+
Elisabeth Winterhalter und Ottilie W. Roederstein (rechts) um 1932.

100 Jahre Frauenwahlrecht

Harter Kampf um politische Rechte für Frauen - auch in Hofheim ein Thema

  • schließen

100 Jahre Frauenwahlrecht – das ist auch ein Hofheimer Thema. Dafür stehen nicht zuletzt vier Namen bekannter Bürgerinnen.

Hofheim - Wenn es um das Engagement von Frauen in der Politik geht, kommt die Rede in Hofheim unweigerlich auf Katharina Kemmler. Das aktive Wahlrecht nutzten bereits 1919 viele Frauen. Das heißt aber noch nicht, dass auch viele in die politischen Gremien gewählt wurden. Die erste in Hofheim, das war Katharina Kemmler.

Sie wurde im November 1919 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ihre Partei, die SPD, bekam damals übrigens 44,4 Prozent der Stimmen. Kemmler war Mitglied der Wohlfahrtskommission, beließ es nicht bei der parlamentarischen Arbeit, sondern übernahm ehrenamtlich die Leitung der Suppenküche für unterernährte Kinder, die im Kellereigebäude untergebracht war. Am 5. Mai wurde sie mit der Mehrheit der Nationalsozialisten gemeinsam mit den anderen SPD-Abgeordneten ausgeschlossen – mit der vorgeschobenen Begründung, an der Maikundgebung teilgenommen zu haben. Man weiß nicht, ob Katharina Kemmler persönlich bekannt war mit Hanna Bekker vom Rath. Deren „Blaues Haus“ am Kapellenberg ist von Kemmlers Wohnung an der Brühlstraße zwar nur einen Kilometer Luftlinie entfernt, aber es dürfte sich um sehr unterschiedliche Milieus gehandelt haben. Hanna Bekker vom Rath hatte gemeinsam mit ihrem Ehemann 1920 das „Blaue Haus“ gekauft und 1918 bei einer Versammlung in der Paulskirche eine Rede für die Gleichberechtigung der Frau gehalten. Sie soll gesagt haben, Frauen sollten sich ihr Recht mit weiblichem Charme erkämpfen, nicht als verkappte Männer. „Nach 1918, als alles durch das traurige Kriegsende zusammenbrach, beteiligte ich mich kurze Zeit an dem politischen Umbruch, hielt für die SPD.“ Reden für die Gleichberechtigung der Frau schrieb sie später selbst. Von einem lange andauernden politischen Engagement kann man also nicht sprechen.

Bei der ersten Reichstagswahl, bei der die Frauen wählen durften, war die Malerin und Kunstsammlerin also noch nicht in Hofheim. Sie hätte sonst erleben können, dass die Wahlbeteiligung zum Beispiel in Höchst bei den Frauen mit 78,1 Prozent deutlich höher war als bei den Männern mit 71,2 Prozent. Konkrete Angaben für Hofheim liegen nicht vor. Da aber die Frauen sich in allen Höchster Vororten, also den heutigen westlichen Stadtteilen Frankfurts, stärker beteiligten als die Männer, kann man von einem flächendeckenden Resultat ausgehen. In Hofheim entfielen übrigens auf die SPD mit 973 die meisten Stimmen, das Zentrum folgte mit 886 Stimmen auf Platz zwei.

In der Rückschau überrascht die gute Wahlbeteiligung bei den Frauen nicht. In den zahlreichen Wahlaufrufen der Parteien wurden diese immer ausdrücklich mit angesprochen. Die Parteien organisierten eigene Wahlveranstaltungen nur für Frauen. „Ihr Frauen und Jungfrauen, die Ihr berufen seid, am Neuaufbau des Reiches entscheidend mitzuwirken, erscheint in Massen zu dieser Kundgebung“, warb die Zentrums-Partei in Höchst für einen Vortrag.

In einer aktuellen Ausstellung des Historischen Museums Frankfurt werden die Malerin Ottilie Roederstein und die Ärztin Elisabeth Winterhalter als Protagonistinnen des Frauenwahlrechts bezeichnet. Die beiden zogen 1909 von Frankfurt nach Hofheim, wobei Roederstein als Künstlerin bis heute mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. In vielen Publikationen ist allerdings von einer politischen Arbeit überhaupt nicht die Rede.

Tatsächlich hielt sich Ottilie Roederstein aus den politischen Diskussionen in Frankfurt eher heraus, engagierte sich aber pragmatisch für junge Künstlerinnen. Das kann man durchaus auch als Wirken in der Frauenbewegung verstehen. „Es gab Mütter, die ihre Tochter lieber im Sarg sehen wollten als im Malerkittel“, schrieb die „FAZ“ mit Blick auf die Jugendjahre der Roederstein, die sich ihre Malerkarriere erkämpfen musste.

Ihre Lebensführung als wirtschaftlich selbstständige Frauen, ihre offen gelebte Liebesbeziehung miteinander, auch im kleinbürgerlichen Hofheim, das sind Merkpunkte in der weiblichen Emanzipationsbewegung. Elisabeth Winterhalter hat öffentlich mehr gezeigt, sich nicht nur als Medizinerin in einer männerbeherrschten Disziplin etabliert, sondern auch in Organisationen wie dem Verein Frauenbildung-Frauenstudium mitgearbeitet, der erreichte, dass an der Frankfurter Schillerschule auch Mädchen das Abitur ablegen konnten. Gerade dieses Projekt wird explizit Elisabeth Winterhalter zugeschrieben. Die Frage stellt sich, warum es in Hofheim einen Roedersteinweg gibt, aber keine Straße, die nach Winterhalter benannt ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare