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Hofheim: Unterrichtet wird mit Händen und Füßen

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Michael Oestreicher (vorne links) und seine Plauderrunde für Fortgeschrittene im Marxheimer Bürgerhaus: Mit dabei sind an diesem Tag Iqra Sarwar, Leila Solgi, Alexej und Tatiana Kolos und Nouri Kouti.
Michael Oestreicher (vorne links) und seine Plauderrunde für Fortgeschrittene im Marxheimer Bürgerhaus: Mit dabei sind an diesem Tag Iqra Sarwar, Leila Solgi, Alexej und Tatiana Kolos und Nouri Kouti. © dp

Das Deutsch-Team des Asylkreises hilft Flüchtlingen beim Lernen. Weitere Helfer werden dringend gesucht.

Hofheim. Sie kommen aus Afghanistan, Eritrea, Iran, Kasachstan, Pakistan oder Syrien. Doch so unterschiedlich ihre Herkunft und Prägung auch ist - die Flüchtlinge, die am Sprachkurs des "Teams Deutschunterricht" vom Asylkreis Hofheim teilnehmen, verfolgen ein gemeinsames Ziel: Sie wollen unbedingt die deutsche Sprache lernen, um sich schnell in ihre neue Heimat zu integrieren.

Die Woche ist für Iqra Sarwar mit Wörtern, Sätzen und deutscher Grammatik gefüllt. An fünf Tagen besucht sie nachmittags einen Deutschkurs in der Hofheimer Volkshochschule und zwei bis drei Mal vormittags das "Team Deutschunterricht" des Asylkreises. Der Weg von ihrer Marxheimer Unterkunft in der Ahornstraße bis zum nahe gelegenen Bürgerhaus ist prima zu Fuß zu bewältigen. "Ich möchte gerne Deutsch lernen", sagt die 23-Jährige, die seit 2018 mit ihrem jüngeren Bruder am Ortsrand von Marxheim lebt. Den B1-Kurs hat sie mit guten Noten bestanden. Iqra ist ehrgeizig und möchte im Dezember die Prüfung für den B2-Kurs bestehen. "Das ist schwer", sagt sie. Den übernächsten Schritt hat die junge Pakistanerin mit anerkanntem Realschulabschluss ebenfalls schon anvisiert: Sie möchte Sozialassistentin werden.

Immer mehr Analphabeten

Nicht immer sind die Teilnehmer den Sprachanforderungen gewachsen. Manchmal seien Kenntnisse so minimal, dass das "System Sprache" erst mal von Grund auf erfasst und gelernt werden müsse, berichtet Jürgen Pünter. "Das kann drei bis vier Wochen dauern, um von einem Buchstaben zu einer Silbe zu kommen." Seit dem Bestehen des Projekts im Jahr 2015 hat der ehrenamtliche Helfer "gerade eine Zunahme von Analphabeten" festgestellt. In seiner kleinen Gruppe sitzen mehrmals wöchentlich Teilnehmer aus unterschiedlichen Nationen, die zwischen 16 und 65 Jahren alt sind. Unterrichtet werde mit Händen und Füßen, erklärt Pünter. Individuell und auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten eingehend, wird Schritt für Schritt geübt.

"Entsprechende Kurse in der Volkshochschule stehen nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung, und viele, die bei uns sind, kommen dort auch mit der Schnelligkeit nicht mit", sagt der promovierte Biologe. Auch anderweitig ist Not am Mann und an der Frau. "Dringend", so Pünter, "werden ehrenamtliche Helfer gesucht." Seien es im Jahr 2015 noch 30 Lehrkräfte gewesen, müsse man bei zunehmenden Sprachteilnehmern mit 12 bis 13 Unterrichtenden auskommen. Was vor Corona noch der Fall war: Damals haben auch Abiturienten geholfen. "Wir sind übrigens alle keine ausgebildeten Pädagogen", lässt der Marxheimer wissen. Doch was mitgebracht werden sollte: Offenheit, Bereitschaft, Toleranz und eine gewisse Frustrationstoleranz.

Übungen aus dem täglichen Leben

Entspannt sitzt Michael Oestreicher in einer kleinen Runde am Tisch. Geduldig hört er den fünf Teilnehmenden aus seiner Gruppe zu. Seit März gehört er zum "Team Deutschunterricht" und versucht mit Übungen aus dem täglichen Leben den Wortschatz der bereits gut Deutsch sprechenden Männer und Frauen zu trainieren. "Die Integration in eine Kultur findet in allererster Linie über die Sprache statt", sagt Oestreicher, der beruflich als selbstständiger wissenschaftlicher Lektor arbeitet. Das kann auch das Ehepaar Tatiana und Alexej Kolos aus Kasachstan bestätigen. Anfangs zurückhaltend, nehmen die beiden inzwischen rege am Austausch in der Kleingruppe teil, wenden im Alltag mit ihren Kindern bewusst die hiesige Sprache an und bringen sich in ihrem Umfeld beim Chor oder der Freiwilligen Feuerwehr ein.

Besonders dankbar nehmen die Gruppenmitglieder Anregungen, Tipps und die allzeitigen Hilfsangebote von ihrem Mentor Michael Oestreicher an. Seine aufmerksame, freundschaftliche und persönliche Zuwendung tut den Anwesenden merklich gut. Auf diese Weise lassen sich schnell sprachliche wie nationale Hürden überwinden und Integration kann gut gelingen. dp

EXTRA: Corona brachte große Probleme

2015 wurde das "Team Deutschunterricht" im Asylkreis Hofheim gegründet. Der Zusammenschluss ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer in der Flüchtlingsbetreuung wird organisatorisch unterstützt und betreut von der Stadt Hofheim in Absprache mit dem Main-Taunus-Kreis. Der Asylkreis arbeitet weltanschaulich und politisch unabhängig. Für die Anschaffung der Lehrbücher gibt es einen finanziellen Zuschuss vom Bistum Limburg.

Deutsch unterrichtet wurde und wird an verschiedenen Standorten. Durch die Schließung von Flüchtlingsunterkünften wurde die Zahl der Lehrorte reduziert, was sich durch die Corona-Einschränkungen noch verstärkt hat. Etwa 80 Prozent der damaligen ehrenamtlichen Helfer fehlen. Durch Corona konnte kein Unterricht stattfinden und seit März dieses Jahres nur in entsprechenden Gruppengrößen bzw. in bestimmten Räumen. Rasant wuchs die Zahl der Teilnehmer zeitweilig auf mehr als 40 an, was mit vier Lehrern nicht mehr zu bewältigen war, zumal auf verschiedenen Sprachniveaus gearbeitet werden muss. Hinzu kommt, dass einige Frauen ihre Kinder mitbringen. Montags, mittwochs und donnerstags, jeweils von 9.30 bis 11 Uhr, wird hauptsächlich im Marxheimer Bürgerhaus unterrichtet. Die Kurse verstehen sich als Ergänzung zu den offiziellen Sprachkursen, die es etwa bei der Volkshochschule gibt.

Ansprechpartner für Menschen, die gerne helfen möchten, ist Jürgen Pünter. Die E-Mail-Adresse lautet: deutsch-unterricht@online.de dp

dp

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