Gottesdienst in St. Peter und Paul mit Abstandsregeln: Die Corona-Krise hat das kirchliche Leben noch schwieriger gemacht.
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Religion

Hofheim: Warum zahlen Sie noch Kirchensteuer?

  • vonBarbara Schmidt
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Meist bestimmen Skandale die Schlagzeilen, und die Zahl der Kirchenaustritte steigt ständig. Wir haben katholische und evangelische Christen gefragt, was sie an ihrer Kirche gut finden.

Hofheim - Es sind keine rosigen Zeiten für die beiden großen christlichen Kirchen. Die Corona-Pandemie kommt aktuell noch einmal erschwerend hinzu zu all den Herausforderungen, denen sie sich in einer Gesellschaft gegenüber sehen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. Mit der Zeit zu gehen, sich zu "entwickeln", aber zugleich auch zu bewahren, was ihnen an Glaubenskern, an "Froher Botschaft", an Evangelium, anvertraut ist, und dieses so zu leben und weiterzusagen, dass es Menschen im 21. Jahrhundert nach Christus erreicht - das allein schon wäre eine große Aufgabe. Und die haupt- und ehrenamtlich Aktiven vor Ort, an der Basis, ob evangelisch oder katholisch, strampeln sich in dieser Richtung vielfach schon gehörig ab.

Skandale wie der Bischofshaus-Bau von Limburg und - weit schlimmer noch - das zigfache Verbrechen des Missbrauchs und seine Vertuschung, sind da wie zusätzliche riesige Knüppel zwischen den Beinen derer, die trotz allem in Kirche "mit Christus unterwegs" sein wollen. Immer mehr wollen das nicht, wie auch die jüngste Kirchenstatistik (siehe Extra-Text) zeigt. Aber es sind viel mehr, die bleiben. Wir haben gefragt: Was hält sie? Warum zahlen sie nach wie vor ihre Kirchensteuer?

Kirche vermittelt ein Gefühl von Heimat

Doninik Denschlag

"Darüber habe ich noch nie nachgedacht," lautete am Sonntag nach dem Gottesdienst in der evangelischen Johanneskirche die spontane Antwort von Dominik Denschlag. Für den 49-Jährigen ist sein Glaube "so ein Ankerpunkt", Kirchenmitglied zu sein, gehöre dabei für ihn dazu. "Das heißt nicht, dass ich alles gutheiße", stellt Denschlag klar, aber Kirchen seien nun einmal auch nur Institutionen, in denen Menschen agierten. Dass diese auch mal Fehler machten, "das ist doch normal."

Markus Hövelmann

Ähnlich sieht es Markus Hövelmann aus Diedenbergen, Mitglied im Pfarrgemeinderat von St. Peter und Paul. "Ich bleibe, weil ich bei aller Kritik, die ich an der katholischen Kirche üben kann und auch übe, fest davon überzeugt bin, dass diese Institution Kirche der Garant dafür ist, dass unser Glaube weiterleben kann." Sie sorge für Zusammenhalt, gebe einen festen Rahmen, sei so etwas wie ein Stützkorsett, findet der 53-Jährige, "das nach wie vor seine Berechtigung hat." Wo immer er sei, könne er in die Kirche gehen und finde sich sofort zurecht, finde Heimat. Das hält Hövelmann für eine der großen Stärken der katholischen Kirche etwa gegenüber Freikirchen.

"Ich glaube einfach an die gute Sache"

Carolina Beege

Sie sei trotz allem weiter in der katholischen Kirche, "weil es nicht um die Kirche, sondern um die Sache selbst geht", sagt Carolina Beege, die in Kriftel auf vielfältige Weise in der Gemeinde mittut. Klar frage sie sich schon mal, wenn wieder ein Skandal Schlagzeilen mache oder aus Rom die nächste Absage in Richtung Frauenpriestertum oder mehr Laien-Mitwirkung komme: "Muss ich mir das jetzt auch noch geben? Aber ich glaube an die gute Sache", sagt die 57-Jährige. Und verweist auf Misereor, Missio, die Caritas oder viele Eine-Welt-Projekte in den Kirchengemeinden. Zu dem, was sie hält, zählt sie auch "sehr überzeugende Menschen, wie die Franziskaner im Hofheimer Exerzitienhaus. "Es gibt vieles, für das es sehr sinnvoll ist, dass wir Kirchensteuer zahlen", verweist sie zum Beispiel auf die Arbeit, wie sie etwa Thomas Hammer als langjähriger Seelsorger in Kriftel und heute als Klinikseelsorger in Höchst mache. Für einen nachhaltigeren Umgang mit der Schöpfung oder für eine gute Gemeinschaft will sich Carolina Beege gern auch weiter in der Kirche einsetzen und hofft, dass in den immer größer werdenden Strukturen die hauptamtliche Unterstützung vor Ort nicht "immer mehr den Bach heruntergeht."

Monika Müller-Steinmacher

Auch für Monika Müller-Steinmacher (56) ist das Gesicht von Kirche vor Ort ganz entscheidend für ihre Entscheidung, nach ihrem Austritt zurückgekehrt zu sein. In der Johannesgemeinde werde "innovativ" für jedes Alter etwas geboten, lobt die evangelische Christin. "Hier wird geguckt, dass die Leute auch bleiben. Das gefällt mir." Barbara Schmidt

Zusatz-Info: Die Zahl der Mitglieder schrumpft weiter

Das Bistum Limburg hat dieser Zeitung auf Anfrage die aktuelle Mitglieder-Statistik für 2019 für den katholischen Bezirk Main-Taunus zur Verfügung gestellt. In Klammern stehen die Zahlen für das Jahr 2018.

389 (444) Taufen, 572 (608) Erstkommunionen und 419 (312) Firmungen wurden in den katholischen Pfarreien im Kirchenbezirk Main-Taunus im vergangenen Jahr gefeiert. Die Zahl der Brautleute, die sich vor dem Altar das Eheversprechen gaben, lag bei 166 (226) oder 83 (113) Paaren. Dem Zuwachs durch die Taufen und 5 (13) Eintritte (insgesamt 394 Menschen) steht ein Verlust von 720 (756) verstorbenen Kirchen-Mitgliedern gegenüber. Dieses Minus (326 Personen), das dem demographischen Wandel zugeschrieben wird, ist allerdings nur rund ein Drittel so groß wie das, was durch Kirchenaustritte verursacht ist: 1069 (847) lautet die für Katholiken bitterste Zahl der Statistik, das sind 1,6 Prozent der 66 197 Mitglieder, die der Bezirk noch 2018 hatte. Noch vergrößert hat das Minus, dass mehr Katholiken aus dem Main-Taunus, weg- als zugezogen sind. Zum Jahresbeginn 2020 gehörten damit noch 64 392 der rund 240 000 Menschen im Main-Taunus der römisch-katholischen Kirche an (26,8 Prozent).

Für das evangelische Dekanat Kronberg gibt es zum Bedauern von Sprecherin Nora Hechler bislang nur begrenzt konkrete Zahlen für 2019. Das liege daran, dass die Austrittszahlen noch nicht von allen zuständigen Stellen bei der Kirchenverwaltung der EKHN in Darmstadt vorlägen.

Die Zahl der betreuten Mitglieder im Dekanat Kronberg ist aber, dem Bundestrend entsprechend, ebenfalls weiter gesunken. Betrug sie Anfang 2019 noch 57 745, waren es mit Beginn des Dezember 2019 noch 56 156. Klar ist: Zum Schwund von absolut 1589 Personen (rund 2,75 Prozent) der Mitglieder kann nicht nur die gegenüber den 677 Bestattungen geringere Zahl der 457 Taufen und 50 Aufnahmen geführt haben (minus 170). Auch hier werden also Austrittserklärungen und Fluktuation die größeren Ursachen des anhaltenden Schwundes sein. babs

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