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Hier fällt einem alles entsetzlich schwer

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Von: Barbara Schmidt

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Wenn Alltägliches zur Höchstschwierigkeit wird: Der Demenz-Parcours im Stadtmuseum macht unserer Reporterin Barbara Schmidt an einer Station deutlich, wie schwierig es für Erkrankte sein kann, sich mit Messer und Gabel etwas auf den Teller zu füllen. Dabei ist das Scheitern normal, ja, in diesem Fall wegen des Lerneffekts sogar gewollt.
Wenn Alltägliches zur Höchstschwierigkeit wird: Der Demenz-Parcours im Stadtmuseum macht unserer Reporterin Barbara Schmidt an einer Station deutlich, wie schwierig es für Erkrankte sein kann, sich mit Messer und Gabel etwas auf den Teller zu füllen. Dabei ist das Scheitern normal, ja, in diesem Fall wegen des Lerneffekts sogar gewollt. © mar

Unterwegs auf dem Demenz-Parcours im Hofheimer Stadtmuseum: Ganz normale Alltags-Situationen sind kaum noch zu meistern

Hofheim. Wie nur soll das funktionieren? Nicht nur an dieser Station auf dem Demenz-Parcours, der aktuell im Stadtmuseum aufgebaut ist, kommt die Frage ganz unwillkürlich. Mit Messer und Gabel ein paar zusammengeknüllte Papierkugeln, die das Essen simulieren, auf einen aufgemalten Teller legen - das ist doch kein Problem! Für mich als halbwegs gesunden Menschen jedenfalls nicht. Doch wer auf diesem Parcours unterwegs ist, dem soll deutlich gemacht werden, wie es einem Demenzkranken in dieser Situation gehen würde. Ich lerne: Mit dieser Erkrankung wird das, was mir im Alltag leicht fällt, zur großen Hürde. Denn hier erschwert mir die Lösung der kleinen Aufgabe, dass ich alles spiegelverkehrt sehe.

Ich stochere unbeholfen herum

So stochere ich mit Gabel und Messer unbeholfen herum, mein Versuch, die rote Papierkugel zu erwischen, scheitert kläglich. Ein wenig mehr Konzentration bitte! Ja, nun geht es besser. Aber wie mühsam ist das denn?! Ulrike Goretzka, die meinen Versuchen zuschaut, bemerkt die Frustration. „Dass Sie an den Stationen scheitern, ist gewollt“, erläutert die Mitarbeiterin des Caritas-Verbands, der anlässlich des heutigen Welt-Alzheimertages mit dem Stadtmuseum als Kooperationspartner zum Demenz-Parcours einlädt.

Ersonnen hat die unter dem Namen „Hands-on Dementia“ als Demenz-Simulation konzipierten Stationen der Student Leon Maluck. Mit Hilfe der Caritas-Stiftung konnte „Hands-on Dementia“ für eine Woche ausgeliehen und der kostenlose Besuch ermöglicht werden. Das Scheitern solle erkennbar machen, „mit welchen Herausforderungen jemand mit dieser Einschränkung jeden Tag zurechtkommen muss“, erläutert Diplom-Pädagogin Goretzka.

Weil das eben frustrierend ist für den, der ganz normale Alltagssituationen wie die Zubereitung eines Frühstücks, einen Gang zum Friedhof oder eine schlichte Vorfahrtsgewährung im Straßenverkehr derart erschwert bekommt, dass er sie als unlösbar und belastend empfindet, gehört der Austausch darüber zum Konzept. „Wie habe ich das erlebt, warum fühle ich mich damit so unwohl, warum finde ich das unangenehm?“, nennt Ulrike Goretzka Fragen, für die sie als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Gewollt ist aber auch, dass sich Parcours-Absolventen mit anderen, die hier ebenfalls unterwegs sind, austauschen.

Gleich die nächste Station zwischen Ausgrabungsschätzen der Römerzeit öffnet die Augen dafür, warum ein Demenzkranker nicht mal eben in der Lage ist, sich schnell noch für einen Einkauf kurz vor Ladenschluss anzuziehen.

Schon das Lesen des Aufgabentextes ist mühsam, denn er wurde mit Zahlen anstelle verschiedener Buchstaben verfremdet. Bis 36 zählen und zunächst dicke Arbeitshandschuhe anziehen, um mit diesen dann in einen Kittel zu schlüpfen und ihn zuzuknöpfen - das zeigt mir überdeutlich, warum die 89-Jährige aus meiner Verwandtschaft neuerdings so elend lange braucht, wenn sie sich zum Spaziergang fertig machen soll. In 36 Sekunden geht da gar nichts. Doch mein Ehrgeiz will zumindest einen der Knöpfe ins Loch bugsieren. Mit so klobigen Fingern, wie sie der Handschuh produziert, aber eine echte Geduldsprobe.

Vergangenheit wird zur Gegenwart

Im Heft, das an jeder Station die Aufgabe erläutert, wird am Ende jeweils auch erklärt, aus welchem Grund es einem Demenzkranken so schwerfällt, diese Art Situation zu bewältigen. Das reicht von der Handlungsstörung über Störungen des Urteilsvermögens oder der Orientierungsfähigkeit bis hin etwa zur Zeitgitter-Störung, bei der Ereignisse aus der Vergangenheit zur Gegenwart werden.

Gleichzeitig wird deutlich gemacht: Hier soll keine Demenz diagnostiziert werden, es geht darum, sich bewusster zu machen, warum für einen Dementen vieles, was Nicht-Erkrankten selbstverständlich von der Hand geht, so mühsam oder kaum noch bewältigbar ist. „Sie sollen das Scheitern des Menschen mit Demenz erfahren“, sagt Ulrike Goretzka. Das soll den Umgang mit dementen Menschen verbessern helfen. „Der Weg zu ihnen ist der, einen Schritt in ihre Richtung zu gehen“, bringt es die Caritas-Mitarbeiterin auf den Punkt.

Gedacht ist der Parcours, für den man schon ein wenig Zeit mitbringen muss, grundsätzlich für jeden Interessierten. Angehörige von Demenzkranken und Menschen, die beruflich mit ihnen zu tun haben, wird er aber sicher ganz besonders ansprechen. Gelegenheit, ihn zu absolvieren, gibt’s noch bis zum kommenden Samstag, 24. September, zu den Öffnungszeiten des Stadtmuseums.

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