Während der Einschränkungen in der Corona-Krise haben in den Familien die Fälle häuslicher Gewalt zugenommen. Foto: dpa
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Während der Einschränkungen in der Corona-Krise haben in den Familien die Fälle häuslicher Gewalt zugenommen. Foto: dpa

Frauen helfen Frauen

Hofheim: Gewalt nimmt in der Krise zu

Die Beratungsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen setzt auf Unterstützung durch die Polizei.

Hofheim -Familien, die aktuell gezwungenermaßen viel Zeit gemeinsam in der Wohnung verbringen und in ihrem Alltag stark beschränkt sind, erleben vielerlei Belastungen - ob das jetzt gleichzeitiges Homeoffice und Home-Schooling ist oder die Sorge um Angehörige und Risikopatienten. Mit diesen Stressfaktoren steigt auch das Gewaltpotenzial, und zwar in allen sozialen Schichten. Zwar kann die Polizei bisher keine besondere Häufung von häuslicher Gewalt feststellen, verweist aber auch darauf, dass noch keine validen Zahlen vorliegen und daher mit den Vorjahresdaten - 2018 gab es 358 polizeilich bekannte Fälle - kein seriöser Vergleich stattfinden kann. Dass allerdings zeitlich versetzt sehr wohl eine Zunahme körperlicher Übergriffe festzustellen sein wird, daran gibt es bei vielen Experten wenig Zweifel.

Soziale Kontakte sind eingeschränkt

Auch der Hofheimer Verein "Frauen helfen Frauen MTK e.V.", der sowohl die Beratungs- und Interventionsstelle wie auch das Frauenhaus betreibt, weist darauf hin, dass gerade Frauen in gewaltbelasteten Partnerschaften während der Krise eine Zunahme der körperlichen, psychischen und sexualisierten Gewalt erleben werden: "Soziale Kontakte oder professionelle Unterstützung, die der Bedrohung durch den Partner entgegenwirken können, sind aktuell stark eingeschränkt. Die durch die Krise auftretenden finanziellen Schwierigkeiten und die ständige Anwesenheit von Kindern können Druck und Stress im Familiensystem erzeugen und schränken die Handlungsoptionen von Frauen weiter ein. Sie unterliegen vermehrt der sozialen Kontrolle durch ihren Partner und können kaum Telefonate führen oder anderweitig Kontakt aufnehmen."

Der Verein setzt daher auf eine intensive Kooperation mit der Polizei: "Wir hoffen darauf, dass die Beamten bei Einsätzen oder Anzeigen zu häuslicher Gewalt entsprechende Entscheidungen zur Deeskalation vor Ort treffen." Eine geeignete Maßnahme kann beispielsweise sein, Gewalttäter für bis zu 14 Tage der gemeinsamen Wohnung zu verweisen und ein Kontaktverbot auszusprechen, wie Johannes Neumann vom Polizeipräsidium Westhessen erläutert: "Opfer können diesen Zeitraum nutzen, um bei Gericht eine Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz zu beantragen." Gemäß dessen Leitmotiv "wer schlägt, der geht" hat die Frau dann die Möglichkeit, übers Familiengericht zu bewirken, dass sie die Wohnung behalten kann und der Mann nicht zurückkommen darf. Diese Wegweisung wäre nach Ansicht des Vereins - in der derzeitigen Corona-Situation - der Unterbringung der Frau in einem Frauenhaus vorzuziehen.

Bereits vor der aktuellen Krise war es allerdings gerade für Frauen in den Ballungsgebieten schwer, Platz in einem Frauenhaus zu finden. In Hofheim können zehn Frauen mit Kindern, also insgesamt 24 Personen, unterkommen; derzeit werden diese Plätze aber zu einer noch knapperen Ressource. Vor einer möglichen Aufnahme muss zum Schutz der derzeitigen Bewohnerinnen eine Abfrage zum Gesundheitszustand von Frauen und Kindern in Bezug auf die bekannten Symptome von Covid-19 - also Fieber, trockener Husten und Atemnot - durchgeführt werden, außerdem wird ein Handlungsleitfaden ausgehändigt.

Nur telefonische Beratung möglich

Frauen, die selbst zu einer Risikogruppe durch Vorerkrankungen oder aufgrund ihres Alters zählen, können nicht aufgenommen werden, da durch das beengte Zusammenleben verschiedener Personen in einem Haushalt grundsätzlich ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Die Mitarbeiterinnen geben regelmäßig schriftliche Informationen - in mehreren Sprachen - für den Umgang mit der Covid-19-Pandemie heraus und kommunizieren diese telefonisch mit den Bewohnerinnen.

In der Beratungs- und Interventionsstelle, die jährlich von über 300 Frauen aufgesucht wird, können derzeit keine persönlichen Gespräche stattfinden, aber bei Bedarf gibt es telefonischen oder E-Mail-Kontakt. "In den vergangenen Wochen berieten wir 26 neue Klientinnen zum Thema häusliche Gewalt. In sieben Fällen gab es Polizeieinsätze, in denen drei Wegweisungen seitens der Polizei ausgesprochen wurden", so die vorläufige Bilanz. In weiteren Fällen seien die Betroffenen fortwährender häuslicher Gewalt ausgesetzt und würden regelmäßige telefonische Beratung in Anspruch nehmen, um über die aktuelle Gefährdung und Sicherheitslage sowie die Handlungsoptionen zu sprechen. Auch für die Zeit nach den Kontaktsperren rechnet der Verein damit, dass sich vermehrt Frauen mit Beratungsbedarf melden werden. 

Stephanie Kreuzer

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