jährige an, dass ihre Mutter, als sie im März eine Durchfallerkrankung bekam, statt einer entsprechenden Nahrung, ein Brötchen mit Butter und Marmelade bekam. Abends sei die vom Mittag aufgewärmte pürierte Suppe angeboten worden, als Alternative gab es einen Hawaiitoast.

Auch Andrea Roth hat ihre Mutter Ilse Fröhlich im August 2013 in der Seniorenresidenz untergebracht, weil ihr das beworbene Konzept der Alltagsbegleitung zugesagt hat. Davon werde nichts umgesetzt, sagt die 47-Jährige heute. Sie besitzt erschreckende Fotos, die ihre Mutter Ilse Fröhlich (84) vollgekotet in ihrem Bett liegend zeigen. Außerdem werde das Personal verheizt, ist Andrea Roth überzeugt. Einige Kräfte müssten 20 Tage am Stück arbeiten, häufig sogar Doppelschichten

Am 13. März ist Edeltraud Hager gestorben, in der vergangenen Woche wurde sie beerdigt. Ingeborg Hager ist überzeugt, dass ihre Mutter noch leben würde, hätte sie in den letzten Wochen eine bessere Pflege erhalten. Als sie jetzt den Nachttisch ihrer verstorbenen Mutter ausräumte, hat sie dort drei Morphin-Tabletten gefunden. In ihrer Trauer sorgt sich die Hattersheimerin darum, dass es anderen Bewohnern ähnlich ergeht. Nachdem sie Zeuge wurde, wie ein Bewohner von einer Pflegekraft geschüttelt wurde, weil er so oft zur Toilette musste, hat sie Strafanzeige wegen der Misshandlung Schutzbefohlener gestellt.

Mehrfach hat sich Ingeborg Hager an die Heimleitung gewandt – ohne dass sich etwas geändert habe, sagt sie. Schließlich hat sie das Hessische Amt für Versorgung und Soziales als Heimaufsichtsbehörde eingeschaltet. Die eingegangenen

Beschwerden

habe das Amt als örtlich zuständige Behörde überprüft, umgehend reagiert und die betroffene Pflegeeinrichtung am 18. März nochmals überprüfen lassen, erklärte das Sozialministerium auf Nachfrage. Die Unterlagen seien derzeit in der Prüfung. Die Heimaufsicht habe von sich aus auf Defizite aufmerksam gemacht. Welcher Art diese Defizite sind, darauf wollte die Behörde gestern auf mehrfaches Nachfragen nicht eingehen und verwies nur darauf, dass die

Beschwerden

noch geprüft würden.

Der Leiter der Einrichtung, Thomas Kohwagner, wollte sich gestern zu den Vorwürfen nicht äußern und verwies gleich an die Geschäftsleitung der Mediko-Gruppe, Susanne Thon von der Geschäftsleitung erklärte, dass mehrere Prüfungen stattgefunden hätten. Auch der medizinische Dienst sei mehrfach unangemeldet im Haus gewesen. Thon räumte allerdings ein, dass Defizite im Bereich der Dokumentation festgestellt wurden. Das Haus versuche, diese abzustellen. „Daran müssen wir arbeiten“, sagte Susanne Thon, die ausdrücklich darauf hinweist, dass die Behörde „keine Hygienemängel“ und keine schwerwiegenden Defizite in der Bewertung des Pflegezustands der Bewohner angemahnt habe. Die Geschäftsleitung der Mediko-Gruppe hat heute Pressevertreter eingeladen, sich selbst ein Bild von dem Haus zu machen.

Marion Rohland, Andrea Roth und Ingeborg Hager haben indessen die Kelsterbacher Anwältin Alexandra von Jentzkowski eingeschaltet. Die Hattersheimerinnen erwägen rechtliche Schritte gegen die Residenz. Auch wenn Ingeborg Hager weiß, dass sie ihrer Mutter nicht mehr helfen kann. Aber sie möchte, dass anderen Bewohnern die nötige Fürsorge zukommt, die sie brauchen.

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