Rekonstruktion der Steinzeit-Siedlung auf dem Hofheimer Kapellenberg, dessen Kuppe vor 6000 Jahren unbewaldet war.
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Rekonstruktion der Steinzeit-Siedlung auf dem Hofheimer Kapellenberg, dessen Kuppe vor 6000 Jahren unbewaldet war.

Archäologie

Hofheim: Spuren einer Steinzeit-Weberei auf dem Kapellenberg

  • VonManfred Becht
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Die Archäologen haben die Reste eines Grubenhauses der Michelsberger Kultur erforscht.

Hofheim -Detlef Gronenborn stapelt etwas tief. Er könne nicht in jedem Jahr eine Sensation verkünden, erklärte der Mainzer Professor, der die Ausgrabungen der Michelsberger Kultur auf dem Kapellenberg leitet. Eine Neuentdeckung wie im Vorjahr, als den Wissenschaftlern das große Hügelgrab aufgefallen war, das gab es diesmal bei der Pressekonferenz zu den aktuellen Ausgrabungen nicht zu vermelden. Aber der Wissenschaftler berichtete von seinen weiteren Erkenntnissen zu dem Grabhügel. Es handele sich um den größten und ältesten Grabhügel in Mitteleuropa überhaupt.

Im Verlaufe der letzten Monate habe sich diese Erkenntnis verfestigt. Wobei der Grabhügel ja keineswegs ausgegraben werden musste. Er liegt seit Jahrhunderten offen da; nur musste erst ein Geologe die Archäologen darauf hinweisen, dass es sich nicht um eine natürliche, sondern eine von Menschenhand geschaffene Erhebung handeln muss. Inzwischen ist auch klar, dass das vor Jahrzehnten gefundene Jadebeil - das wohl wertvollste Fundstück vom Kapellenberg - aus diesem Grab stammt.

Die aktuellen Grabungen freilich finden nicht an diesem Grabhügel, sondern näher am Meisterturm statt. Im vergangenen Jahr wurden dort Reste eines Hauses gefunden, nachdem mit dem Verfahren der geomagnetischen Prospektion ermittelt wurde, dass es dort menschengemachte Veränderungen unter der Erdoberfläche gab. Gefunden wurde eine mit Steinen gepflasterte Fläche, gut zu erkennen ist die Türschwelle am Eingang.

Ein Grubenhaus zur Stoffherstellung

Die Archäologen gehen davon aus, dass das Haus dafür gebaut wurde, um dort zu weben. Dafür sprechen die Positionierung zweier Pfähle, die zu dem prähistorischen Webstuhl gehörten, sowie die Lage an einer feuchten Stelle. Außerdem handelt es sich um ein Grubenhaus, der Fußboden lag also leicht unter Geländeniveau. Auch dies sorgte für eine feuchte Atmosphäre, die das Weben mit dem Leinengarn erleichterte.

Gefunden wurden außerdem zwei Abfallgruben, mit Resten von Holzkohle gefüllt. Dies spricht dafür, dass die Nutzung zum Weben irgendwann aufgegeben wurde, für welchen nachfolgenden Zweck auch immer. Denn Feuer gemacht wurde in Häusern zum Weben eher nicht. Weitere Erkenntnisse erhofft man sich von der Datierung der Kohle, die im Labor vorgenommen wird.

Überhaupt, im nächsten Jahr wird an dieser Stelle weitergeforscht. Die Archäologen interessieren sich nun dafür, wie groß das Weberhaus einst war. Eigentlich, berichtet Gronenborn, sollten die Ausgrabungen schon im vergangenen Jahr beendet werden. Inzwischen gehen die Beteiligten davon aus, dass es noch einige Jahre weiter geht.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Auf dem Kapellenberg können die Wissenschaftler in Ruhe arbeiten - kein Bauprojekt steht an, das wie an vielen anderen Stellen zur Eile mahnt. Außergewöhnlich ist auch, dass die oberen Bodenschichten recht wenig durch Landwirtschaft oder Erosion angegriffen wurden. Und drittens verspricht die Höhensiedlung auf dem Kapellenberg wegen ihres Erhaltungszustandes und ihrer Größe noch viele neue Erkenntnisse.

Gronenborn geht inzwischen davon aus, dass die Siedlung eher das Ende der Epoche der Michelsberger Kultur markiert. Als vor rund 6000 Jahren die Wälle gebaut wurden, waren diese schon Zeichen von gesellschaftlichen Konflikten, die zum Erlöschen dieser Kultur führten. Auch Seuchen könnten eine Rolle gespielt haben, konkrete Hinweise dafür gibt es allerdings nicht. Die Archäologen gehen davon aus, dass es die weniger gewordenen Michelsberger in andere Regionen verschlagen hat.

Stadt erwägt Rekonstruktionen

Längst hat sich die Bedeutung der Höhensiedlung und der Ausgrabungen auch bis ins Rathaus herumgesprochen. Bereits im vergangenen Jahr wurde daher ein neuer historischer Rundweg am Kapellenberg eröffnet, der zu historischen Zeugnissen aus den unterschiedlichsten Epochen führt und natürlich auch die Michelsberger berücksichtigt. Dabei will es die Stadt aber nicht bewenden lassen.

Das Erbe der Michelsberger solle noch viel deutlicher sichtbar gemacht werden, kündigt Bürgermeister Christian Vogt an. Von Rekonstruktionen ist die Rede, die Überlegungen befinden sich noch in einem frühen Stadium. Die Stadt hat Mittel aus dem Investitionsfonds des Main-Taunus-Kreises dafür beantragt, und Vogt ist zuversichtlich, dass es auch einen ordentlichen Zuschuss aus dem Landratsamt gibt.

Eine Rolle spielt dabei auch, dass die Gaststättengebäude neben dem Turm so marode sind, dass sie durch einen Neubau ersetzt werden sollen. Dort gibt es keine Keller, sondern alles steht auf einer Bodenplatte. Und die Archäologen werden natürlich die Gelegenheit nicht versäumen, den Untergrund zu untersuchen, wenn die Bodenplatte weg ist.

Er gräbt mit seinem Team seit Jahren die Überreste der steinzeitlichen Siedlungshinterlassenschaften auf dem Hofheimer Kapellenberg aus und wurde auch in diesem Sommer wieder fündig. Prof. Dr. Detlef Gronenborn will noch einige Jahre weiter hier forschen.

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