Vor dem Piks muss der Impfstoff aufgezogen werden.
+
Vor dem Piks muss der Impfstoff aufgezogen werden.

Corona

Hausärzte: "Es steht uns Oberkante Unterlippe"

  • VonBarbara Schmidt
    schließen

Boostern: Die Praxen sind am Limit - Armin Beck, Chef des Hessischen Hausärzteverbandes, sagt: Das Hauptproblem bleiben die Ungeimpften.

Hofheim -Kreisblatt-Leser Günter Jorkowski gehört als 87-Jähriger zu der Gruppe, die nach Meinung der Ständigen Impfkommission (Stiko) und des Bundesgesundheitsministers unbedingt eine Booster-Impfung erhalten sollte. Nur: Alle Versuche, diese dritte Corona-Schutzimpfung möglichst bald zu erhalten, sind bislang fehlgeschlagen. Bei seinem Hausarzt habe er die Auskunft erhalten: "Wir hätten da erst Mitte Januar 2022 einen Termin für Sie", berichtet der Eppsteiner. Er habe gedacht, schuld sei womöglich nur ein Engpass bei seinem Hausarzt, sagt Günter Jorkowski. Doch alle Telefonate mit anderen Allgemeinmedizinern, seiner Krankenkasse oder gar der Servicenummer 116 117 konnten ihm auch keinen kurzfristigen Impftermin verschaffen. Sein Eindruck: "Die Ärzte sind überlastet und größtenteils frustriert von der Politik." Als Impfwilliger fühlt sich Günter Jorkowski seinerseits alleingelassen mit seinem Bemühen, alles nur Mögliche zur Bekämpfung der Pandemie und zum eigenen Schutz und damit zur Entlastung des Gesundheitssystems zu tun.

Praxispersonal extrem belastet

Armin Beck, Hausarzt in Hofheim und zudem Vorsitzender des Hessischen Hausärzteverbands, bedauert ausdrücklich, dass es im Fall von Günter Jorkowski noch zu keiner Booster-Impfung gekommen ist. Der Chef des Hausärzteverbands räumt zwar ein, dass nach wie vor nicht alle Hausärzte sich am Impfen beteiligen. Doch Beck weist auch auf die Schwierigkeiten hin, mit denen die niedergelassenen Ärzte in Sachen Corona-Schutzimpfung zu kämpfen haben. "Nicht ganz falsch" sei die Analyse von Überlastung und Frustration bei den Ärzten, sagt Beck zudem. Immerhin müsse neben allem, was die Pandemie betreffe, ja auch der ganz normale Praxisbetrieb weitergehen. "Seit zwei Jahren arbeiten unsere Medizinischen Fachangestellten wie die Verrückten", sieht er die Praxisteams insgesamt hochbelastet. "Es steht uns Oberkante Unterlippe." Öffentliches Lob gebe es aber immer nur für das Personal in Kliniken und Altenheimen, doch auch in sehr vielen Praxen werden überdurchschnittliches geleistet.

Viel Unmut über die Politik

Nachdem die Covid-Praxis in der Kurhausstraße in Hofheim im Sommer dichtgemacht worden sei, hätten die niedergelassenen Ärzte auch noch die Abstriche bei Corona-Verdachtsfällen zu leisten. "Was glauben Sie, wo die 40 000 oder wie viel auch immer bestätigten Infektionen, die das Robert-Koch-Institut da täglich meldet, festgestellt wurden?", so Becks rhetorische Frage. Wenig hilfreich sei zudem gewesen, dass in den vergangenen Wochen Impfstoff nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch alle 14 Tage habe bestellt werden dürfen. Zumindest das sei jetzt rückgängig gemacht worden.

Unmut habe es unter den Kollegen auch über die Äußerung von Hessens Innenminister Peter Beuth gegeben, die 96 Euro, die für eine Impfung im Impfzentrum honoriert wurden, seien "wirtschaftlich" gewesen. Warum dann die niedergelassenen Ärzte 28 Euro pro Piks und den damit einhergehenden bürokratischen Aufwand erhalten, hätten sich viele schon gefragt. Er rede aber gar nicht von Geld, betont Beck. Er findet jedoch die Äußerungen vieler Politiker, alle müssten "jetzt sofort" geboostert werden, nicht nur unrealistisch, sondern auch überzogen. "Die Impfung wirkt auch am 181. Tag noch", sagt Beck. Viel wichtiger als zu boostern sei nach wie vor, die Zahl der Erstimpfungen zu erhöhen. "Dann könnten wir uns die dritten Impfungen sparen.

