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Susanne Noll (Mitte) hatte einen Bandscheibenvorfall und baut jetzt die Stützmuskulatur auf der "Rüttelplatte" wieder auf. Dr. Dieter Nischwitz und Michaele Goethe zeigen ihr, wie man es richtig macht.

Gesundheit

Neue Station im Hofheimer Krankenhaus - Hilfe für Patienten mit chronischen Schmerzen

Die Kliniken des Main-Taunus-Kreises haben im neuen Hofheimer Krankenhaus umgebaut. 100 000 Euro wurden investiert. Gewinn bringen soll das dem Unternehmen und den Patienten.

Hofheim - Im Hofheimer Krankenhaus gibt es seit Neuestem ein Angebot, das im Main-Taunus-Kreis noch gefehlt hat: Eine Station eigens nur für Patienten mit chronischen Schmerzen hat im Mai den Betrieb aufgenommen. Die ersten, die hier eine rund 16-tägige Behandlungsphase durchlaufen haben, sind mittlerweile wieder entlassen. "Alle haben gesagt: Das Angebot hier würde ich weiterempfehlen", konnte der zuständige Chefarzt, Professor Michael Booke, gestern bei der Vorstellung des neuen Angebots mitteilen.

Das ist übrigens für den gesamten Kliniken-Verbund neu, denn im Krankenhaus in Höchst gibt es bislang keine stationäre Schmerzklinik. Patienten, die eine solche Behandlung empfohlen bekommen, die bei entsprechender Indikation Kassenleistung ist, mussten bisher einen Anbieter außerhalb des Kliniken-Verbundes suchen.

Gerade für Menschen, die schon viel versucht haben, um die Pein ständiger Schmerzen los zu werden, ist die stationäre Schmerztherapie eine Option. Vor allem chronische Rücken- oder Nackenschmerzen, die auch in die Beine beziehungsweise in Schultern, Arme oder Kopf ausstrahlen, plagen viele Patienten. Für sie machte auch in den vergangenen Jahren schon der Orthopäde und Schmerzmediziner Dr. Dieter Nischwitz an den Kliniken des Main-Taunus-Kreises ein Therapie-Angebot, doch mit der Schaffung einer eigenen Station für Menschen mit chronischen Schmerzen und einem stimmigen Gesamtkonzept gehe man einen Schritt weiter, erläuterte der kaufmännische Geschäftsführer Stefan Schad. Sechs Zweibettzimmer wurden für die Schmerzklinik neu geschaffen. Dazu wurden eigentlich als Büros angelegte und genutzte Räume im Erdgeschoss des noch neuen Krankenhauses umgebaut. Die Zimmer erhielten in dreimonatiger Bauzeit Nasszellen und eine IT-Grundausstattung. Investiert haben die Kliniken dafür rund 100 000 Euro. Außerdem wurde zusätzliches Personal eingestellt. Eine eigene Psychotherapeutin wurde genauso verpflichtet wie ein Physio- und ein Schmerztherapeut. Eine speziell für die Schmerzproblematik ausgebildete Krankenpflegerin, eine sogenannte Pain-Nurse, ist ebenfalls neu dabei. Sie sei "die Seele des Betriebs", sagt Booke.

"Alle Berufsgruppen für ein multimodales Konzept sind vor Ort."

Geschäftsführer Schad hat aus seiner früheren Tätigkeit in Niedersachsen bereits Erfahrung mit dem Aufbau von Schmerzkliniken. "Es im gebündelten Konzept zu machen, das funktioniert richtig gut, und das ist auch effizienter", kann er sagen. Hier würden tatsächlich Synergien genutzt. Das Hofheimer Krankenhaus biete mit seinen hier angesiedelten Disziplinen und Therapie-Einrichtungen, zu denen auch Akupunktur, Ergotherapie oder Kunst- und Musiktherapie zählen, ideale Voraussetzungen als Standort der Schmerzklinik, so Booke. "Alle Berufsgruppen für ein multimodales Konzept sind vor Ort."

Kommen die Patienten nicht direkt über Kollegen im Haus, vor allem Orthopäden oder Neurologen, sind es zumeist die Hausärzte, die Patienten den Vorschlag einer stationären Schmerztherapie machen, weil sie trotz verschiedenster ambulanter Therapie-Versuche oder einer Operation weiter chronisch von Schmerz geplagt sind. Einige Zeit vor der Aufnahme gebe es ein Gespräch mit dem Patienten über seine Probleme, erläutert Chefarzt Booke. Das Ergebnis dieses Gesprächs ist Grundlage eines persönlichen Behandlungsplanes, der rund 100 Therapie-Einheiten umfasst. Diese erfolgen zum Teil in der Gruppe, aber auch individuell. Der Austausch mit anderen, die ähnliche Leiderfahrungen hätten, helfe ungemein, das habe sich schon in den ersten Wochen der Arbeit gezeigt, so Booke.

Besser mit dem Schmerz umgehen

Wunder können in dem zwei- bis dreiwöchigen Klinikaufenthalt zwar nicht bewirkt werden, doch vielen Patienten helfe es schon sehr, besser mit dem Schmerz umgehen zu lernen. Booke berichtete aber auch von einer vom Rückenschmerz gebeugten, auf den Rollator angewiesenen älteren Patientin. Sie habe die Klinik am Ende der Therapie aufrechten Ganges und ohne Hilfsmittel verlassen können. "Das ist dann schon ein großer Gewinn an Lebensqualität."

"Schmerz an sich ist ja eigentlich sinnvoll", sagt Professor Michael Booke. Schmerz zeige an: Hier ist etwas nicht in Ordnung, hier ist eine Grenze erreicht. Ein Warnsignal. Doch wenn der Schmerz chronisch wird - also auch nach Wochen und Monaten nicht weichen will - wird er zum eigenständigen Krankheitsbild. Nicht selten bestimmt er dann den ganzen Alltag des Patienten, nimmt ihm die Lebensfreude, führt zu Einschränkungen bis hin zu psychischer Belastung. Objektiv messbar ist der Schmerz nicht. Und nicht selten sind die Ursachen selbst mit modernsten Diagnose-Verfahren schwer zu orten.

Acht bis 16 Millionen Menschen in Deutschland mit chronischen Schmerzen

Acht bis 16 Millionen Menschen in Deutschland sollen unter chronischen Schmerzen leiden, schätzt die Deutsche Schmerzgesellschaft. Häufigste Auslöser sind Erkrankungen des Bewegungsapparats. Die lassen sich zwar behandeln. Doch nicht immer weicht nach der Therapie auch der Schmerz. Im Gehirn hat sich ein Schmerzgedächtnis gebildet, das nicht einfach so zu löschen ist. Den Schmerz zu reduzieren oder besser zu kontrollieren ist dann das Ziel.

babs

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