Tolles Erntehelfer-Team auf einem Erdbeeracker von Bauer Pauly: Janna Schnöbel, Saskia Mayer, Annika Geier, Luk Biskup und Luisa Heinzmann (von links).
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Tolles Erntehelfer-Team auf einem Erdbeeracker von Bauer Pauly: Janna Schnöbel, Saskia Mayer, Annika Geier, Luk Biskup und Luisa Heinzmann (von links).

Landwirtschaft

Hofheim: Regisseurin, Stewardess, Schauspielerin und Studenten schaffen als Erntehelfer

  • vonBarbara Schmidt
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Wegen der Corona-Krise hatten sie keine Arbeit mehr. Jetzt sind die Erdbeerpflücker dem Hofheimer Landwirt Pauly dankbar.

  • Durch Corona erleben Menschen eine neue Arbeitswelt.
  • Sie arbeiten in der Landwirtschaft als Erntehelfer.
  • Für sie ist es eine völlig neue Erfahrung.

Hofheim - Elena O'Connor (40) ist Regisseurin und Headhunterin. Saskia Mayer (41) verdient ihr Geld normalerweise als Flugbegleiterin bei der Lufthansa. Anika Geyer (29) steht als Schauspielerin mal auf der Bühne, mal vor der Kamera. In den vergangenen Wochen haben sie gemeinsam mit Abiturientin Luisa Heinzmann (18), den Studenten Janna Schnöbel (22) und Luk Biskup (18) und acht weiteren Kollegen eine neue Arbeitswelt erlebt - als Erdbeer-Pflücker auf dem Johanneshof.

Viele kamen durch Corona in Existenz-Not

Mit der Corona-Pandemie kam gerade für viele selbstständige Künstler die Existenz-Not. „In meinen beiden Berufen war plötzlich alles auf Eis gelegt“, sagt Elena O'Connor. Auch die Aufträge von Schauspielerin Anika Geyer platzten. „Mir ist alles so weggebrochen“, sagt sie. Saskia Mayer traf es noch härter, denn die Flugbegleiterin hatte gerade unbezahlten Urlaub genommen und ihre Wohnung gekündigt, um nach Spanien umzuziehen. 

„Dann waren die Grenzen zu, nichts ging mehr.“ Und Saskia hatte nicht einmal mehr eine Bleibe. Für alle drei kam der Aufruf, den Landwirten beizuspringen, die wegen der Pandemie ohne ihre Erntehelfer aus dem Ausland dastanden, gerade zur rechten Zeit. Anika Geyer drückt ihre Dankbarkeit für den Job, den sie bei Jürgen und Sandra Pauly bekam, drastisch aus: „Die beiden haben mir den Arsch gerettet.“

Überraschend viele Anfragen

Dass seine neuen Mitarbeiter die Knochenarbeit auf dem Feld durchhalten würden, hatte Landwirt Jürgen Pauly, wie er heute unumwunden zugibt, allerdings so seine Zweifel. Und freut sich zum Ende der Erdbeerernte umso mehr, dass er sich da gewaltig getäuscht hat. Schon die Fülle von Anfragen hatte die Paulys sehr überrascht. Über das Online-Portal „Das Land hilft“ oder direkt per Telefon meldeten sich im April täglich 30 bis 40 Personen. Jürgen Paulys Frau Sandra hatte die Qual der Wahl - und offenbar eine glückliche Hand. „Morgens um fünf waren alle immer zur Stelle, und alle haben durchgehalten“, ist Landwirt Pauly voll des Lobes für die bunt zusammengewürfelte Crew, deren Erfahrung im Erdbeerpflücken sich, wie bei Elena O'Connor, auf „mal bei Opa und Oma im Garten“ beschränkte, also eher Null war.

Die Arbeit als Erntehelfer eröffnet auch neue Perspektiven

Die Kälte am frühen Morgen, die gebückte Haltung auf dem Wagen, auf dem die Pflücker dicht über den Reihen der Erdbeerpflanzen sitzen, Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt, das war für alle ungewohnt. „Ich hab' andere Körperteile gespürt als sonst“, sagt Saskia Mayer trocken. „Es geht schon an die körperlichen Grenzen“, ergänzt Anika Geyer, die als Schauspielerin zwar auch viel Körperspannung braucht - „aber nicht acht Stunden am Stück und in einer Pose“, sagt sie lächelnd. „Bodenständig, das bekommt da eine ganz andere Bedeutung.“ 

Die 29-Jährige nennt noch eine andere wichtige Erkenntnis der vergangenen Wochen. Bisher habe sie den Preis für eine Schale Erdbeeren nur aus Konsumenten-Sicht gesehen und oft gedacht: Das ist teuer. „Jetzt habe ich quasi die andere Seite kennengelernt und sage: Der Preis ist gerecht. Und der, der daran Zweifel hat, kann gern ein Praktikum machen.“ Ein Stundenlohn von rund zehn Euro ist für Erntehelfer drin. Was seine Pflücker fürs Geld geleistet haben, hat in Paulys Augen vollauf gestimmt. „Ich ziehe vor ihnen meinen Hut. Sie waren alle wirklich top, ausnahmslos.“

„Es ist eine harte, ehrliche Arbeit“

Die Helfer sprechen ihrerseits nicht nur davon, dass sie das, was Landarbeiter leisten, jetzt ganz anders beurteilen. „Es ist eine harte, ehrliche Arbeit, die zu wenig wertgeschätzt wird“, sagt Anika Geyer. Alle sind sich einig, dass es aber auch die familiäre Art der Paulys sei, die sie besonders angesprochen hat und die beim Durchhalten half. Sich keine Erkältung geholt zu haben und feststellen zu können: „Ich bin doch nicht so'n Schlappschwanz oder so 'ne Tussi“, stärke zudem das Selbstbewusstsein. 

„Man bekommt auch noch einiges andere von der Landwirtschaft mit“, ergänzt Saskia Mayer. Diese werde oft als etwas Selbstverständliches gesehen, und auch sie habe nicht gewusst, wie viel Wissen dafür nötig sei, und wie viel Einsatz. So hat sie beobachtet, dass die Paulys „nach uns ins Bett gehen und vor uns aufstehen. Davor ziehe ich meinen Hut“, sagt sie und alle in der Runde nicken zustimmend und teilen wohl auch Elena O'Connors Fazit: „Es war eine wunderbare Erfahrung. Man hat Menschen getroffen, die man sonst nie getroffen hätte, eine Familie gefunden, Freundschaften geschlossen. Das würde ich nicht missen wollen.“ Barbara Schmidt

Nicht nur in Hofheim, auch in anderen Städten der Region springen Menschen wegen Corona als Erntehelfer ein. Trotzdem droht beispielsweise beim Spargel eine geringere Ernte.

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