Geisterstunde in der Hofheimer Altstadt. Passanten gehen mit ihren Hunden Gassi, ansonsten herrschte tote Hose im Stadtzentrum.
+
Geisterstunde in der Hofheimer Altstadt. Passanten gehen mit ihren Hunden Gassi, ansonsten herrschte tote Hose im Stadtzentrum.

Sommersonnenwende

„Alles ist wie immer“

Mit der Sommersonnenwende beginnt offiziell der Sommer. Gleichzeitig ist dies der längste Tag des Jahres. Doch die damit verbundene kürzeste Nacht findet wenig Beachtung. Auf den Straßen von Hofheim scheint das kaum jemanden zu interessieren.

Donnerstagabend, zwei Minuten vor Mitternacht am Busbahnhof in Hofheim: „Senile Bettflucht?“, fragt Jonas mit einem Blick auf die Uhr. Er darf das. Zum einen, weil er selbst gerade erst volljährig geworden ist. Vor allem aber, weil er mindestens ein Bier zu viel hat und wir seit drei Minuten best Buddys sind – hat er gesagt. Mit der Stirn lehnt er an der Scheibe der Pizzeria gegenüber vom Hofheimer Rathaus. Aber bei Francesco – keine Ahnung, ob der Bursche, der hinter der Scheibe akribisch den Boden wischt, tatsächlich so heißt – gibt’s nichts mehr. Auch nicht am längsten Tag des Jahres und erst recht nicht für Jonas, der in dieser Nacht zwischen der Hofheimer Stadthalle und dem Bahnhof irgendwie verloren gegangen ist.

Ich versuche, ihm zu erklären, dass mich die kürzeste Nacht des Jahres auf die Straße gelockt hat, nicht die senile Bettflucht und auch nicht der Vollmond, der eh nur halb auf die Kreisstadt hinuntergrinst, und bugsiere ihn freundlich aber bestimmt zum Bahnhof. Man war ja schließlich selbst mal jung, oder?

Verwaiste Straßen

„Um 0.10 Uhr fährt die S2 nach Niedernhausen“ sagt die Anzeigetafel. Wobei es auf der Uhr nebendran erst 23.20 Uhr ist. Wer sich darauf verlässt, kann von Glück sagen, dass auch um 1.10 Uhr noch eine Bahn fährt. Wobei wenigstens die Uhren auf dem Busbahnhofsplatz richtig gehen.

Mitternacht in Hofheim, das ist so ein bisschen wie freitagnachmittags im Rathaus. Keiner mehr da. Letzte versprengte Reste vom abendlichen Autokorso der Kroaten sind noch unterwegs und hier und da muss die Polizei in der Nachbarschaft ein paar Ruhestörungen nachgehen. Weil zwei Herren in der Gartenstraße in Kriftel auf ihren Gitarren den Rory Gallagher geben oder in Hattersheim beim familiären Hauskrach Dinge aus dem Fenster fliegen. Aber alles ziemlich ruhig, so der Polizeisprecher. Im Krankenhaus nicht anders: „Eine Nacht ohne besondere Vorkommnisse“, hat Pflegedienstleiter Karsten Preissler vermerkt.

Der längste Tag des Jahres und damit folgerichtig auch die kürzeste Nacht lockt in der Kreisstadt offenkundig niemanden hinterm Ofen vor. Ein paar Nachteulen sind noch unterwegs und vor dem Momenti in der Hauptstraße werden die Möbel an die Kette gelegt. Ein einsamer Radler und zwei Frauen die ihren Hund Gassi führen, das war’s. Selbst auf dem Campus der Main-Taunus-Schule – nichts! Letzte Nacht vor dem letzten Schultag und keiner begeht eine Jugendsünde? Einen glitzekleinen Racheakt? Wenigstens ein handgemaltes Schild an der Tür: „Ihr könnt mich mal!“

Ein Moped wummert die Elisabethenstraße hinunter und in der Pfarrgasse versucht ein drahtiger Bursche mit einem gewagten Kletterakt am dort aufgestellten Baugerüst seine Angebetete zu imponieren. Der Erfolg ist eher mittelprächtig. Nein, die hübsche Blonde möchte weder den eingesprungenen noch den doppelten Rittberger sehen. Von „Schatzi, lass uns endlich heim gehen“ schon gar nicht.

