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Backstubenluft atmete er schon als Bub

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Von: Barbara Schmidt

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Lang sind seine Arbeitstage, aber er verbringt sie mit Freude: Morgens ab 6.30 Uhr steht Daniel Anderlohr in der Backstube, um dann später bis zum Ladenschluss in den Verkauf zu wechseln.
Lang sind seine Arbeitstage, aber er verbringt sie mit Freude: Morgens ab 6.30 Uhr steht Daniel Anderlohr in der Backstube, um dann später bis zum Ladenschluss in den Verkauf zu wechseln. © Knapp

Der Hofheimer Konditormeister Daniel Anderlohr betreibt das Rathauscafé. Servicekräfte werden besonders für die Nachmittage dringend gesucht.

Hofheim -Vor sechseinhalb Jahren hat Daniel Anderlohr eine einschneidende Entscheidung getroffen: Der Konditormeister hat nach vielen Jahrzehnten, die seine Familie das Café Hollhorst am Frankfurter Römerberg geführt hatte, die Zelte dort aufgrund für ihn unannehmbarer Mietkonditionen abgebrochen. Seit Oktober 2015 praktiziert er sein Handwerk in Hofheims Altem Rathaus. Ein Wechsel, den er nicht bereut hat. Daran hat auch die Pandemie nichts ändern können, die ja die ganze Gastro-Branche hart getroffen hat.

Backstubenluft kennt Daniel Anderlohr von kleinauf, denn das Konditorhandwerk hat in der Familie Tradition. Das belegen die Meisterbriefe von Großvater Georg und Vater Manfred Anderlohr, die neben seinem eigenen (von 1998) im Alten Rathaus-Café an der Wand hängen. "Als 12-Jähriger hab ich in der Backstubb' schon Käs'-Torte gemacht", sagt der Frankfurter, der zu den zahlreichen Einpendlern gehört, die in Hofheim ihren Arbeitsplatz haben.

Gelernt hat Anderlohr bei seinem Vater, denn ganz so viele Betriebe, die zurzeit seiner Ausbildung noch so gearbeitet hätten wie er, habe es schon gar nicht mehr gegeben, sagt der 45-Jährige. Traditionelles Handwerk ist ihm wichtig, das pflegt er bis heute. Ein Markenzeichen des wiederholt - zuletzt erst wieder Anfang dieses Jahres - von der Fachzeitschrift "Der Feinschmecker" ausgezeichneten Familienbetriebs. Das rote F im Schaufenster weist das Rathaus-Café als "eines der besten Cafés Deutschlands" aus.

Die Tester kämen unangemeldet und gäben sich auch nicht zu erkennen, weiß Anderlohr. Aber für ihn ist ohnehin Qualität zu liefern täglicher Anspruch. Die, sagt er, müsse unter Masse zwangsläufig leiden. Für ihn keine Versuchung. Lieber stellt er weiter "noch richtig handwerklich" Torten, Kuchen, Pralinen oder Gebäck her, ohne die Nutzung fertiger Vorprodukte etwa oder den Einsatz von Emulgatoren. Zwei Gesellen und eine Auszubildende bilden mit dem Chef das Team in der Backstube.

"Selbst das Arbeitsamt hat schon aufgegeben"

Doch was dort hergestellt wird, muss auch verkauft werden. Und hier hat Corona eine Menge verändert. Zuverlässige und patente Servicekräfte zu bekommen, sei nahezu aussichtslos, vor allem für den Zeitraum, in dem er sie benötige, erklärt Anderlohr. Für morgens und die späteren Abendstunden ließe sich durchaus Personal finden, doch im Café werde es vor allem in den Nachmittagsstunden gebraucht. "Selbst das Arbeitsamt hat schon aufgegeben", sagt der Konditormeister achselzuckend.

Also steht der Chef morgens von 6.30 Uhr an zunächst in der Backstube, um dann bis zum Ladenschluss in den Verkauf zu wechseln. Fehlt das Personal, muss er den Café-Bereich schließen - und das war, abseits von harten Lockdown-Zeiten zuletzt eben aus diesem Grund immer mal wieder der Fall. "Vor Corona war das unser Hauptgeschäft", 75 Prozent des Umsatzes habe es ausgemacht, sagt Anderlohr. Mit dem Blick darauf "sind wir bisher extrem gut durch die Krise gekommen".

Das liege vor allem an den Hilfsmitteln, die die Bundesregierung zur Verfügung gestellt habe. Vor allem das Kurzarbeitsgeld habe sehr geholfen, alle sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Betrieb zu sichern. "25 Lohnabrechnungen" habe er vor der Pandemie erstellt, "jetzt sind es noch neun."

Lockdown verlangte Einfallsreichtum ab - Ideen fruchteten

Die Anderlohrs - Ehefrau Katja ist mit im Betrieb tätig - haben sich schon im ersten Lockdown einiges einfallen lassen, um zu überleben. Das Frühstück für daheim wurde geboren - und ist bis heute so erfolgreich, dass es im Programm geblieben ist. Brot und Brötchen stammen ebenfalls aus der eigenen Backstube. Seither sei auch im Café das Frühstücksgeschäft gewachsen, sieht sich der Konditormeister in der Entscheidung, sich nebenbei autodidaktisch als Bäcker zu betätigen, bestätigt.

"Die Kreativität" nennt Daniel Anderlohr denn auch als das, was er an seinem Beruf ganz besonders mag. Wenn nicht nur das Äußere, sondern auch das "Innere" seiner Kreationen Menschen begeistere, sei das immer wieder schön zu sehen. "Es macht mir einfach Spaß, leckere Produkte herzustellen, die Freude machen", sagt der Konditor.

Ob er seine Leidenschaft auch an die vierte Anderlohr-Generation weitergeben kann, weiß der zweifache Vater aber noch nicht. Mit 12 und 14 seien seine Töchter für diese Entscheidung noch ein wenig zu jung. Was der Beruf und vor allem seine selbstständige Ausübung ihren Eltern an Einsatz abverlangt, davon haben die beiden aber immerhin schon mehr als nur eine Ahnung.

Extra: Familienunternehmen seit 1949

Bereits seit 1949 hat Georg Anderlohr im Café Hollhorst im Haus Fahrtor 1 am Frankfurter Römerberg als Konditor gearbeitet und damit die Familientradition begründet. Nach dem Tod von Henny Hollhorst übernimmt er 1954 mit seiner Frau Hedwig den Café-Betrieb. Sohn Manfred tritt 1978 in die Geschäftsleitung ein, der Betrieb wird von nun an als Offene Handelsgesellschaft (oHG) geführt. Enkel Daniel Anderlohr wird 1999 nach bestandener Meisterprüfung ebenfalls Gesellschafter der oHG. Im Oktober 2015 verlegte er den Café-Betrieb von Frankfurt nach Hofheim, als Pächter des historischen Rathauses, Hauptstraße 40. Seit dem vergangenen Jahr ist Daniel Anderlohr Vorstandsmitglied im Hofheimer Gewerbeverein IHH. Das Rathaus-Café hat aktuell neun Mitarbeiter, davon sind drei in der Backstube tätig. babs

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