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Frustrierte Solaranlagen:-Pioniere_ Heinz Günter Decker und Gaby Colpe-Decker

Ökostrom

Aus für erste Solaranlagen – Betreiber: „So ein Schwachsinn“

  • vonJulian Dorn
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Obwohl 20 Jahre alte Solaranlagen möglicherweise noch sehr gut funktionieren, ist ihre Zukunft ungewiss. Denn ab 2021 entfällt die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung. Was Verbraucher jetzt wissen müssen.

  • Obwohl sie noch gut laufen müssen die ersten Solaranlagen vom Netz.
  • Ein Solar-Betreiber aus Hofheim spricht über die Folgen für Betroffene.
  • Für viele Öko-Strom-Vorreiter aus dem Main-Taunus-Kreis wird es schwierig.

Hofheim – Heinz Günter Decker ist ein Pionier. Der Marxheimer mit graumeliertem Haar, in beigefarbenem Hemd, dunkler Cordhose und Birkenstock-Sandalen führt die Gäste um sein Haus herum. Es geht vorbei an einer mit wildem Wein berankten Terrasse in den Garten. Dort deutet er auf das Dach seines Hauses. Da hat er vor 20 Jahren die ersten Solarmodule festgeschraubt. Noch immer funktioniere seine Anlage einwandfrei, sagt er. "Sie bringt 80 Prozent ihrer Leistung."

Hofheim: Solaranlagen müssen vom Netz – Viele Ökostrom-Vorreiter aus dem MTK betroffen

Rund 50 Cent bekommt Decker für jede Kilowattstunde, die seine Solaranlage ins Netz einspeist. Doch damit ist im nächsten Jahr Schluss. Dann endet die für 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Und das nicht nur für Decker. Bundesweit entfallen so 114 Megawatt Solarleistung, das sind zwar nur 0,2 Prozent der in Deutschland installierten Solarleistung, doch die Menge wird in den Folgejahren stark ansteigen. Bis 2025 werden es schon fast 2000 Megawatt und insgesamt 176 600 Anlagen sein. Auch viele Ökostrom-Vorreiter aus dem Main-Taunus-Kreis sind betroffen.

Einige von ihnen versammeln sich an diesem Nachmittag bei leichtem Nieselregen in Deckers Garten in Hofheim, zusammen mit Vertretern des Kreisverbands der Grünen und ihrer Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche. Sie haben aus braunem Pappkarton Transparente gebastelt mit der Aufschrift "Die Sonne scheint auch 2021." Die Kündigung des Netzbetreibers Süwag hatte Decker bereits im Briefkasten. "So ein Schwachsinn", meint er. "Viele Anlagen laufen deutlich länger als 20 Jahre, aber das Potenzial dürfen wir jetzt wohl nicht mehr ausschöpfen." Das Gesetz verbietet, die Anlagen weiterzubetreiben. Decker darf keinen Strom mehr ins Netz abgeben, nicht mal ohne Vergütung.

Hofheim: Solaranlagen-Pioniere haben nur zwei Optionen

Und nun? Wenn Decker und die anderen Solar-Pioniere ihre Module nicht entsorgen wollen, haben sie zwei Optionen: Sie könnten die Anlage technisch so umrüsten, dass der Strom nur noch zum Eigenverbrauch genutzt wird. Dann wird aber für jede selbst genutzte Kilowattstunde Solarstrom künftig eine anteilige EEG-Umlage in Höhe von rund drei Cent fällig.

Oder Decker installiert leistungsfähigere Module. Die würden auch einen deutlich höheren Ertrag auf der gleichen Fläche liefern, der liegt beim 3- bis 3,5-fachen der Wattleistung pro Modul und des Stromertrags. Weil die Grundmaße fast identisch geblieben sind, ist der Austausch gar nicht so teuer. Das Problem sind die neuen Module. Denn die kosten pro Stück bis zu 1500 Euro. Hinzu kommt, dass es laut EEG für eine neue Anlage dann nur noch sechs bis acht Cent pro eingespeister Kilowattstunde gäbe. "Das lohnt sich nicht", meint Decker. Höchstens in puncto Eigenverbrauch. Denn wer den Strom aus seiner Solaranlage selbst nutzt, der spart, so die Rechnung von Fachleuten, pro Kilowattstunde rund 30 Cent, die er normalerweise an seinen Stromversorger zahlen müsste. Theoretisch.

Hofheim: Einspeisevergütung läuft für viele Solaranlagen aus

Das funktioniere aber nur, schränkt Decker ein, wenn im Haushalt genug Elektrogeräte vorhanden sind, so dass diese den vor allem um die Mittagszeit herum generierten Solarstrom verbrauchen. Alternativ kann man den Strom jedoch auch in Batterien bis abends speichern, die jedoch bislang relativ teuer sind. In diesem Fall amortisieren sich die Kosten dann aber nach zehn bis zwölf Jahren. So wie damals bei Decker und seiner Anlage. "Die war zwar extrem teuer, aber sie hat sich bezahlt gemacht", bilanziert er. Decker erwirtschaftete satte Gewinne. Die Rendite stand für ihn aber nie im Vordergrund, Decker ging es um den Umweltaspekt. Er wollte einfach sauberen Strom produzieren und einen Beitrag zur Energiewende leisten.

Hofheim: Solaranlagen müssen vom Netz – Für die Betreiber der ersten Stunde wird es schwierig

Das werde nun für die Betreiber der ersten Stunde immer schwieriger, moniert Abgeordnete Schulz-Asche. Denn es fehlten die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Anschlussverwendung der alten Anlagen. Hier müsse die Bundesregierung nachsteuern. "Es fehlen Möglichkeiten, aus den Ü-20-Anlagen Ökostrom weiterhin direkt zu vermarkten." Momentan bestrafe man Solar-Pioniere geradezu für ihr frühzeitig aufgekommenes Umweltbewusstsein. Bei einer "wilden Einspeisung", also ohne kaufmännische Abnahme, drohten zivilrechtliche Klagen des Netzbetreibers, im schlimmsten Falle eine Abklemmung vom Stromnetz.

"Wenn wir es mit der Energiewende wirklich ernst meinen, dann brauchen wir jedes Dach", betont Schulz-Asche. Decker will jetzt endlich Klarheit, wie es weitergeht. Auf seinem Handy scrollt er zu einem Foto, auf dem seine Solaranlage zu sehen ist. Stolz zeigt er sie herum, er wirkt fast ein wenig wehmütig dabei. Und er fragt sich: "Können wir es uns leisten, solche Anlagen vom Netz zu nehmen, die noch viele Jahre lang Strom erzeugen würden?" (Von Julian Dorn)

Die Dreieicher CDU will brachliegende Flächen einer ehemals geplanten Rastanlage an der A 661 in Höhe Sprendlingen mit Solar-Anlagen bestücken.

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