Ein paar Schritte weiter Richtung Hauptstraße wirft der Fernseher skurrile Schatten an die Wand – Markus Lanz interviewt gerade James Comey und die Nachbarschaft muss mithören, wie der Ex-FBI-Direktor das Gesicht von US-Präsident Donald Trump liest. Alles irgendwie wenig aufregend. Doch halt: Im Pfarrheim oben ist zu später Stunde noch Betrieb. Das kann der investigative Mitternachtsreporter sich natürlich nicht entgehen lassen. Ein paar Stufen hoch, kurzes Klopfen und schon öffnet sich die Tür zur wahrscheinlich besten Midsummer-Party der Stadt. Wobei sich das gut gelaunte Stelldichein als After-Probe-Party herausstellt. Ein gutes halbes Dutzend der 50 Kirchchorsängerinnen und -Sänger bespricht gemeinsam die vorangegangene Sangeskunst bei einem guten Tropfen und einer Menge lustiger Anekdoten. „An den längsten Tag haben wir nicht gedacht. Wir treffen uns jeden Donnerstag. Ob der lang oder kurz ist, spielt keine Rolle“, sagt Dr. Volker Hitzel und erntet amüsierte Zustimmung.

Nichts Außergewöhnliches

Weiter geht der mitternächtliche Rundgang: Beim Griechen und in der Scheuer sind die Lichter schon um kurz nach 11 Uhr ausgegangen und nicht einmal die Enten unter der Brücke vom Schwarzbach lassen sich blicken. Am Taxistand am Bahnhof wird Milenko gerade via Funk abberufen. Eine Stunde hat der Bad Sodener noch Dienst. „Nee“, sagt Milli, „vom längsten Tag habe ich nichts mitbekommen. Alles ist wie immer. Wenn man außer Acht lässt, dass Kroatien Argentinien mit 3:0 geschlagen hat“, brummt der 47-Jährige los.

In direkter Nachbarschaft zum Kreisblatt dringt freundliches und freudiges Schlachtgeheul an das Ohr des Reporters. Knapp zwei Dutzend Kroaten feiern im Ups Hookah Club & Lounge das 3:0 gegen Argentinien. In den rot-weiß karierten Trikots können sie ihr Glück kaum fassen und trällern eine Volksweise nach der anderen. „Wir treffen uns regelmäßig und wir schauen jedes Spiel“, sagt Juro (48). Und schon holen ihn die anderen zurück an den Tresen. Seine Stimme wird gebraucht.

Auch die „Verlierer“ des Fußballabends sind noch lange nicht im Bett. In der Hauptstraße 38 ist auch nach Mitternacht noch ordentlich Betrieb. Dort lädt das Studio Destinotango jeden Donnerstag zur Milonga. „Andere klagen mit Tränen, ich singe, um nicht zu weinen. Deine Liebe versiegte plötzlich, niemals sagtest du warum“ heißt es in einem der Lieder und irgendwie ist der Fußball dann doch ganz nahe. Auch wenn keinen der Tänzerinnen und Tänzer das Spiel interessiert haben dürfte. Der längste Tag auch nicht. Dass hier bis in die Morgenstunden getanzt wird, ist Jahreszeiten unabhängig.

Mitternacht in der kürzesten Nacht des Jahres. Der Versuch, den Pulsschlag des Lebens in der Kreisstadt doch noch aufzuspüren, wird nach 30 Minuten eingestellt. Midsummer-Party Fehlanzeige. Selbst der Parkplatz des schwedischen Möbelgiganten in Wallau ist leer gefegt. Nun denn: Samstag ist auch noch ein Tag und viel länger ist die Nacht dann auch nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare