2021 - und wir dürfen immer noch nicht spielen: Bernhard Westenberger und Hans-Jürgen Mock fühlen sich durch die Beschränkungen, die ihnen wegen der Corona-Pandemie auferlegt sind, gefangen. Foto: Alexander Bartling
+
2021 - und wir dürfen immer noch nicht spielen: Bernhard Westenberger und Hans-Jürgen Mock fühlen sich durch die Beschränkungen, die ihnen wegen der Corona-Pandemie auferlegt sind, gefangen.

Kultur

"Die Beschränkungen entziehen sich jeder Logik"

  • Ulrike Kleinekoenen
    vonUlrike Kleinekoenen
    schließen

Das Hofheimer Showspielhaus bleibt bis zum 1. September geschlossen. Im Sommer wollen die Geschäftsführer wieder einen Biergarten mit Kulturprogramm öffnen.Ihnen sei die Entscheidung nicht leicht gefallen, das Showspielhaus bis zum Herbst zu schließen, sagen die beiden Geschäftsführer Hans-Jürgen Mock und Bernhard Westenberger. Über die Gründe, was sie von den Beschlüssen des Corona-Gipfels halten und wie sie finanziell und mental die Krise meistern, sprach Redakteurin Ulrike Kleinekoenen mit Bernhard Westenberger.

Sie wollen das Showspielhaus bis zum 1. September geschlossen lassen. Sahen Sie keine Alternative zu diesem Schritt?

Nach der Ministerpräsidentenkonferenz nicht mehr. Die sogenannten Öffnungsperspektiven sind keine. Ein Theater auf Spieltemperatur zu bringen, bedarf einer Menge Vorbereitung. Ein Friseur steckt den Fön in die Steckdose und schließt seinen Laden auf. Das geht bei einem Theater nicht. Wir können auch keine gute Laune verkaufen, wenn wir jeden Tag damit rechnen müssen, dass man uns wieder schließt.

Hatten Sie sich von dem Corona-Gipfel vergangene Woche andere Signale erhofft?

Deutlich andere. Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles aufzumachen. Aber eine echte Strategie wäre wünschenswert gewesen. Solange das Impfen langsam anläuft, eine klare und durchdachte Teststrategie mit Abstand und Maskenpflicht. Warum geht das nicht? Ich teste mich morgens wie das Zähneputzen. Bin ich negativ, gehe ich arbeiten, bin ich positiv, bleib ich zu Hause.

Wie groß ist Ihre Wut auf die Entscheider in Bund und Land?

Wut ist der falsche Ausdruck. Es ist Fassungslosigkeit. Am 4. März wird nach der Konferenz gesagt, man müsse jetzt eine Infrastruktur für Tests aufbauen. Warum hat man das nicht seit Januar dieses Jahres bereits gemacht? Menschen, die seit 365 Tagen kein Einkommen haben, müssen ausbaden, was die Politik gerade verschläft. Hier geht es um weit mehr als die Kulturbranche. Jeder Einzelhändler, der zusehen muss, dass der Discounter nebenan völlig uneingeschränkt geöffnet hat, müsste Mordfantasien entwickeln. Alle Beschränkungen entziehen sich jeder Logik und werden deshalb auch nicht mehr mitgetragen von der Bevölkerung.

Obwohl das Showspielhaus geschlossen bleibt, wollen Sie in den nächsten Monaten präsent bleiben ...

... ja, das wollen wir auf jeden Fall. Wir stehen mit unserem Foodtruck, der "kleinen Rampensau", wieder an der Uferbar in Okriftel. Dieses Mal sind sogar fünf Tage in der Woche geplant. Der Biergarten im Posthof Hattersheim ist wieder im Gespräch, wo wir mit dem Kulturforum gemeinsam wieder einen Kultursommer veranstalten wollen. Außerdem haben verschiedene Städte angefragt, ob wir für Gastspiele zur Verfügung stehen. Faul werden wir im Sommer nicht sein, das steht fest.

Fast ein ganzes Jahr Lockdown, wie verkraften Sie das finanziell, haben Sie die versprochenen staatlichen Hilfen erhalten?

Eigentlich ist das nicht zu verkraften. Staatliche Hilfen haben wir zum Teil bekommen, aber bei weitem noch nicht alles was uns zusteht. Der Grund dafür, dass wir noch leben, ist ein Kredit über 250 000 Euro, den wir zu 3 Prozent bei der KfW aufgenommen haben. Das ist übrigens ein Teil der Bazooka, die Herr Scholz so gerne bemüht. Viele Milliarden, die dort genannt werden, lässt sich der Staat mit 3 Prozent verzinst wieder zurückzahlen. Hilfe sieht meines Erachtens anders aus.

Sie sind momentan durch das Virus eigentlich zum Nichtstun verdammt. Was macht das mit kreativen Köpfen wie Sie es sind?

Das ist sehr spannend. Mit jedem macht das Virus etwas anderes. Während ich mehr und mehr zurück zu meinen Wurzeln gehe und mich ausschließlich um Bürokratie, Hilfsanträge und Buchhaltung kümmere, wächst Hans-Jürgen Mock kreativ über sich hinaus und schreibt was das Zeug hält. Aktuell arbeitet er an der Trilogie eines spannenden Abenteuer-Romans.

Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Nein, nicht einmal. Von Anfang an war uns klar, dass wir durch diese Krise gehen und uns unseren Lebenstraum nicht davon zerstören lassen.

Wie halten Sie Ihr tolles Ensemble bei der Stange?

Böse gesagt: Im Moment können sie ja nirgends hin. Aber es ist schon eine Herausforderung. Zum Glück arbeiten wir mit den meisten unserer Ensemblemitglieder schon über 15 Jahre zusammen. Das ist eine Bindung, die über ein reines Jobverhältnis hinausgeht. Wir konnten uns immer aufeinander verlassen - und können das auch jetzt.

Sie sind von Beruf Komiker, wie behalten Sie sich in diesen Zeiten Ihre gute Laune?

Persönlich kann ich die Frage ganz einfach beantworten. Ich bin seit Mai letzten Jahres Opa. Das rückt alles, was man aktuell erlebt, in ein anderes Licht und zeigt uns täglich, worauf es wirklich ankommt. Wenn wir fröhlich sein wollen, holen wir einfach unseren Enkel ab. Wenn es anstrengend wird, können wir ihn ja wieder abgeben. Im Großen und Ganzen halten wir es aber wie Karl Valentin: Wir freuen uns, wenn es regnet, denn wenn wir uns nicht freuen, regnet es auch.

Info: Zehnjähriges Jubiläum im Oktober

Im Oktober 2011 haben Bernhard Westenberger und Hans-Jürgen Mock in den Räumen der ehemaligen Papiermühle an der Hofheimer Straße - genau auf der Grenze von Kriftel und Hofheim - das Showspielhaus eröffnet. Für die beiden Comedians, die bereits viele Jahre im Hattersheimer Posthofkeller gemeinsam auf der Bühne gestanden hatten, erfüllte sich mit dem eigenen Theater ein Lebenstraum. Seither haben viele namhafte Künstler im Showspielhaus ein Gastspiel gegeben. Außerdem werden der großen Fangemeinde immer wieder eigene Produktionen präsentiert, von denen die meisten aus der Feder von Geschäftsführer und Autor Hans-Jürgen Mock stammen. Besonders beliebt ist die Reihe "Gag & Breakfast", bei der die Besucher immer sonntags zum Frühstück von bekannten Künstlern unterhalten werden. ulk

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare