Jugendpfarrer Herbert Leuninger am Altar in St. Bonifatius, neben dem Limo und Cola für den anschließenden Imbiss bereitgestellt worden waren. Wie häufig in Jugendmessen wurde bei der Eucharistie Weißbrot statt Hostien genutzt. Die Jugendlichen gestalteten die Feier inhaltlich und musikalisch mit.
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Jugendpfarrer Herbert Leuninger am Altar in St. Bonifatius, neben dem Limo und Cola für den anschließenden Imbiss bereitgestellt worden waren. Wie häufig in Jugendmessen wurde bei der Eucharistie Weißbrot statt Hostien genutzt. Die Jugendlichen gestalteten die Feier inhaltlich und musikalisch mit.

Kirche

Jugendmesse in Hofheim sorgte für Kritik – und machte vor 50 Jahren bundesweit Schlagzeilen

  • vonBarbara Schmidt
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50 Jahre liegt das Hofheimer Messfestival zurück – und wurde nun erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet. Damals galt es als Skandal und sorgte bundesweit für Schlagzeilen.

Marxheim - Hätte am 13. Juni 1971 die Sonne geschienen, wäre das "Hofheimer Messfestival" womöglich nur ein Jugendtreffen mit Gottesdienst unter vielen in jener bewegten Zeit geblieben. Doch das Wetter zwang die Veranstalter dazu, statt wie geplant im Freien in Kriftel in der noch neuen, großen Kirche St. Bonifatius in Marxheim das auf fünf Stunden angelegte Programm mit Podiumsdiskussion, Live-Band, einer Eucharistiefeier und abschließender Agape (eine Art Imbiss in Gemeinschaft) durchzuführen.

Fotograf Dr. Christoph Müllerleile war mit der Kamera dabei, weil er mit einem Bandmitglied gut befreundet war, das ihn um Aufnahmen gebeten hatte. Seine Bilder belegen, was viele damals als skandalös empfanden: Getränkekisten neben dem Altar, an dem Jugendpfarrer Herbert Leuninger im schlichten grauen Anzug stand. Eine Kirche voller junger Menschen, die häufig wenig andächtig wirkten. Und schließlich die Ausgabe warmer Bockwürstchen in der Kirche - das ging vielen dann doch zu weit.

Ein Band-Hearing und eine Podiumsdiskussion gehörten zum fünfstündigen Programm, das rund 650 Jugendliche in die Kirche zog.

"Das war damals schon der Aufreger", erinnert sich Dieter Bender an das Echo in den Medien. BILD titelte gar: "Sie rauchten und küßten vor dem Altar". "Wir waren dabei", kann der Hofheimer Bender von sich und seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau sagen. Jugendsprecher im gerade erstmals gewählten Pfarrgemeinderat von St. Peter und Paul war der Hofheimer und als 20-Jähriger gehörte er eher schon zu den älteren Messfestival-Teilnehmern. Unwürdig fand Bender das, was da ablief, nicht. "Da hat keiner rumgepöbelt oder üble Parolen gerufen. Und es gab auch keinen Alkohol", kann er berichten.

Doch so etwas brauchte es auch nicht, um dem Messfestival in der historischen Einordnung heute einen ganz besonderen Stellenwert zuzuerkennen, wie es Dr. Joachim Werz in einer wissenschaftlichen Arbeit tut, die demnächst als Buch erscheint.

Hofheimer Messfestival sorgt für Skandal

Der Kirchenhistoriker ist eher zufällig auf dieses Thema gestoßen, als er gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Barbara Wieland im Limburger Diözesanarchiv auf der Suche nach Material für ein Seminar "Forschendes Lernen" an der Goethe-Uni war. Die neuere Bistumsgeschichte nach 1945 sollte dabei im Fokus stehen. Spannend, sagt Theologe Werz, werde es in der Geschichte immer dann, wenn Konflikte zutage träten. "Da kann man ganz viel sehen." Und das Hofheimer Messfestival hat zweifellos zu Konflikten geführt.

Werz fand es daher nicht nur besonders spannend, sondern auch ein wenig verwunderlich, dass noch niemand sich aus wissenschaftlicher Sicht damit beschäftigt hatte. Für den Historiker ist heute klar: Das Hofheimer Messfestival war ein "singuläres Ereignis", das es so sonst nirgends und zu keiner Zeit gegeben hat im deutschen Katholizismus. Und es war zugleich der Ausgangspunkt einer langen Reihe von Konflikten zwischen dem Bistum Limburg und Rom.

Hofheimer Messfestival hat Kosequenzen für Pfarrer

Für den damaligen Jugendpfarrer Herbert Leuninger habe es die harte Konsequenz gehabt, die Arbeit mit jungen Menschen, die er als seine eigentliche Berufung angesehen habe, nicht mehr weiterführen zu dürfen. Leuninger sei überzeugt gewesen, dass es neue Wege brauchte, um als Kirche Jugendliche noch mit der Botschaft Jesu zu erreichen. "Wir müssen Neues wagen", sei sein Credo gewesen, sagt Werz, der vor dem Tod Herbert Leuningers im vergangenen Jahr noch Gelegenheit hatte, mit ihm ein längeres Gespräch zu führen. "Für ihn gehörte das Messfestival zu den Sternstunden seines Lebens", hat Werz dabei erfahren.

Auf "sehr umsichtige und respektvolle Art" habe Bischof Wilhelm Kempf auf die öffentliche Empörung über das Festival reagiert, urteilt der Historiker. Fasziniert hat ihn zugleich, wie das Ereignis das Bistum, in dem nach dem Konzil ein "enormer Aufbruch" begonnen hatte, in eine Art "Schockstarre" versetzt habe. Bischof Kempf, der für die Reformen eigentlich "Feuer und Flamme" gewesen sei, habe das Messfestival deutlich in seiner Haltung verändert. Der Oberhirte sah plötzlich wie im Brennglas die Gefahr, dass durch zu viel Veränderung sich Fronten verhärten und eine Spaltung drohen könnte.

Nach Hofheimer Messfestival: Bistum Limburg wird von Rom genau beobachtet

Zugleich begann in Rom eine Zeit der besonderen Beobachtung des Bistums Limburg und seines Bischofs, personifiziert durch den damaligen Nuntius Corrado Bafile. Sie gipfelte 1973 in dem letztlich erfolglosen Versuch, Kempf entmachten zu lassen und zum Rücktritt zu zwingen. Für Historiker Werz ist das Hofheimer Messfestival damit nicht selbst der Skandal gewesen, sondern dem eigentlichen Skandal nur vorgeschaltet. Gleichwohl markiert es in seinen Augen den Beginn einer langen Misstrauens-Geschichte zwischen Rom und dem Bistum Limburg, die bis in die jüngste Vergangenheit reichte und das Bistum in seinem Selbstverständnis entscheidend geprägt habe.

Soweit die Einordnung des Historikers. Für Menschen wie Dieter Bender bleibt das Messfestival ein Stück eigene Lebens- und Glaubensgeschichte. Und Erinnerung an eine Zeit, in der die Jugend Kirche noch mitgestalten und von innen heraus reformieren wollte. "Wir waren nicht die Generation, die sich schmollend zurückgezogen hat. Wir haben es versucht durchzukämpfen."

Messfestival in Hofheim wird zum Skandal

650 Teilnehmer kamen am 13. Juni 1971 auf Einladung von Bezirksjugendpfarrer Herbert Leuninger und einer Vorbereitungsgruppe der katholischen Jugendorganisation BDKJ zum Messfestival in die Marxheimer Bonifatiuskirche. Auch einige wenige Erwachsene verfolgten das Geschehen, darunter eine dreiköpfige Beobachtergruppe des Bischofs mit seinem persönlichen Referenten Werner Böckenförde, Diözesanjugendpfarrer Rolf Lutter und Ortspfarrer Otto Latzel. Gekommen waren auch der Hessische Rundfunk - und der Hattersheimer Pfarrer Hans Milch. Während die Bistumsbeobachter zu einem eher positiven Urteil kamen, fand Milch das Erlebte schlicht skandalös und machte in konservativen Kirchenkreisen gegen eine solche Glaubenspraxis und die für sie Verantwortlichen mobil. Milch soll auch die BILD-Zeitung verständigt haben. Seine gegenüber allen Reformen des Konzils kritische Haltung führte 1977 zur Spaltung der Pfarrei Hattersheim, deren einer Teil sich Milchs "actio spes unica" anschloss und die Athanasiusgemeinde gründete.

Bischof Wilhelm Kempf bemühte sich am Sonntag nach dem Messfestival nach Hofheim und suchte hier die Gemüter zu beruhigen. Pfarrer Herbert Leuninger musste nach dem Messfestival ins Bischöfliche Ordinariat wechseln, wo er Migrationsreferent wurde. Auch in diesem Arbeitsfeld hinterließ er bleibende Spuren. Für seine Verdienste um die Arbeit für Flüchtlinge und Verfolgte wurde er unter anderem mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen geehrt. Einen Jugendpfarrer gibt es im Bezirk Main-Taunus heute aufgrund des Priestermangels übrigens nicht mehr.

Hofheimer Messfestival 1971: Das Buch zum Thema

Das Buch "Das Hofheimer Mess-Festival 1971. Ein Erinnerungsort für das Bistum Limburg" soll Anfang August im Aschendorff-Verlag Münster erscheinen. Es hat 354 Seiten und wird 29 Euro kosten. Autor ist der Theologe und Kirchenhistoriker Dr. Joachim Werz. Er ist zurzeit Leiter der Forschungsstelle "Ordensgeschichte seit der Frühen Neuzeit" in Rottenburg.

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