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Bernhard Racky weiß ganz genau, worauf es beim Lesen der Trauben ankommt. 

Wein

"Diedenbergener Sonnenhang": Prädikat Auslese

Der "Diedenbergener Sonnenhang" brilliert mit exzellenten Werten. Der Lohn: Prädikat Auslese.

Hofheim: In Diedenbergen hat der Weinbau eine lange Tradition. Zehn ehrenamtliche Helfer haben sich jetzt auf dem städtischen Weinberg versammelt, um die Trauben für den Jahrgang 2019 des "Diedenbergener Sonnenhangs" zu ernten. Allesamt sind sie Weinliebhaber.

Die Sonne scheint an diesem Vormittag. Knapp 20 Grad ist es warm, einfach ideal, um die reifen Trauben zu ernten. Weil es die Tage zuvor nur geregnet hatte, "mussten wir den ursprünglich geplanten Termin für die Weinlese absagen", erklärt Petra Fuchs, die für den städtischen Weinberg in Diedenbergen zuständig ist. Die Trauben seien nun reif und könnten gelesen werden. Rund zweieinhalb Stunden Arbeit sind bereits getan. Zur Halbzeit gibt es für die gesamte Mannschaft, die sich mit Hofheim eng verbunden fühlt, das Bauernfrühstück.

Wurst vom Bauernhof, Brötchen, Kaffee, Gewürzgurken. Und wer will, kann auch den halbtrockenen 2017er Jahrgang des "Diedenbergener Sonnenhangs" kosten. Dann geht es gestärkt weiter. Die Trauben sollen heute noch zu Most verarbeitet werden. "Wir rechnen mit einer Ernte für rund 600 bis 700 Liter Wein", sagt Fuchs.

Unter den Helfern ist Jana Seidemann. Sie ist Önologin, hat Weinproduktion studiert. Seidemann befasst sich mit dem Keltern sowie dem Reifen des Weines und führt vor, wie die Trauben gelesen, also geerntet werden. Dazu setzt sie sich auf einen orangenen, viereckigen Behälter, den sie vor einem Rebstamm aufgestellt hat. Behutsam schneidet sie mit einer Handzange die Traubenstängel ab. Manche Früchte sind aufgeplatzt. Der süße Nektar lockt Insekten an.

"Gerade sind sehr viele Bienen im Weingarten. Ein Imker hat wohl einen Bienenstock in der Nähe aufgestellt", sagt Seidemann. Deshalb habe man blaue Netze um die Trauben gespannt. Sie sollen die Ernte vor Bienen, Wespen und Vögeln schützen. Während sie die Traubenzweige abschneidet, gibt sie Acht darauf, nicht von den Bienen gestochen zu werden. Die Trauben deponiert sie in dem orangenen Behälter. "Übrigens: Die Ertragsmenge wirkt sich auf die Qualität des Weines aus", erklärt Seidemann.

Ertrag und Qualität

In der Regel ergibt eine niedrige Ertragsmenge ein qualitativ hochwertigeres Ergebnis. Wichtig für einen Qualitätswein ist deshalb vor allem das Mostgewicht. Das Mostgewicht ist ein Maß für den Anteil der gelösten Stoffe im Traubenmost, die zum größten Teil aus Zucker bestehen.

Im Verlauf der nächsten zweieinhalb Stunden arbeitet sich Seidemann entlang von Rebe zu Rebe. Die orangenen Behälter, auch bekannt als "Rüdesheimer System", werden immer voller.

Bernhard Racky ist schon seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Helfer bei der Lese dabei. "Wir messen die Qualität des Weines mit einer Mostwaage", erklärt er. Zuvor müsse man jedoch den Grad Oechsle bestimmen. Das ist eine Maßeinheit für das Gewicht des Traubenmosts. Diesen ermittelt der Helfer mit einem Refraktometer. "Der Zuckergehalt bestimmt die Qualität", ergänzt Racky und greift nach einer Traube. Den Saft verteilt er großzügig auf dem Refraktometer. Nun hält er sich das Gerät vors Auge und blickt in die Sonne. Zwischen 90 und 100 Grad Oechsle liegt der Wert. Das entspricht einem Alkoholgehalt von 12,2 bis 13,8 Prozent. Ein sehr guter Wert. "Wir lesen grundsätzlich erst, wenn die Trauben richtig reif sind", erklärt Racky. Eineinhalb Stunden später sind die Helfer fertig mit der Lese. Insgesamt konnten sie 460 Liter ernten.

"Diedenbergener Sonnenhang:" Hochwertiges Ergebnis

Das soll für 613 Flaschen milden Wein reichen, obwohl sie mit mehr Wein gerechnet haben. Doch ein Grund zur Sorge ist das nicht. Da der Ertrag geringer als erwartet ist, ist das Ergebnis qualitativ hochwertiger. 96 Grad Oechsle hat der Hofheimer Winzer Konrad Seidemann, der den Wein keltert und ausbaut, gemessen. Der Jahrgang 2019 des "Diedenbergener Sonnenhangs" ist also eine Auslese. Allerdings darf die Qualitätsstufe des Weines nicht auf dem Etikett der Flasche angegeben werden. Nach dem deutschen Weingesetz ist nur die Angabe "Deutscher Wein" zulässig. Auch gibt es für den städtischen Weinberg keine amtliche Lagebezeichnung mehr, nur inoffiziell heißt der Weinberg Diedenbergener Sonnenhang. Doch das dürfte beim Genuss des Tröpfchens nicht weiter stören.

Von Moritz Serif 

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