Auch Dr. Stefan Weier, Hausarzt in Langenhain und Sprecher des Qualitätsnetzwerks der niedergelassenen Ärzte in Hofheim, kann den Ärger einiger Kollegen über die Politik durchaus verstehen. "Es gibt ständig neue Verordnungen", etwa zu den PCR-Tests gerade jetzt wieder, dessen sei mancher einfach überdrüssig. "Die klare Richtung, so ein Helmut Schmidt in der Politik, der sagte: ,Wir machen das jetzt so', das fehlt", so sein Eindruck. Weier macht täglich für Corona Überstunden. "Ich impfe immer nach Feierabend so rund 20 Leute. Und auch samstags", sagt der Internist.

Armin Beck sagt, wie viele Patienten pro Praxis geimpft würden, lasse sich nicht pauschal sagen, weil die Voraussetzungen ja ganz unterschiedlich seien. Ein Kollege mit einer Großpraxis in Wiesbaden schaffe mit seinen Kollegen 300 Impfungen pro Woche, bei ihm seien es vielleicht 100, es gebe aber sicher auch Praxen, wo es nur zehn seien. Im Gespräch mit Sozialminister Kai Klose (Grüne) habe es gestern morgen geheißen, man brauche jetzt täglich 30 000 Impfungen in Hessen, um bis Weihnachten 1,25 Millionen Bürger geboostert zu haben. Dabei gehe der Minister offenbar von einer Sechs-Tage-Woche aus.

Neue Impfangebote auch durch den Kreis

Das Impfzentrum des Main-Taunus-Kreises im Kastengrund ist mittlerweile außer Betrieb und ausgeräumt. Wie Landrat Michael Cyriax im Interview mit dieser Zeitung versichert hatte, unterstützen seither die Kliniken mit mobilen Impfteams die niedergelassenen Ärzte. Neben Impfaktionen in verschiedenen Kommunen soll es jetzt auch feste Impf-Tage, zunächst immer freitags, in den Räumen in der Kurhausstraße geben, die bis zum Sommer für die Covid-Praxis genutzt wurden (siehe Info-Text oben). Im Gesundheitsamt hätten Bürger die lange Wartezeit auf Impftermine beklagt. Sie könnten darauf "nicht Monate warten", so Cyriax. "Wir müssen die Impfkampagne beschleunigen."

"Angesichts der doch rasanten Zahlenentwicklung" und zahlreicher Anfragen, so Kreis-Sprecher Johannes Latsch, solle es eine Art "Impfbus" geben, der zum Beispiel gezielt Altenheime oder bestimmte Stadtteile anfahren könne. Zudem habe sich der Kreis entschlossen, wieder täglich die Infektionszahlen für den MTK zu veröffentlichen. babs

Extra: MTK-Kliniken bieten Impf-Tage an

Der Main-Taunus Kreis bietet in Zusammenarbeit mit seinen Kliniken und finanziert vom Land Hessen ab Mitte November in der Kurhausstraße 33 in Hofheim Impfungen an. Erster Impftag ist der 19. November (12.30 bis 19.30 Uhr). Zunächst soll immer freitags geimpft werden, eine Ausweitung ist möglich. Wer das Angebot nutzen möchte, muss sich dafür über die E-Mail-Adresse impfen@kliniken-mtk.de anmelden. Er erhält dann eine Bestätigungsmail mit einem Impftermin. Angegeben werden müssen Vor- und Nachname der zu impfenden Person, das Geburtsdatum und eine Telefonnummer. Vermerkt werden muss auch, ob es sich um eine Erst-, Zweit- oder Auffrischungsimpfung oder um eine Impfung nach Covid-19-Erkrankung handelt. Bei Zweit- und Drittimpfungen ist zudem das Datum der bisherigen Impfung(en) sowie der genutzte Impfstoff zu nennen. Neben Impfpass und Krankenkassenkarte muss beim Impftermin ein Ausweis vorgelegt werden. babs

Armin Beck ist Hausarzt in Hofheim und Chef des Hessischen Hausärzteverbandes.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare