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Feuer in Münster, Gebrauchshundeverein Kelkheim, am Zeilsheimer Weg

Feuerteufel in Kelkheim

„Hoffentlich ist es keiner von uns“

280 Einsatzkräfte haben die Kelkheimer Brandschützer. Die Zahl ist stabil, sagt Feuerwehrchef Alexander Kolata (34). Doch die Kameraden werden derzeit auf harte Proben gestellt.

Können Sie nachts noch gut schlafen?

ALEXANDER KOLATA: Grundsätzlich ja, aber Sorgen habe ich enorm. Nicht jeder Brand muss ja eine Brandstiftung sein, aber da ist die Sorge, dass es irgendwann in einem Mehrfamilienhaus brennt. Die Angst schläft mit – gerade nachts, wenn es die Menschen nicht mitkriegen.

Wir fragen nach Ihrer Nachtruhe, weil die Feuerwehr derzeit im Blickpunkt steht – hier die geplanten und dann doch zurückgenommen Kürzungen im Haushalt, dort der Feuerteufel. Wäre Ihnen und den Kameraden etwas weniger Rummel nicht lieber?

KOLATA: Es ging gleich bergab, aber auch gleich wieder bergauf. Es haben beim Haushaltsthema alle gemerkt: Wenn man miteinander spricht, kann man Fehler verhindern. Und die Politik hat den Fehler gemacht, dass sie schlecht kommuniziert hat.

Die Brandserie setzte sich in diesen Tagen leider fort. Gibt es Neuigkeiten zur Sache?

KOLATA: Ich habe von der Polizei nichts gehört. Meines Wissens tappen sie völlig im Dunkeln. Es war ja drei Wochen Ruhe, jetzt wird die Dichte wieder höher. Und es ist schon auffällig. Ich denke, die Polizei geht von einem Täter aus. Von einem Feuerteufel zu sprechen, ist schon realistisch. Die Frage nach einigen weiteren Mülltonnenbränden in Eppstein ist nur: Zieht der Brandstifter große Kreise oder ist das nur „in Mode“ gekommen. Insgesamt dürften wir die Zahl von 20 Bränden deutlich überschritten haben.

Wie gehen die Wehren mit diesem Thema um?

KOLATA: Erstens nervt es die Kameraden natürlich, weil es immer nur nachts passiert. Und eine Angst schwingt mit, dass es einer aus den eigenen Reihen sein könnte. Da hat kein Mensch Bock drauf. Das ist jeder Einzelne, der sagt: „Hoffentlich ist es keiner von uns.“

Eine heikle Sache, so etwas auszusprechen . . .

KOLATA: Ja, das geht jedem durch den Kopf. Man kann aber ganz offen darüber reden, dass diese Angst auch bei uns da ist. Und man kann auf Auffälligkeiten achten, die es bei uns aber nicht gibt. Klar haben wir auch über dieses heikle Thema gesprochen. Ich bin ja selten ratlos, aber in diesem Fall schon. Man kann da nix tun. Ich kann ja nicht anfangen, in der Kelkheimer Wehr 200 Kleindetektive auszubilden. Wir reden in der Führungsmannschaft darüber. Aber sonst überlassen wir die Arbeit der Polizei und warten und hoffen.

Was ist mit einem anderen Dauerbrenner – den Bränden in der Kompostierungsanlage an der B519?

KOLATA: Da haben wir viel gelernt. Anfangs haben wir einen Riesenaufwand betrieben und viele Kräfte alarmiert. Inzwischen haben wir das besser koordiniert. Die Brände sind nicht weiter dramatisch. Aber wenn es brennt, ist es arbeitsintensiv. Ich bin da aber mittlerweile tiefenentspannt.

Zurück zu einer positiven Entwicklung: Die Politik hat die Haushalts-Kürzungen im Bereich der Feuerwehr von 75 000 auf 55 000 Euro zurückgenommen. Sie sind rundum zufrieden damit?

KOLATA: Nein, da ist im Vorfeld einiges schief gelaufen. Mit dem Weg dorthin bin ich nicht, mit dem Ergebnis recht zufrieden. Ich weiß nicht, ob das am Wahlkampf liegt. Da gab es schon Nervosität, dass das Thema im Wahlkampf aufpoppt. So wie es gelaufen ist, war es Käse. Aber ist sehe es als Ausrutscher, das haken wir einfach ab. Ich bin sicher, dass es in Zukunft anders läuft.

In diesem Zusammenhang gab’s stets ein Lob für die konstruktiven Vorschläge der Wehr. Was war Ihnen dabei wichtig? Was durfte auf keinen Fall gekürzt werden? Was war verzichtbar?

KOLATA: Verzichtbar ist grundsätzlich gar nichts, aber einiges aufschiebbar. Wie zum Beispiel eine Waschmaschine für die Brandschutzkleidung. Bisher war das fremdvergeben, das wollten wir ändern. Aber so eine Maschine kostet halt 28 000 Euro, und daran sollte es langfristig auch nicht scheitern.

Bei den Aufwandentschädigungen verhält es sich anders. Andere Wehren haben Punktesysteme, doch dagegen habe ich mich gewehrt. Denn das ist der erste Weg weg vom Ehrenamt und nichts, um neue Leute zu gewinnen. Bei uns gibt es viele kleine Gimmicks, mit denen wir gut aufgestellt sind: zum Beispiel kleine Anerkennungsprämien, freier Eintritt ins Schwimmbad oder alle zwei Jahre ein Sommerfest. Das komplett herauszunehmen, macht keinen Sinn. An die Ehrenamtsförderung darf man aus meiner Sicht nie dran. Nicht aufschiebbar ist somit für uns all das, wo es darum geht, das Personal zu unterstützen. Ich kann daher nicht verstehen, wenn die Politik fragt: Wann wird es weniger? Alles wird teurer, warum also nicht bei der Feuerwehr?

