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Übungsleiter Johannes König schaut zu, wie sich David (11) an den Seilen in der Sporthalle ausprobiert.

Heiligenstockschule

Erlebnistag „Inklusion“: Sportlich Hürden abbauen

Leider haben es behinderte Menschen heute immer noch schwer, überall gleichberechtigt mitzumachen. Der Sporterlebnistag „Inklusion“ am Samstag in der Heiligenstockschule möchte Abhilfe schaffen.

Inklusion – was ist das? Was steckt hinter dem Begriff? Gemeint ist nicht die Integration von „Ausgegrenzten“, sondern allen Menschen uneingeschränkte Teilnahme an allen Aktivitäten zu ermöglichen. Ein gemeinsames Leben von Behinderten und Nichtbehinderten sollte Normalität sein. Ist es aber nicht.

Darauf möchte der dritte Sporterlebnistag „Inklusion“ aufmerksam machen und als Plattform Hürden abbauen. Die Organisatoren, der Deutsche Gymnastikbund, der Kreisbehindertenbeirat und der Sportkreis Main-Taunus wissen um die Barrieren in den Köpfen vieler Nichtbeeinträchtigter, die mit Gesetzen und Regeln das Thema unnötig verkomplizieren.

„Wie soll ein gehandicapter Mensch die im Sportabzeichen geforderten 200 Meter in elf Minuten schwimmen?“, fragt sich Ralf Roßmanith, Übungsleiter und Vorstandsmitglied der TG Schwalbach. „Diese Anforderungen sind gleichermaßen für Beeinträchtigte und Nichtbeeinträchtigte gültig“, erklärt er und könnten demnach nur dem Kopf eines nicht Gehandicapten entsprungen sein. In der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht, dass jeder Mensch überall dabei sein darf, festgelegt.

Auch Deutschland hat den Vertrag unterschrieben. „Doch es ist noch viel zu tun“, weiß Friederike Röhr. Sie ist Vorsitzende des Deutschen Gymnastikbundes und Organisatorin des Inklusionserlebnisstages. Röhr selbst betreibt eine Tanzgymnastik- und Bewegungsschule in der sie seit 25 Jahren Inklusion lebt. Sie möchte durch die Veranstaltung aufklären und Menschen zusammenbringen.

Mehrere Stationen waren am Samstag im Pausenhof der Heiligenstockschule aufgebaut, die zum Ausprobieren einluden. „Wir zeigen hier, wie es ist, in einem Rollstuhl zu fahren“, schildert Holger Kranz, Projektleiter beim Hessischen Behinderten- und Rehabilitation Sportverband. Er hat einen Parcours aufgebaut, der die Schwierigkeiten von Rollstuhlfahrern im täglichen Leben aufzeigt. Hohe, abgerundete Bordsteinkanten, Unebenheiten, steile Rampen, enge Kurven, sind nur einige Hindernisse, die Inklusion in Stadt, Schule, Beruf und Sport erschweren. „Wir sind in Deutschland absolutes Schlusslicht. In den skandinavischen oder angelsächsischen Ländern und selbst in Holland ist man weiter als hier“, sieht Holger Kranz noch großen Nachholbedarf.

Auch Irene Alberti, Mitglied des Kreisschwerbehindertenbeirates und im Arbeitskreis für inklusive Bildung und Freizeit tätig, ermuntert jeden, sich an das Thema heranzuwagen und seinen eigenen kleinen Beitrag zu leisten. „Nur so kann Inklusion irgendwann funktionieren.“

Die Besucherzahl des Fests wächst jährlich. „Hatten wir im ersten Jahr noch 100 Besucher, waren es letztes Jahr schon 230. Dieses Mal wollen wir die 300-er Marke knacken“, gibt sich Friederike Röhr optimistisch.

Und tatsächlich füllen sich nach und nach die verschiedenen Parcoursstationen mit Beeinträchtigten und Nicht-Beeinträchtigten. David ist mit seiner Mutter Natalia vorbeigekommen. Er lobt: „Ich wusste nicht, was das für ein Fest ist und habe keine Rollstühle erwartet. Jetzt, wo ich aber hier bin und alles ausprobieren darf, finde ich die Idee cool“, gibt der Elfjährige zu. Auffällig sei, wie viel Muskelkraft Rollstuhlfahrer zur Fortbewegung aufbringen müssten. „Er kam mit seinen Armen kaum die Rampe hoch und auch das

Ballspiel im Rollstuhl

ist mühsam“, erklärt Davids Mutter.

„Der Sporterlebnistag ’Inklusion’ soll als Plattform dienen, gemeinsam Hürden abzubauen und das Denken aus Sicht der Beeinträchtigten einzubeziehen. Menschen mit Handicap müssen normaler Bestandteil der Gesellschaft sein“, findet Ralf Roßmanith.

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