Gute Laune beim Bildhauerprojekt im Hof Ehry: Annette Courtis holt sich Rat bei Argiris Rallias. Acht griechische und acht deutsche Amateur- und Profi-Künstler nehmen an dem Projekt teil. Zum Bearbeiten hat jeder einen Quader aus rotem Mainsandstein bekommen.
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Gute Laune beim Bildhauerprojekt im Hof Ehry: Annette Courtis holt sich Rat bei Argiris Rallias. Acht griechische und acht deutsche Amateur- und Profi-Künstler nehmen an dem Projekt teil. Zum Bearbeiten hat jeder einen Quader aus rotem Mainsandstein bekommen.

Kultur

Hofheim: Steine behauen für den Frieden

  • VonBarbara Schmidt
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Griechische und deutsche Künstler sind im Hof Ehry am Werk - Zuschauer sind willkommen

Hofheim -Das Klopfen und Hämmern ist schon in der Burgstraße zu vernehmen. Doch es sind keine Sanierungsarbeiten. Vielmehr sind im denkmalgeschützten Hof Ehry Steinbildhauer am Werk. Es ist ein ganz besonderer Workshop, den die Künstlerin Ingrid Hornef dort diesmal betreut. Mit der Bildhauerei ist ein aktiver Beitrag zur Völkerverständigung verbunden. "Brücken schlagen" haben die Initiatorinnen Ingrid Hornef und Annette Courtis es überschrieben. Die Idee der beiden Hofheimerinnen: Sie wollten die Kunst, die sie schon länger verbindet, zur Grundlage machen für ein "deutsch-griechisches Erinnerungs- und Friedensprojekt". Bereits vor zwei Jahren waren sie dazu in Griechenland, im Heimatort der Mutter von Annette Courtis zu Gast.

Das Projekt begann in Griechenland

Chouni im westgriechischen Bergland war 1944 von den deutschen Besatzern nahezu vollständig niedergebrannt worden. Lange sei über das, was unter der Nazi-Herrschaft in dem kleinen Ort und seiner Umgebung geschehen sei, geschwiegen worden, hat die Hofheimer Stadtverordnete Courtis auf der Suche nach den eigenen Wurzeln erfahren. Die Aufarbeitung des Geschehenen habe erst in jüngster Zeit wirklich begonnen. Mit dem Bildhauer-Workshop, an dem acht griechische und acht deutsche Amateur- und Profi-Künstler und Künstlerinnen teilnehmen, wollten sie einen Beitrag dazu leisten, dass mit dem gemeinsamen Erinnern und Gedenken zugleich Frieden und Freundschaft wachsen können.

Ohne Corona hätte es schon im vergangenen Jahr den Gegenbesuch der Griechen in Hofheim als zweiten Projektteil gegeben. Nun sind Hornef und Courtis froh, dass er nach langem Bangen in diesem Jahr möglich geworden ist. Träger des Projekts ist die Martha-Hoepffner-Gesellschaft, Schirmherr Bürgermeister Christian Vogt. Die nötigen Mittel haben vor allem der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, die Hessische Staatskanzlei und die Taunus Sparkasse beigesteuert. Zum Rahmenprogramm zählten neben Ausflügen nach Frankfurt, Wiesbaden oder Heidelberg auch eine Fotoausstellung im Rathaus-Foyer und Vorträge über das von den Nationalsozialisten verbreitete Unrecht und Leid in Westgriechenland wie in Hofheim und dem Rhein-Main-Gebiet. Heute Abend (21.30 Uhr, Malersaal der Stadthalle) spricht Vasilis Patronis über "Deutsche Besatzungszeit und Kollaboration in Westgriechenland", Elisabeth Abendroth über "Wolfgang Abendroth - Widerstand aus dem Rhein-Main-Gebiet und in Griechenland".

Die Werkstatt steht Besuchern offen

Seit Montag sind die 16 Teilnehmer des Workshops unter Leitung von Ingrid Hornef täglich zwischen 9 und 16 Uhr im Hof Ehry bei der Arbeit und lassen sich dabei gern auch über die Schulter schauen. Einen 70 mal 40 mal 30 Zentimeter großen Quader aus rotem Mainsandstein, typisch für die Region, haben alle erhalten. Am Freitagnachmittag wird eine vierköpfige Jury aus den 16 Skulpturen, die im Lauf der Woche entstehen, zehn auswählen. Die sollen in der Allee aus Japanischen Kirschen am Ehrenmal aufgestellt werden.

Ganz unterschiedlich sind die Interpretationen des Themas "Brücken schlagen". Stilisierte Umarmungen etwa arbeitet Barbara Pauli-Tetkov aus dem Stein, Hanne Voswinkel rückt den "Brückenbauer" in den Blick, der selbst den Abgrund überbrückt. Auch die Chefin des Fachbereichs Bürgerdienste im Rathaus, Susanne Demuth, hat der Workshop inspiriert, zu Hammer und Meißel zu greifen. Ein Alpha ist ihr Motiv, der erste Buchstabe des griechischen Alphabets stehe ja für Anfang, sagt sie, und für einen Brückenschlag brauche es immer einen Anfang. Annette Courtis entlockt dem Stein einen beschwerlichen und einen leichten Weg zum Frieden, zu dem auch der innere Friede gehöre. Um den leichten Weg zu entdecken, müsse man aber zuerst die Perspektive wechseln, erläutert sie.

Unter den griechischen Teilnehmern sind einige gelernte Bildhauer wie Argiris Rallias. Der junge Mann, der in Athen lebt und durch Freunde von dem Projekt erfahren hatte, ist mit seinem Werk schon gut vorangekommen. Ein Vogel und die Ausschläge eines Erdbeben-Seismographen sind zu erkennen und laden zu Betrachtung und Deutung ein. Bis Freitagnachmittag (Finissage ist um 18 Uhr) besteht noch Gelegenheit zum Besuch der Freiluft-Werkstatt gegenüber dem Stadtmuseum.

"Erinnerungs- und Friedenspfad" am Ehrenmal geplant

An den deutsch-griechischen Erinnerungs- und Friedensprojekt "Brücken schlagen" sind neben Künstlern aus beiden Ländern auch Historiker und die Griechisch-Orthodoxe Kirchengemeinde Prophet Elias in Frankfurt beteiligt.

Der Steinbildhauer-Workshop endet am Freitag, 23. Juli, ab 18 Uhr mit einer Finissage auf dem Ludwig-Meidner-Platz. Jannis Karis (Bouzouki, Gesang) und Christos Mintzas (Gitarre, Gesang) sorgen für den musikalischen Rahmen. Die Gäste aus Griechenland werden mit der Veranstaltung verabschiedet.

Die von der Jury ausgewählten Skulpturen sollen einen "Erinnerungs- und Friedenspfad" am Ehrenmal bilden. Die Initiatoren planen für 2022 oder 2022 noch eine Ausstellung des Dokumenta-Teilnehmers Theodoros. Informationen zum aktuellen Projekt gibt es im Internet unter https://bruecken-bauen-1.jimdosite.com.

Unter https://sculpterin-in-chouni.jimdosite.com ist der erste Teil, der in Griechenland 2019 stattgefunden hat, dokumentiert. babs

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