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?Siehe, er fährt daher wie Wolken, und seine Wagen sind wie Sturmwind? (Jeremia 4,13): Stephanie Müller-Dreieicher und Herta-Konstanze Braun gestern beim Gottesdienst auf dem Autoscooter der Nieder Kerb, den Schaustellerpfarrerin Christine Beutler-Lotz gehalten hat.

Gottesdienst in Nied

Mit dem Herrn im Autoscooter

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Was ist ein „Hauptgewinn“? Ist es materieller Reichtum, die Familie oder Gesundheit? Oder einfach ein bisschen von jedem? Ein Gottesdienst auf der Autoscooterbahn der Nieder Kerb lud gestern dazu ein, hierüber nachzudenken.

Wer schon einmal über den Rummel gelaufen ist, kennt die Hoffnung, den Hauptgewinn an der Losbude zu ziehen. Doch jeder hat so seinen ganz persönlichen Schatz, den er hütet. Für Schausteller Hans-Gerd Adler ist das eindeutig seine Frau, wie er erzählt. Einer der schönsten Momente in seinem Leben sei gewesen, als er sie kennengelernt habe.

Adler erzählt dies nicht irgendwem, sondern den Teilnehmern eines besonderen Gottesdiensts, der auf der Autoscooterbahn der Nieder Kerb gefeiert wird. Die evangelische Kirchengemeinde Frankfurt-Nied, deren Gemeindehaus in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kerbeplatz steht, hat diese außergewöhnliche Aktion organisiert. Zum zweiten Mal bereits.

Die Idee dahinter ist, die Schausteller besser kennenzulernen. Mittlerweile besteht ein guter Kontakt zwischen ihnen und der Gemeinde. Gut 100 Teilnehmer – Schausteller und Gemeindemitglieder – nehmen teil. Die Kinder dürfen sogar in einem Auto-Scooter Platz nehmen, für Erwachsene gibt es Stühle und Bänke, die auf der Fahrfläche aufgestellt sind.

Hans-Gerd Adler ist in eine Schaustellerfamilie hineingeboren und kennt von klein auf die täglichen Herausforderungen, die dieser Beruf mit sich bringt. Die größte ist das ständige Auf-Achse-Sein. „Wir haben damals in einem Wohnwagen gelebt“, schildert er. Der Platz war für die Familie sehr eng.“

Eine Zeit lang sei er in einem Heim gewesen. Im Alter von sechs Jahren sei er wieder zurück in die Familie gekehrt. Ein schöner Augenblick. „Wegen unseres reisenden Gewerbes hatten die Menschen früher viele Vorurteile gegenüber Schaustellern“, sagt er und betont: „Wir sind ehrbare Geschäftsleute, nur dass wir eben kein festes Geschäft an einem festen Ort haben.“

Oliver Feuerstein gehört schon zur nächsten Generation der Schausteller. Auch er und seine Familie sind natürlich viel auf Reisen. Trotzdem gibt es einen Ort, ein Haus, in das sie jederzeit kommen können. Und auch für den Jüngeren der beiden sind Frau und Familie der größte Hauptgewinn.

Joachim Preiser, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Frankfurt Nied, hatte die beiden dazu eingeladen, zum Gottesdienst über ihren ganz persönlichen Hauptgewinn im Leben zu sprechen. Gemeinsam mit der Schaustellerpfarrerin der evangelischen Landeskirche, Christine Beutler-Lotz, leitet Preiser den Gottesdienst auf der Autoscooterbahn.

Dass so ein Hauptgewinn plötzlich Realität werden kann, davon berichtet Gemeindemitglied Stephanie Müller-Dreieicher. „Eine Radio-Show fragte Hörer kurz vor Halloween danach, wie sie zu diesem Anlass ihre Wohnung dekoriert haben“, sagt sie. „Zu gewinnen gab es ein Gutschein im Wert von 100 Euro. Das dachte ich jedenfalls.“ Damit gerechnet überhaupt durchzukommen, habe sie nicht. Und doch sei sie plötzlich mit dem Moderator verbunden gewesen.

„Ich sollte innerhalb von einer Minute durch meine Wohnung gehen und aufzählen, mit was ich die Räume zu Halloween dekoriert habe.“ Gesagt, getan. Sieben Gegenstände habe sie genannt und plötzlich kam die Überraschung. „Es gab nicht nur einen Gutschein, sondern sieben Stück. Zwei Jahre lang habe sie hiervon Deko-Artikel kaufen können. Das habe sie sehr gefreut.

Eine Flugreise zu gewinnen, ist schon etwas Besonderes. Herta-Konstanze Braun ist dies schon einmal passiert. „Dabei ging es auch um Lose“, sagt sie. Bei der jährlichen Weihnachtsfeier einer Fluggesellschaft, für die ihr Mann gearbeitet habe. „Ich habe in den Jahren davor nur Nieten gezogen“, sagt sie. Zu dem Gewinn sei sie eher durch Zufall gekommen. „Wir hatten die Praktikantin mit dem Auto zur Feier mitgenommen. Sie hat aus Versehen statt einem zwei Lose gezogen, eines davon habe ich bekommen.“ Eine Flugreise nach Venezuela.

Auch Pfarrerin Christine Beutler-Lotz beschreibt ihre ganz persönlichen Hauptgewinne: „Dass wir in Freiheit und Frieden leben können und die Familie, vor allem meine Kinder, die mir die Welt aus ihrer Perspektive gezeigt haben.“

Am Ende sind es jedoch wir selbst, die bestimmen, was unser persönlicher Hauptgewinn ist. Für die teilnehmenden Kinder des Kerbegottesdienstes gehört, jedenfalls für den Moment, die kostenlose Fahrt mit dem Autoscooter dazu, die es im Anschluss gibt.

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