Modellprojekt

Chance auf eine Lehre mit 25plus

Mangelnder Fachkräftenachwuchs und viele unbesetzte Ausbildungsplätze sind zunehmend auch ein Problem bei Einzelhändlern im Main-Taunus-Kreis. Nun hat die Idee Gestalt angenommen, die Fachkräftesicherung mit einer Ausbildungschance für Flüchtlinge zu verbinden.

Christoph Warnick, Filialleiter des Globus Baumarkts in Hofheim, wollte nicht länger tatenlos zusehen, speziell auch, was den Umgang mit Migranten betrifft. Gemeinsam mit dem Bildungskoordinator für Neuzugewanderte, Dr. Kenan Önen, entwickelte er im vergangenen Sommer eine Idee, die unter seinen Kollegen sofort großen Anklang fand: ein Modellprojekt zur Fachkräftesicherung im Einzelhandel, also die Vermittlung von Ausbildungsplätzen speziell für Neuzugewanderte über 25 Jahren. „Wichtig für uns war, dass wir sowohl die IHK Frankfurt als auch die Konrad-Adenauer-Schule in Kriftel als Kooperationspartner gewinnen konnten“, freut sich Önen.

Die Berufsschule erklärte sich bereit, für die Teilnehmer dieser „25plus“-Maßnahme eine eigene Klasse einzurichten, eine Qualifizierte Ausbildungsbegleitung in Berufsschule und Betrieb (QuABB) sicherzustellen und zusätzlichen, verpflichtenden Sprachunterricht für das Sprachmodul „Deutsch im Einzelhandel“ zu gewährleisten.

Zu guter Letzt sagten zehn Einzelhandelsunternehmen im Main-Taunus-Kreis 24 Ausbildungsstellen, Start im September 2018, zu. Darunter auch XXXLutz in Eschborn, wo ein sehr aktives Azubi-Recruiting betrieben wird. „Wir nutzen jedes Jahr eine Vielzahl an Möglichkeiten, um geeignete Kandidaten zu finden. Bei der Einstellung der Auszubildenden kommt es uns nicht auf Geschlecht, Alter oder Herkunft an –

Engagement und Leistung

entscheiden über die Eignung“, bekräftigt Filialleiter Stefan Grotelüschen. „So haben wir im vergangenen Jahr einen jungen Mann mit Migrationshintergrund für unser Restaurant gewinnen können, der mit viel Engagement, hohem Lernwillen und einer guten Einstellung seine Ausbildung verfolgt.“

Önen äußert sich ebenfalls zuversichtlich: „Wir haben unter den Migranten eine stille Goldreserve, die es gilt, für die Wirtschaft gewinnbringend einzubringen. Die Auszubildenden erhalten berufliche Chancen, werden ein Teil dieser Gesellschaft, steigern somit auch ihr Selbstwertgefühl und entwickeln Perspektiven.

Ein weiterer positiver Effekt ist, dass über die Arbeit der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung geschaffen und der Spracherwerb forciert wird.“ Die kooperierenden Unternehmen werden zudem bei der Erschließung von Fachkräftepotenzialen unterstützt. „Gemeinsam können wir bei der beruflichen Integration von Neuzugewanderten erfolgreich sein und positive Vorbilder schaffen.“ 35 geeignete Bewerber, 70 Prozent davon älter als 25 Jahre, wurden ausgewählt – und im Februar zu einem „Speed Dating“ mit den Ausbildungsbetrieben eingeladen.

Unter den Teilnehmern aus der Türkei, dem Iran, Eritrea, Kolumbien, Ghana, Afghanistan, Syrien, Äthiopien, Serbien, Libanon, Elfenbeinküste sowie aus Ungarn und Italien waren sowohl elf Abiturienten als auch fünf, die gar keinen Schulabschluss vorweisen konnten. 25 verfügten über eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, fünf über eine Duldung mit Erlaubnis zur Ausbildung.

Immerhin 28 hatten das Sprachkurs-Niveau B1 erreicht, sechs B2 und einer C1. Ein Ausbildungscoach der IHK sowie ehrenamtliche Betreuer bereiteten auf die Fragen der Ausbilder vor und präsentierten die Ausbildungsberufe im Einzelhandel.

Beim „Dating“ schließlich bekam jede Paarung aus Ausbildungsbetrieb und Ausbildungssuchendem zehn Minuten Zeit, um sich kennenzulernen. „Wir konnten tatsächlich zwei geeignete Kandidaten gewinnen, denen wir bei einem

Schnupperpraktikum

in unserer Filiale die Anforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten bei XXXLutz gezeigt haben“, zieht Grotelüschen Bilanz. „Ein 28-jähriger Afghane ist bereits als Aushilfe in unserer Leuchtenabteilung beschäftigt und wird im September seine Ausbildung als Verkäufer beginnen. Geplant ist auch, einen 20-jährigen Libanesen als Lageristen-Azubi einzustellen.“

Warnick war ebenfalls erfolgreich, denn 16 Personen lud er zu seinem Azubi-Auswahlverfahren ein: „Immerhin vier aus dieser Gruppe bekommen einen Ausbildungsplatz und können Verkäufer beziehungsweise nach einem dritten Ausbildungsjahr Kaufmann/-frau im Einzelhandel werden. Zwei davon arbeiten jetzt bereits – in der Gastronomie beziehungsweise Gartenabteilung – bei uns, und das klappt hervorragend.“

„Insgesamt gab es acht feste Zusagen für eine Ausbildung und 21 Praktikumsplätze mit Aussicht auf mehr“, ist Önen mit dem Ergebnis des „25plus“-Projekts sehr zufrieden. „Anfang 2019 werden wir uns alle wieder an einen Tisch setzen und besprechen, ob wir eine zweite Runde starten.“

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