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Auf Grünflächen sollte man nicht bauen.

Wohnungsnot

Hofheim fehlt langsam der Platz zum Bauen - schielt die Stadt deshalb auf die letzten Grünflächen?

Grünflächen sollten nicht bebaut werden. Selbst bei Wohnungsnot nicht, davon ist Würzburgs früherer Stadtbaurat überzeugt. 

Hofheim - Nachverdichtung ist eine Möglichkeit, um im Ballungsraum die so dringend geforderten zusätzlichen Wohnungen zu erhalten. Die Sorge: Wenn mehr Menschen auf derselben Fläche leben sollen, wird das auf Kosten des doch auch und gerade in der Stadt so nötigen Grüns gehen. 

Grünflächen sind begehrt

„Die letzten Freiflächen und Grünflächen wecken als erste bauliche Begehrlichkeiten“, hielt denn auch Professor Christian Baumgart von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt jetzt beim Rhein-Main-Baumforum in den Krifteler Schwarzbachhallen fest. In Hofheim denkt da mancher vielleicht an die beiden Bolzplätze in der Kurhausstraße und am Finanzamt, die von der Hofheimer Wohnungsbaugesellschaft (HWB) als Baugrund genutzt werden sollen. 

Grünflächen erhalten und ausweiten

An Beispielen aus Würzburg, wo Baumgart 24 Jahre Stadtbaurat war, machte der Referent den rund 350 Teilnehmern des Baumtags deutlich, dass es lohnen kann, nach anderen Ansätzen zu suchen, die den Erhalt und sogar die Ausweitung von Frei- und Grünflächen in der Stadt ermöglichen. 

69 Hektar beträgt der zusätzliche Flächenverbrauch in Deutschland pro Tag, wie Baumgart in Erinnerung rief. Dabei gäbe es Frei- und Brachflächen innerhalb der Bebauungsgrenzen, die aber auch genutzt werden müssten. 

Die Flächen etwa, die seit Jahrzehnten für die Trasse der B 519 neu freigehalten werden, gehören in Hofheim und Kriftel dazu. Möglich wäre aber auch, vorhandene Gebäude aufzustocken. Viele ließen dies von ihrer Statik her problemlos zu, meint Architekt Baumgart, der auch Beiratsmitglied der Bundesstiftung Baukultur ist. 

Wohnungen auf Supermärkten bauen?

Eine weitere Idee ist, auf eingeschossig gebaute Supermärkte Wohnungen zu bauen. Hofheimer Beispiel wäre etwa das Ladencenter in der Homburger Straße in Hofheim-Nord. Gleich nebendran hat die Hofheimer Wohnungsbaugesellschaft schon einmal vorgehabt, mehr Wohnraum durch Nachverdichtung auf ihren Grundstücken zwischen Fichtestraße und Hermann-Friesen-Straße zu schaffen. 

Die Pläne dafür waren damals allerdings so gestaltet und kommuniziert, dass die Bewohner sich dafür nicht erwärmen konnten. Im Grunde hatten die Architekten, die in den 1960er Jahren die dreigeschossigen Wohnhäuser für dieses Quartier entwarfen, aber schon genau die Grund-Überlegung, die heute wieder Furore macht, etwa bei den Ideen für das künftige Baugebiet Marxheim II: 

Grünflächen können gemeinschaftlich genutzt werden

Lieber weniger Fläche verbrauchen und in die Höhe bauen, um viel Wohnraum zu erhalten, weil so mehr Grün rundherum bleibt, das gemeinschaftlich genutzt werden kann. Neben dieser sozialen Funktion braucht es Grünflächen in Zeiten des Klimawandels auch, um die Temperaturen in der Stadt erträglicher zu halten. 

Stadtgrün contra Autos

Dass es oft schwierig ist, gerade Flächen für das Auto einzuschränken zugunsten von mehr Stadtgrün, verhehlte Baumgart in seinem Vortrag nicht. Das Pflanzen von Straßenbäumen etwa werde durch die schon im Untergrund liegenden Leitungen von zig Versorgungsträgern oft sehr erschwert. 

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„Wenn man nicht Gebäude wegnehmen und Leitungen verlegen will, muss das heilige Blech auch mal weichen“, lautet aber Baumgarts Credo. „Man kann etwas gewinnen, wenn man den Kampf mit dem Autofahrer nicht scheut“, ist der 66-Jährige überzeugt. Er selbst sei dabei gar kein Autofeind, im Gegenteil. „Ich fahre auch eines, und das gern. Aber es geht darum, Innenstädte wieder attraktiv zu machen“, so der Honorar-Professor. Sein Rat an die Vertreter der Kommunalverwaltungen: „Mehr Mut zu Provisorien“. 

Menschen in Testphasen von Grün überzeugt

So hätten sich „Testphasen“ sehr bewährt, um Menschen von den Vorteilen von mehr Stadtgrün und Flanierflächen zu überzeugen. Bäume und Sträucher in Kübeln haben Baumgart und sein Team etwa in Würzburg genutzt, um Straßen mal eine Zeitlang schmaler zu machen und zu zeigen, dass auch weniger Platz fürs Auto reicht, dafür aber Fußgänger und Anwohner profitieren. 

Ob das eine Anregung etwa für die Rheingaustraße sein könnte, für die die Ortsbeiräte Kernstadt und Marxheim schon so lange Verbesserungen fordern? An vielen anderen Ortsdurchfahrten von Bundesstraßen in Deutschland ist jedenfalls zu sehen, dass da viel mehr möglich wäre als ein breites Asphaltband. 

An Grün in einer Stadt sollte man denken

Christian Baumgarts Fazit in Kriftel: „Nachverdichtung und Stadtgrün wollen und müssen Hand in Hand gehen.“ Grün in der Stadt müsse „von Anfang an mitgedacht“ werden. Ja, es koste Geld, bringe aber viel Lebensqualität, die sich die Menschen für ihr Umfeld wünschten. In jeder Hochglanz-Veröffentlichung für Neubauten seien ja deshalb auch immer Bäume zu sehen, „nur die Fläche dafür ist meist gar nicht da.“

Von Barbara Schmidt

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