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Hofheim: Stadt setzt Kulturwerkstatt vor die Tür

  • VonManfred Becht
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Im Mai erhielt der Vorstand die Kündigung ohne Begründung: Verein muss zum 31. August den Hof Ehry verlassen

Hofheim -Bilder und Plakate an den Wänden, überall Farben, Pinsel und anderes Malerzubehör, daneben jede Menge Material für die unterschiedlichsten Basteleien - kreatives Chaos nennt man so etwas. Das Erdgeschoss des ehemaligen Jugendzentrums, in Hofheim weithin als Hof Ehry bekannt, wird seit zwei Jahren wieder intensiv genutzt. Die Hofheimer Kulturwerkstatt realisiert dort die unterschiedlichsten Kunstangebote, vor allem für Kinder, aber nicht nur. Auch Kinder aus Flüchtlingsfamilien haben die Angebote schon wahrgenommen.

Damit soll nach dem Willen der Stadt aber bald Schluss sein. Im Mai flatterte dem Vorstand des Vereins die Kündigung zum 31. August ins Haus. Drei oder vier Zeilen war der Verwaltung die ganze Angelegenheit wert, eine Begründung wird nicht mitgeliefert. Das muss auch nicht sein, rechtlich gesehen, und auf die juristischen Aspekte zieht sich die Stadt auch zurück. Die Kündigung sei fristgerecht ergangen, und dem Verein sei immer bekannt gewesen, dass es sich um eine vorübergehende Überlassung handelte, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung.

Kein Gespräch mit dem Bürgermeister

Der Verein Hofheimer Kulturwerkstatt hatte zwar ein Konzept für eine dauerhafte Nutzung geschrieben, dieses auch an die Stadt geschickt, konnte aber natürlich nicht fest damit rechnen, dies auch zu erreichen. Nur rechnete man eben auch nicht mit einer solchen Kündigung zu diesem Zeitpunkt. Noch im August werde man sich am Kreisstadtsommer und an den Ferienspielen beteiligen, berichtete der Vereinsvorsitzende Jürgen Werkmann. Kurz darauf muss der Verein dann den Schlüssel für den Hof Ehry abgeben.

"Dann stellen wir alles zum Sperrmüll", blickt Werkmann über Tische, Stühle und anderes Mobiliar. Alles hat der Verein über Monate zusammengesammelt, um seine Angebote durchführen zu können. Ein Ausweichquartier habe die Stadt nicht angeboten; mit dem Bürgermeister, der auch Kulturdezernent ist, habe aus Zeitgründen noch nicht einmal ein Gespräch stattfinden können. Die Enttäuschung ist dem Vereinsvorstand mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben. Ein Neustart an anderer Stelle ist so einfach also auch nicht drin.

Die Stadt weist auf Anfrage dieser Zeitung auf die Beschlusslage hin. 2018 habe die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dass ein Ideenwettbewerb zur Zukunft des ehemaligen Bauernhofes durchgeführt werden soll. Dieser hatte sich verzögert, auch wegen der Corona-Pandemie, soll nun aber bald starten. "Wir benötigen ein leerstehendes Gebäude, um die vorbereitenden Maßnahmen für den Ideenwettbewerb umzusetzen", so Rathaus-Pressesprecherin Iris Bernardelli.

Welche vorbereitenden Maßnahmen sind das? Die Stadt glaubt, dass unverzüglich das Tonstudio im Keller ausgebaut werden muss und dass auch der Denkmalschutz das Haus genauer unter die Lupe nehmen sollte. Auch die Brandschützer und die Statiker sollen das Anwesen schon begutachten, lange bevor sich irgendein Interessent Gedanken über die künftige Nutzung macht. Es könne nötig sein, einzelne Bauteile zu öffnen, argumentiert die Stadt.

Lager des Fundbüros kann vorerst bleiben

Das Gebäude sei daher für Dritte nicht mehr nutzbar. Bereits beim Abschluss des Vertrages habe man dies dem Verein deutlich gemacht. Zum Ausdruck komme dies auch in der kurzen, nämlich dreimonatigen Kündigungsfrist. Wobei nach Informationen der Kulturwerkstatt das Lager des Fundbüros, das ebenfalls in dem Anwesen untergebracht ist, vorerst bleiben kann, all diese Vorbereitungen also nicht stört.

Vereinsboss Werkmann nimmt dies zum Anlass, auf die lange Liste der Veranstaltungen hinzuweisen, an denen sich die Kulturwerkstatt beteiligt oder die sie selbst organisiert. Das sind eben nicht nur die Ferienspiele und der Kreisstadtsommern, das sind auch Mitmachstände an allen möglichen Festen in der Stadt, das sind unterschiedliche Kunstprojekte, das sind Kinoveranstaltungen, Poetry Slams und anderes mehr. Auf einem Plakat, auf dem die Kulturwerkstatt alles aufgeschrieben hat, sind zwei Drittel der Aktivitäten durchgestrichen.

Kommentar: Das ist kein guter Stil

Die Förderung ehrenamtlichen Engagements - jede Wette, dass dies wieder im neuen Koalitionsvertrag stehen wird. Dabei wäre schon viel geholfen, wenn die Stadt nicht mutwillig ehrenamtliches Engagement kaputt machen würde. Etwas anderes ist es nämlich nicht, wenn die Kulturwerkstatt jetzt aus dem Hof Ehry geworfen wird.

Natürlich musste den Machern der Kulturwerkstatt klar sein, dass die Nutzung des ehemaligen Jugendhauses von der Stadt vorübergehend gedacht war. Und offenbar ist die Kündigung fristgerecht verschickt worden. Aber in einem solchen Fall sucht man zumindest das Gespräch, bietet eine Ausweichmöglichkeit an. Aber nein, die Stadt hat einen dreizeiligen Brief ohne jede Begründung geschrieben. Das ist kein guter Stil.

Und die jetzt gelieferten Gründe überzeugen nicht. Das Tonstudio wird man wohl auch so abbauen können. Der Brandschutz interessiert sich nicht für den Bestand, sondern für das, was aus dem Haus werden soll - für die Planung reichen Grundrisse. Der Denkmalschutz kann darauf hinweisen, dass die Raumaufteilung erhalten werden muss, ohne das Gebäude auch nur betreten zu haben. Und was die Statik hergibt, kann sich jeder Fachmann denken - es sind Holzbalkendecken im Haus.

Außerdem geht es aktuell ja nur um einen Ideenwettbewerb. Wer da keinen Vorschlag einreichen kann, weil die Kulturwerkstatt bei der Besichtigung stört, dem kann man ein solches Ensemble ohnehin nicht anvertrauen. Außerdem dauern in Hofheim politische Entscheidungen über solche Projekte recht lang - vorhersehbar ist, dass das Haus lange leer steht, ohne dass sich irgendetwas tut.

Über die eigentlichen Hintergründe kann man nur spekulieren. Vielleicht passt die Ausrichtung der Kulturwerkstatt nicht. Dafür spricht die Tatsache, dass diese seit zwei Jahren darauf wartet, ihr Konzept vorstellen zu können. Manfred Becht

Enttäuscht: Jürgen Werkmann und Sandra Gerber vom Vorstand der Kulturwerkstatt.

Rubriklistenbild: © becht

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