Was kann die Wehr denn tun, um neue Leute zu gewinnen?

KOLATA: Ideen gibt es viele. Wir müssen uns attraktiver machen. Wenn ich mich gut verkaufen will, kann ich mich nicht als sinkendes Schiff anpreisen. Das ist eine super Aufgabe, man sollte weniger jammern. Wir müssen als Feuerwehr zukunftsfähig werden. Die Zeiten früher sind halt rum, jetzt sind die Herausforderungen ganz andere.

Nun steht sogar noch Geld für einen dritten hauptamtlichen Feuerwehrmann im Etat. Was wird künftig dessen Aufgabe sein?

KOLATA: Er wird komplett die Verwaltungsaufgaben übernehmen. Bisher war ein Kollege aus dem Ordnungsamt dafür zuständig, der aber auch zu 30 Prozent andere Aufgaben hatte und jetzt intern wechselt. Da hat der Bürgermeister nach einem Hinweis von uns Weitsicht bewiesen, das ist hervorragend gelaufen. Die Stelle wird nun ausgeschrieben, aber sicher nicht vor Herbst besetzt.

Die neue Kraft kann die Feuerwehrdinge genau beurteilen. Da gibt es Alarmpläne zu schreiben, Ausschreibungen für Geräte zu machen und zum Beispiel das Haushaltsthema. Das mache ich nebenbei so mit. Der neue Mann kann auch mal tagsüber Klinken putzen gehen. Mit dieser Stelle sind wir für eine bedeutende Zeit gut aufgestellt. Eine Berufsfeuerwehr ist aber kein Thema, da wollen wir nicht hin.

Wie fällt die Bilanz nach gut zwei Jahren aus für die Mischung aus Haupt- und Ehrenamt?

KOLATA: Am Anfang gab’s schon reichlich Reibungspunkte, weil wir uns auf Neuland bewegt haben. Aber unsere beiden Gerätewarte machen einen richtig guten Job. Über alles andere, was nicht hundert Prozent funktioniert, redet man – und dann ist es okay. Mein Stellvertreter Frank Darmstadt trifft sich ein bis zwei Mal die Woche mit ihnen, um die Aufgaben zu besprechen. Wenn die drei Hauptamtlichen dann gut miteinander harmonieren, sind wir im Schlaraffenland angekommen.

Und wir werden auch die Struktur ein wenig verändern. Bisher hing die Feuerwehr am Ordnungsamt dran. Nun werden wir eine Stabsstelle des Bürgermeisters. Damit sind wir in einem eigenen Universum angekommen.

Was erhoffen Sie sich in diesem Zusammenhang vom neuen Rathauschef oder der -chefin?

KOLATA: Eine laufende Kommunikation, dass man sich regelmäßig austauscht. Da meine ich nicht zwei Mal im Jahr, sondern mindestens ein Mal im Quartal. So sollten Investitionen früh besprochen werden, damit es dann nicht überraschend in den Haushaltsberatungen auftaucht.

Ein kurzer Blick nach Münster: Die Kameraden ziehen dort bald in ein neues Gerätehaus. Was bedeutet das für die Truppe dort?

KOLATA: Eine zwei Jahrzehnte dauernde Unzufriedenheit ist damit beendet. Das ist auch gut so, denn Münster ist eine starke Truppe. Die freuen sich wie die Schneekönige und würden lieber heute als morgen einziehen. Für sie kommt in diesem Jahr Weihnachten früher. Zwar gab es etwas Unmut wegen der Finanzen. Aber der Bau ist nicht teurer geworden, weil wir irgendwelche Sonderwünsche hatten. Nun ist wieder gut. In diesen Tagen haben die Kameraden zudem den neuen Einsatzleitwagen abgeholt, der in Münster stehen wird.

Unter dem Strich – wie ist aktuell die Stimmung in den Reihen der Feuerwehr?

KOLATA: Die Stimmung untereinander ist prima. Bei 280 Leuten gibt es aber immer Kameraden, die nicht so den guten Draht zueinander haben. Im Wehrführerausschuss arbeiten wir sehr gut zusammen. Das Kirchturmdenken von früher habe ich hier schon lange nicht mehr erlebt.

Heißt das, Sie wollen auf lange Sicht Feuerwehrchef bleiben?

KOLATA: Ich kann mir durchaus vorstellen, in zwei Jahren wieder anzutreten. Wir haben etwas bewegt und die gesteckten Ziele erreicht, da sind wir stolz drauf. So haben wir der Wehr auch ein einheitliches Design verpasst. Die sechs Stadtteilwehren harmonieren gut miteinander, die Arbeit ist fruchtbar. Da sind wir rundum zufrieden.

Was steht noch auf der Agenda?

KOLATA: Ein Thema ist es, neue Leute zu gewinnen. Da haben wir noch nicht die Schlüssel gefunden, wie es gehen könnte. Aber da können wir uns ja für die nächsten fünf Jahre neue Ziele stecken.

Baulich zum Beispiel gäbe es auch einiges zu tun. Auf das Feuerwehrhaus Eppenhain werden wir mittelfristig gucken müssen, Kelkheim-Mitte ist auch in die Jahre gekommen, Fischbach zu klein. Das wären alles Ziele für eine mögliche zweite Amtszeit. Da müsste man eine Prioritätenliste machen.

Immer mal wieder wird ja auch über eine Zusammenlegung von Wehren gesprochen . . .

KOLATA: Ja, ausschließen darf man gar nichts. Das ist aber ein heikles Thema. Aber wenn’s Sinn macht, muss man auch darüber reden. Ich sperre mich nicht, sage aber auch nicht: „Mal machen.“

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