Dr. Stefan Weier in Schutzkleidung - nach vier Stunden Arbeit in dieser Montur ist er auch körperlich geschafft.
+
Dr. Stefan Weier in Schutzkleidung - nach vier Stunden Arbeit in dieser Montur ist er auch körperlich geschafft.

Corona-Ambulanz in Hofheim

Arzt bestätigt beunruhigenden Trend: „Wachsende Aggressivität spürbar“

  • vonBarbara Schmidt
    schließen

Rund 200 Menschen kommen jede Woche in die Hofheimer Corona-Ambulanz. Im Verhalten der Patienten habe sich in den vergangenen Monaten einiges verändert. Nicht immer zum Besseren, meint Dr. Stefan Weier.

Hofheim - Eine Corona-Ambulanz zu führen, das ist nicht unbedingt ein Job, um den man sich reißen würde. Doch für den Main-Taunus-Kreis war klar: Er wollte für seine rund 240 000 Bewohner eine eigene Anlaufstelle für alle, die fürchten, sich mit dem Coronavirus Sars-CoV 2 angesteckt zu haben und für alle, für die das tatsächlich zutrifft, die aber keine Behandlung in einem Krankenhaus benötigen.

So wurde Anfang April nach Verhandlungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) eine sogenannte "Ambulante Schwerpunktpraxis für Corona Verdachtsfälle" eingerichtet. Als Vertragsärzte der KV fanden sich Dr. Isabelle Clessienne aus Kriftel und Dr. Stefan Weier aus Langenhain bereit, diese sehr besondere Arzt-Praxis zu führen. Und das zusätzlich zu ihrer Arbeit in den eigenen Praxen.

Corona-Ambulanz in Hofheim: Acht bis zehn Minuten pro Patient

Seitdem sind vier Monate vergangen. Doch das Thema Pandemie hat sich leider alles andere als erledigt. Das sehen Stefan Weier und seine Kollegin tagtäglich in ihrer Schwerpunkt-Praxis. An die 200 Patienten pro Woche stellen sich laut Internist Weier in den Räumen, die von den Kliniken des Main-Taunus-Kreises auf dem Gelände der Fachklinik an der Kurhausstraße bereitgestellt wurden, derzeit vor.

"Das Gesundheitsamt des Kreises schickt uns die Verdachtsfälle und macht auch die Termine. Pro Patient sind acht bis zehn Minuten Zeit vorgesehen", erläutert der Arzt das Procedere. Die Schwerpunktpraxis soll die Hausärzte vom Thema Corona entlasten und nicht zuletzt vermeiden helfen, dass Infizierte eine normale Arztpraxis aufsuchen und dort Menschen anstecken. "Viele Kollegen sind froh, dass wir da sind", weiß Weier, der auch Sprecher des Medizinischen Qualitätsnetzes Hofheim ist. Kritiker der Regelung gebe es allerdings auch.

Hofheim: 200 Patienten pro Woche in der Corona-Ambulanz - Dienst in voller Schutzausrüstung

Für den Job in der Extra-Praxis, die in fünf Tagen auf die Beine zu stellen war, stand im März jedoch niemand Schlange. Und dass er alles andere als leicht ist, kann Stefan Weier nur bestätigen. Nach vier Stunden Dienst in voller Schutzausrüstung sei er auch körperlich jedes Mal geschafft. Bei jedem Patienten, der sich vorstelle, mache er neben dem obligatorischen Abstrich eine körperliche Untersuchung. "Lunge abhören, Fieber messen und alles, was man so macht, wenn sich Menschen mit einer Erkältungssymptomatik vorstellen." Im Tagesmittel bestätige sich bei zwei bis drei von durchschnittlich 25 Patienten der Verdacht auf eine Covid-Infektion.

Noch etwas anderes hat Weier in den letzten Wochen "diagnostiziert": Eine veränderte Stimmung. "In der ersten Zeit waren alle sehr diszipliniert. So mancher hat sich auch bedankt dafür, dass wir diese Arbeit machen." Das habe sich mit der wachsenden Sorglosigkeit und Kritik an den Pandemie-Maßnahmen in Teilen der Bevölkerung verändert. "Jetzt wird unten drunter eine wachsende Aggressivität spürbar", ist Weiers Erfahrung.

Hofheim: Arbeit in der Corona-Ambulanz - Ein Ende ist nicht absehbar

Schnellere Ungeduld, eine stärkere Anspruchshaltung und der Tenor: "Sie kriegen das schließlich bezahlt" machten sich stärker bemerkbar. Die Sorge, wie sich ein positiver Test auf das Unternehmen auswirken könnte, in dem man arbeitet, hört Weier beim ein oder anderen auch. Angesichts der ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage in vielen Branchen für ihn durchaus ein nachvollziehbarer Grund für eine veränderte Stimmung. Da werde dann schnell eine sichere Diagnose gefordert. Die Tücken, die gerade der Covid-Erreger da hat, kenne trotz aller Aufklärungsversuche über die Medien allerdings längst nicht jeder, muss Weier immer wieder feststellen. Und sieht mit Unverständnis die Berichte über die Auswüchse in der "Party-Szene" und die bewusste Nichtbeachtung von Abstandsregel und Maskenpflicht. "Müssen wir uns das jetzt geben?", fragt er kopfschüttelnd.

Zunehmend macht noch die Bürokratie der Schwerpunktpraxis zu schaffen. Allein mit den Kassen gebe es mittlerweile vier verschiedene Abrechnungsmodelle. Das liegt an den unterschiedlichen Kostenträgern für die Abstriche. Neben den Krankenkassen sind das die Öffentlichen Gesundheitsämter, die Kultusministerien (für Lehrer) und die Gesundheitsministerien der Länder (für Reiserückkehrer). Jede Stelle verlange ihre eigenen Codierer und während die Kassen zum Quartal eine Abrechnung wollen, forderten sie die übrigen Kostenträger zum Monatsende. "Eigentlich brauchte das einen eigenen Verwaltungsapparat. Aber davon hat keiner vorher was gesagt."

Eine Ablösung in der Corona-Praxis durch andere Kollegen sieht der Vertrag mit der KV übrigens nicht vor. Wann Isabelle Clessienne und Stefan Weier sie wieder aufgeben können? Der Vertrag gelte "für die Dauer der Pandemie", sagt Weier. "Das ist also nicht absehbar." (Von Barbara Schmidt)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare