Hier Tempo 30, ein paar Meter weiter sind auf der B 519 (Rheingaustraße) schon wieder 50 Kilometer pro Stunde erlaubt. An diesen Geschwindigkeitsvariationen wird sich so schnell wohl nichts ändern. Foto: Knapp

"Freie Fahrt für freie Bürger"

Tempo 30 auf den Hauptstraßen? Nicht in Hofheim

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Die Hofheimer Grünen hätten gerne Tempo 30 auf allen Durchgangsstraßen. Eine Mehrheit bekommen sie dafür einstweilen nicht. Zumindest CDU und FDP sträuben sich.

Hofheim - Wäre Bürgermeisterin Gisela Stang (SPD) länger als nur noch wenige Monate im Amt, dann wäre dieser Satz politischer Zündstoff in Hofheim - und womöglich so gar nicht gesagt worden. Sie würde gerne auch auf Durchgangsstraßen eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde festlegen, so Stang in der Stadtverordnetenversammlung, könne dies aber nicht ohne die Zustimmung der Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil. Und deren Hartleibigkeit sei sprichwörtlich.

Politischer Zündstoff wäre diese Aussage, weil es in der Rathauskoalition aus CDU, SPD FWG und FDP erbitterte Gegner solcher Tempolimits gibt. "Gegen jeden Sinn und Vorstand sei diese Forderung", so etwa CDU-Fraktionsvorsitzende Alexander Kurz. "Wir wollen freie Fahrt für freie Bürger", schloss sich dem der FDP-Stadtverordnete Kilian Karger an.

Neue Begründung

Nun hatte keineswegs die Bürgermeisterin die Debatte angestoßen, sondern die Grünen waren es. Sie hatten beantragt, die Stadt solle mit Hessen Mobil über Tempo 30 auf den Durchgangsstraße sprechen, und die Bürgermeisterin solle es anordnen, wo es möglich sei. Über ähnliche Vorstöße war zwar früher schon diskutiert worden. Aber mit den jetzt zugelassenen Elektrorollern hatten die Grünen eine neue Begründung für eine keineswegs neue Idee.

Mit den Elektrorollern dürfe auf Bürgersteigen nicht gefahren werden, so die Grünen-Stadtverordnete Marion Michel. Da es nicht genug Radwege gebe, würden die Fahrer auf die Straße gezwungen. Wegen der kleinen Räder könne man mit einem solchen Roller leichter stürzen als mit dem Fahrrad. Eine Pflicht, mit Helm zu fahren, gebe es nicht. Um die Fahrer zu schützen, solle auch auf den Hauptverkehrsstraßen Tempo 30 verhängt werden.

Bevormundung?

SPD und FWG sagten dazu so gut wie nichts, CDU und FDP um so mehr. Tempo 30 auf den Hauptverkehrsstraßen verursache mehr Staus und mehr Schadstoffe, so FDP-Mann Karger, der darüberhinaus fürchtet, dass die Busfahrpläne geändert werden müssten.

Die Zeilsheimer Straße in Hofheim.

Erster Stadtrat Wolfgang Exner wies darauf hin, dass man auf 95 Prozent der Straßen schon jetzt höchstens Tempo 30 fahren dürfe. Den Grünen gehe es darum, die Bürger zu bevormunden, ist CDU-Sprecher Kurz überzeugt. Bei Tempo 50 ist seiner Einschätzung nach der Benzinverbrauch geringer.

Unfälle und Lärm

Kurz ging immerhin noch auf das Thema Elektroroller ein - er habe einen solchen in Amerika eine Woche lang ausprobiert und keine Probleme bekommen. Sein Antrag wurde mit sehr großer Mehrheit auch beschlossen. Demnach soll der Magistrat am Jahresende in Frankfurt nach den Erfahrungen mit den Elektrorollern fragen - dort würden sie inzwischen ja auch auf Mietbasis angeboten.

Fest steht allerdings auch, dass Hessen mobil einer Tempo-30-Regelung nur zustimmt, wenn es sich um besonders unfallträchtige Straßenabschnitte handelt oder bestimmte Lärmwerte überschritten werden. Festlegen können die Tempolimits auf den Landesstraßen die Bürgermeister, auf den Bundesstraßen der Landrat, die dafür aber die Genehmigung des Regierungspräsidenten brauchen, der dazu wiederum eine Stellungnahme von Hessen Mobil einholt.

Testbericht: Kaum Zeit-Ersparnis

Um die Argumente der Fraktionen zu prüfen, hat Reporter Manfred Becht den Praxis-Test gemacht. Hier sein Bericht: 

Tempo 30 und Tempo 50 fährt ohnehin niemand, erklärten die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung. Also sei hier einmal mit einem leicht erhöhten Tempo gerechnet: Vom Discounter am Ortsausgang auf der Niederhofheimer Straße bis zum Autohaus am Ortsausgang auf der Rheingaustraße braucht man bei einer Geschwindigkeit von 35 Kilometern pro Stunde 7 Minuten und 42 Sekunden, mit Tempo 55 nur 4 Minuten 54 Sekunden. Der Unterschied beträgt 2,48 Minuten. Das sind aber die errechneten Werte unter der unrealistischen Annahme, auf der 4,5 Kilometer langen Straße an keiner Ampel halten und in keiner Kurve bremsen zu müssen. 

Was aber sagt der praktische Test, mit Ampeln, Stadtbussen, trödeligen Kleinwagen und drängelnden SUV? Die Fahrt mit 35 Kilometern pro Stunde erträgt man einmal, dann hat man genug von Lichthupen, Kopfschütteln und dem Finger an der Stirn. Knapp zehn Minuten braucht man, getestet an einem normalen Werktag nachmittags. 

Die Fahrt mit 55 Kilometern pro Stunde wird zwei mal abgebrochen. Einmal hält andauernd ein Bus, einmal trödelt ein Sattelschlepper durch die Kreisstadt – das wäre ein unfaires Ergebnis. Vier Fahrten finden vollständig statt, zu unterschiedlichen Zeiten. Gefühlt geht es ein ganzes Stück schneller, tatsächlich aber dauert jede dieser Fahrten mindestens neun Minuten. Fazit: Wird Tempo 30 ausgeschildert, beträgt der Zeitverlust weniger als eine Minute.

Kommentar von Manfred Becht

Mit Tempo 30 wird man die Hofheimer Durchgangsstraßen nicht zum Paradies für Fahrrad- und E-Roller-Fahrer machen. Aber dass die Gegner der Idee den Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ zitierten, passt. Denn der Spruch stammt aus den siebziger Jahren – und genauso von gestern sind die anderen Argumente gegen Tempo 30. Man kann sie eigentlich nur noch bringen, wenn man nicht zugeben will, dass man gerne schnell fährt. 

Das beginnt mit dem Schadstoffausstoß – wer sich seriöse wissenschaftliche Studien anschaut, der wird lesen, dass im innerörtlichen Stop-and-Go-Verkehr mit Ampeln und Staus Tempo 30 zu weniger Schadstoffen führt – eben weil viel weniger beschleunigt wird. Dass der Verkehrsfluss bei einem langsameren Tempo besser ist und keineswegs Staus provoziert werden, gilt bei den Verkehrsexperten längst als Binsenweisheit. 

Selbst ausprobieren kann jeder, dass Tempo 50 keinen nennenswerten Zeitgewinn bringt (siehe Infotext). Vor diesem Hintergrund ist die Sorge um die Einhaltung der Busfahrpläne einfach nur ein Witz. Sogar Hessen Mobil räumt ein, dass es mit Tempo 30 weniger Lärm gibt. Ein Taschenspielertrick ist der Hinweis darauf, dass Tempo 30 auf 95 Prozent des Hofheimer Straßennetzes gilt. Denn ein ganz großer Teil des Verkehrs spielt sich auf den anderen fünf Prozent ab. 

Herumgesprochen hat sich schließlich auch, dass es ausgesprochen unwahrscheinlich ist, dass ein Auto mit Tempo 30 einen Fußgänger tödlich verletzt, mit Tempo 50 ist die Gefahr erheblich größer. Welche Prioritäten setzt man eigentlich, wenn man dieses erhöhte Risiko in Kauf nimmt?

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