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Hofheim: Wo der Krieg "ein konkretes Gesicht" hat

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Von: Barbara Schmidt

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Marlina Schmidt von der Montessori-Schule und die Brühlwiesenschüler Moritz Mook (Mitte) und Elias vom Dahl haben im früheren Altenheim im Roedersteinweg mit Spenden ein Spielzimmer eingerichtet. Nur eine von vielen ehrenamtlichen Hilfen, die Marianne Köhne und Bettina Lassak ebenfalls ehrenamtlich koordinieren.
Marlina Schmidt von der Montessori-Schule und die Brühlwiesenschüler Moritz Mook (Mitte) und Elias vom Dahl haben im früheren Altenheim im Roedersteinweg mit Spenden ein Spielzimmer eingerichtet. Nur eine von vielen ehrenamtlichen Hilfen, die Marianne Köhne und Bettina Lassak ebenfalls ehrenamtlich koordinieren. © Knapp

Drei Schülerpraktikanten haben in der Flüchtlingsunterkunft im früheren Haus Maria Elisabeth mitangepackt.

Hofheim -Marlina, Elias und Moritz haben in den vergangenen 14 Tagen ein ganz besonderes Praktikum absolviert. Die drei Oberstufenschüler haben im früheren Haus Maria Elisabeth am Roedersteinweg die ehrenamtlichen Helfer unterstützt, die die dort lebenden Flüchtlinge aus der Ukraine begleiten. Gern zeigen die drei ein sichtbares Ergebnis ihres Praktikums, denn sie haben mit Spenden und viel Eigeninitiative in dem ehemaligen Altenheim ein Spielzimmer für die Kinder eingerichtet. Auch die Mütter seien sehr froh über diesen Zugewinn. "Die Zimmer sind ja für mehrere Personen doch recht klein", sagt Bettina Lassak von der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul, die gemeinsam mit Dr. Marianne Köhne von der evangelischen Johannesgemeinde die Koordination der Ehrenamtlichen übernommen hat.

Unterkunft ist "ein Glücksfall"

Mit der Ersten Kreisbeigeordneten Madlen Overdick (Grüne), die sich vor Ort ein Bild von der seit Anfang April genutzten Unterkunft gemacht hat, sind aber alle einig, dass es "ein Glücksfall" ist, das seit der Schließung leerstehende Gebäude als Gemeinschaftsunterkunft zur Verfügung zu haben. Hier einzelne Zimmer bieten zu können, sei allemal sehr viel besser als die Unterbringung in einer Turnhalle. Weil das Haus zudem barrierefrei ist, was in den ebenfalls als Unterkünfte für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine genutzten Sparkassen-Akademie in Eppstein und der dritten Gemeinschaftsunterkunft in Liederbach nicht der Fall ist, können hier auch Rollstuhlfahrer wohnen. "Wir haben unter anderem eine 21-Jährige hier, die Rollstuhlfahrerin ist und Schwimmen als Leistungssport betreibt. Wir konnten ihr eine Trainingsmöglichkeit vermitteln", berichtet Marianne Köhne.

Nur eine von unzählig vielen kleinen Hilfen, die von Ehrenamtlichen hier aber auch bei der Betreuung von privat untergekommenen Ukrainern geleistet werden. Insgesamt hätten sich rund 40 Hofheimerinnen und Hofheimer als Helfer zur Verfügung gestellt, berichtet Lassak. Die Zahl der Flüchtlinge sei kleiner als ursprünglich gedacht, so dass noch gar nicht alle zum Einsatz kämen. Gut unterstützt werde man von der Stadt. Gefreut haben sich die Koordinatorinnen zudem, dass die Frauenunion, der Damen-Lions-Club und das Max-Schulze-Kahleyss-Haus je ein Begrüßungsfrühstück mit anschließender Stadtführung für Neuankömmlinge übernommen haben.

"Das Ehrenamt ist für uns eine große Unterstützung. Wir würden eine Betreuung in dieser Intensität so überhaupt nicht schaffen", nutzt die Erste Kreisbeigeordnete den Austausch miteinander auch für einen "ganz herzlichen Dank" an die Koordinatorinnen und ihr Helferteam.

Koordinatorinnen mit viel Erfahrung

Marianne Köhne und Bettina Lassak sind schon seit vielen Jahren als Integrationshelferinnen und Koordinatorinnen ehrenamtlich tätig. Die Erfahrung helfe jetzt sehr, sagen die beiden. Die guten Bedingungen in dem früheren Altenheim-Gebäude und die Tatsache, hier mit Menschen aus nur einem Land und einer Kultur zu tun zu haben, erleichterten zudem vieles. Dass einige sogar Haustiere mitgebracht hätten, "das hatten wir allerdings noch nicht", ergänzt Bettina Lassak mit einem Lächeln. Die vom Main-Taunus-Kreis her zuständige Sozialarbeiterin Nicole Torky lobt die "großartige Kooperation und Koordination". Marianne Köhne bestätigt: "Wir arbeiten Hand in Hand, davon profitieren auch die Bewohnerinnen und Bewohner."

Die drei Schülerpraktikanten wurden ebenfalls gleich integriert. Sie sei "offener für andere Menschen geworden", hat Marlina Schmidt von der Montessori-Schule dabei gemerkt. Moritz Mook von der Brühlwiesenschule hat unter anderem Geflüchteten beim Ausfüllen von Anträgen geholfen. "Diese Formulare sind ja auf Deutsch, aber selbst ich habe manchmal nicht gewusst, was ich da hätte eintragen sollen", macht der Schüler deutlich, um wie viel schwieriger diese Hürde für Menschen anderer Sprache sein müsse.

Sein Mitschüler Elias vom Dahl hat zudem festgestellt, dass auch der Google-Übersetzer, ohne den sie die zwei Wochen gar nicht ausgekommen wären, nicht immer wirklich weiterhilft. "Da ist auch manches lustige Missverständnis dabei herausgekommen", verrät er. Für ihn besonders eindrücklich: Auch wenn der Krieg in der Ukraine in den Medien ja stark präsent sei - Betroffenen direkt zu begegnen, sagt Elias, "da hat man ein konkretes Gesicht, einen Menschen, den man kennt, das ist schon etwas anderes".

Extra: Angebote und Treffs auch für privat untergebrachte Ukrainer

Knapp 2200 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine leben derzeit im Main-Taunus-Kreis. 53 von ihnen (so die Zahl vom Freitag) sind in der Gemeinschaftsunterkunft des MTK im Hofheimer Roedersteinweg untergekommen, die bis zu 150 Plätze bietet. Wie hier, sind auch in den Unterkünften des Kreises in Eppstein und Liederbach noch Kapazitäten frei. Von den ursprünglich prognostizierten Flüchtlingszahlen sei man weit entfernt, sagt die Erste Kreisbeigeordnete Madlen Overdick (Grüne), aktuell kämen im Schnitt 18 Personen "aus aller Welt". Da die vielen privat im Kreis untergekommenen Ukraine-Flüchtlinge auf das Kreis-Kontingent angerechnet würden, sei die Zuweisung aus der Hessischen Gemeinschaftsunterkunft derzeit so gering, erläuterte Overdick. Im Aufbau ist nach ihren Angaben ein Angebot von Sprach- und Integrationskursen der Volkshochschule speziell für Ukrainer. Die evangelische Johannes- und die evangelische Thomasgemeinde bieten bereits jeweils samstags Kaffee-Treffs für Austausch und Information, zu denen alle in Hofheim lebenden Ukrainer eingeladen sind. Der CVJM macht Angebote für Jugendliche. babs

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