Er will Gott im Alltag entdecken

  • VonBarbara Schmidt
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Der 31-Jährige wird als Nachfolger von Pfarrer Gerd Döring die ganze Pfarrstelle übernehmen. Seit drei Wochen ist Johannes Kraus schon Hattersheimer Bürger.

Er hört gern Indie-Rock, und das allein zeigt schon, dass da eine neue Generation Einzug hält an der Spitze der evangelischen Kirchengemeinde. Jugendliche 31 Jahre alt ist Johannes Kraus, der am kommenden Sonntag von der Frankfurter Pröpstin Gabriele Scherle zum Pfarrer ordiniert wird. (Der neugewählte Propst für Süd Nassau, Oliver Albrecht, ist ja noch nicht im Amt).

Pfarrer-Tandem

Die rund 3200 Gemeindemitglieder haben dann ein Pfarrer-Tandem, das problemlos Vater und Sohn sein könnte. Er sei bereit, sich von Pfarrer Ulrich Mattei (58), der die freie halbe Stelle von Esther Kutscher-Döring übernommen hatte, „viel zeigen zu lassen. Wir ergänzen uns sicher gut“, sagt Kraus. Auf die Ordination freue er sich schon sehr, „für mich ist das so ein Zielpunkt, nach zehn Jahren Ausbildung ein sehr wichtiger Tag“, meint der aus Schaafheim im Landkreis Darmstadt-Dieburg stammende Theologe.

Er gehört zum spärlichen Pfarrer-Nachwuchs, den die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau derzeit mit Sorge betrachtet, da bald eine Pfarrer-Pensionierungswelle anrollt. Während andere junge Leute den Beruf offenbar derzeit nicht sehr attraktiv finden, hat Johannes Kraus bereits während seiner Schulzeit gedacht: „Mensch, das will ich zum Beruf machen.“ Auch andere auf den Geschmack am Glauben zu bringen, der ihm selbst als Gruppenleiter in der Jugendarbeit so wichtig geworden war, nennt er als sein Motiv.

Ganz stark sei es die Erfahrung von Gemeinschaft gewesen, die seinen Glauben geprägt habe. Wie seine Eltern und seine ältere Schwester wollen auch viele der Freunde von damals am Sonntag dabei sein, wenn aus dem „Küken“ in ihrem Jugendleiter-Kreis ein Herr Pfarrer wird. Dass er sich auf den Weg dahin gemacht hatte, sei für die anderen wohl keine so große Überraschung gewesen, meint Kraus. „Das passt schon“, sei eher die Reaktion gewesen, als er sein Studium in Heidelberg begonnen hat.

Zivildienst

Dabei war Kraus während des Zivildienstes sogar noch einmal schwankend geworden. In einer Schule für Praktisch Bildbare mit den behinderten Kindern zu arbeiten, habe ihm viel gegeben, sagt der Neu-Hattersheimer. Da habe er dann schon überlegt, ob das nicht auch ein Beruf für ihn sein könnte. Am Ende war es dann aber doch der Wunsch, den eigenen Glauben auch intellektuell zu hinterfragen, „auch abzuklopfen, wie tragfähig es ist“, der den Ausschlag gab für die Theologie.

„Büttenredner“

Nach drei Jahren in Heidelberg wechselte Kraus nach Leipzig, weil er „Lust hatte auf die neuen Bundesländer und die deutsch-deutsche Geschichte“. 2012 begann er sein Vikariat in Mainz-Gonsenheim – einer Narrenhochburg. „Ich bin eigentlich gar kein Fastnachter“, bekennt Kraus, aber was die Gemeinde dort in der Kampagne auf die Beine stelle, „das fand ich wirklich toll“. Und weil es ihm wichtig gewesen sei, sich auf die Menschen vor Ort einzulassen, sei er sogar zum Büttenredner geworden, berichtet Kraus schmunzelnd.

Nicht nur in dieser Hinsicht hat er viel gelernt in diesen zwei Ausbildungsjahren in der Praxis. Vor allem „die Zeit der vielen ersten Male, das erste Mal auf der Kanzel, das erste Mal am Grab, das erste Mal bei völlig Fremden klingeln, das war herausfordernd – und sehr gewinnbringend“, sagt der begeisterte Radfahrer, der sich schon auf manche Tour an Schwarzbach und Main freut. „Da ist meine Theologie noch mal durchgeschüttelt worden und hat sich neu geformt.“

Nach dem Vikariat hat Kraus die Möglichkeit genutzt, in der Jugendkirche St. Peter in Frankfurt noch mal „zu gucken, wie macht man es ganz anders“. Da er ja aus der Jugendarbeit komme, für ihn eine spannende Frage – auf die er viele neue Antworten kennengelernt hat. „Es ist schon cool, dass es so etwas gibt“, sagt der künftige Benjamin unter den Pfarrern im Dekanat. Kinder-, Jugend- und Familienarbeit, das werde nun ganz sicher auch ein Schwerpunkt für ihn in Hattersheim, meint Kraus.

Bodenständig

Vor drei Wochen ist er in eine Dienstwohnung gezogen, das Pfarrhaus soll, wie berichtet, saniert oder eventuell auch verkauft werden. Aber da er allein lebe, sei die kleine Wohnung im Augenblick genau richtig, findet der 31-Jährige. Seine neue Umgebung hat er sich schon ein klein wenig angeschaut, „ich freu mich aber vor allem auf die Menschen“, meint Kraus, der sich selbst als „bodenständig“ sieht. „Ich will bei den Leuten sein“, sagt er einfach, „gemeinsam mit ihnen unterwegs sein und Gott im Alltag entdecken.“

Hinweis: Der Gottesdienst mit Ordination von Johannes Kraus beginnt am Sonntag, 25. Januar, um 15 Uhr in der Evangelischen Kirche, Schulstraße. Anschließend lädt de Gemeinde zum Empfang.

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