Der Hoheimer Musiker und Dudelsack-Spezialist Thomas Zöller.
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Der Hoheimer Musiker und Dudelsack-Spezialist Thomas Zöller.

Pandemie

Hofheimer Musiker: "Die Zukunft ist glattrasiert"

  • vonStephanie Kreuzer
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Thomas Zöller gibt Dudelsack-Unterricht draußen oder digital. Die Zeiten sind schwierig.

Hofheim - Eine "sehr ambivalente Zeit" seien die vergangenen zwölf Monate gewesen, "zwei Welten, die sich gegenüberstehen", fasst Thomas Zöller zusammen. Als Musiker, Inhaber der Dudelsack-Akademie und Initiator des jährlichen Hofheimer Folkfestivals hat er am eigenen Leib erfahren, wie sehr die Kulturbranche von der Corona-Pandemie gebeutelt wurde. Nicht nur, dass kaum etwas stattfinden konnte und Künstler teilweise vor dem Nichts standen. Auch Veranstalter, Tontechniker und weitere angeschlossene Bereiche, die teils viel Vorlaufzeit benötigen, seien davon betroffen. "Also viele Leute an verschiedenen Enden", sagt er. Man müsse aktuell damit klarkommen, dass man nichts planen könne; Konzerte, Tourneen und Projekte wurden abgesagt oder auf lange Sicht verschoben. "Das stelle ich aber gar nicht infrage, denn allein schon aus wissenschaftlicher Sicht stimme ich diesen Maßnahmen zu. Außerdem finde ich es richtig und wichtig, dass wir als Gesellschaft Wege finden, um der Lage Herr zu werden."

Die Akademie funktioniert

Er selbst harre nun der Dinge und reduziere seine Kontakte, wohl wissend, dass es in seinem Beruf eigentlich darum geht, Menschen zusammenzubringen und "Dinge erlebbar zu machen, wo das Sagbare aufhört, also wo die Kunst beginnt". Während es Branchen gebe, für die sich fast nichts verändert hat, habe sich für ihn sehr viel reduziert, und das stehe in krassem Widerspruch zueinander: "Teilweise hat man das Gefühl, in einer merkwürdigen Parallelwelt zu leben."

Immerhin kann Thomas Zöller nach wie vor auf seine Dudelsack-Akademie bauen: "Ich bin sehr froh, dass das weiter funktioniert. Da bin ich vergleichsweise in einer komfortablen Situation." Den Sommer hat er genutzt, um draußen im Hof zu unterrichten; ein verständnisvoller Nachbar hat zusätzlich seinen Garten zur Verfügung gestellt. Für Herbst und Winter investierte er rund 2500 Euro in einen hochwertigen Raumlüfter, der OP-Luft-Qualität garantiere, und in Plexiglastrennwände. "Solange also die Gesamtlage erlaubt, dass Musikunterricht angeboten wird, können wir in unserem größten Raum einen sicheren Unterricht durchführen."

Auch ist er sehr dankbar, dass rund 90 Schüler seinem Weg gefolgt sind - und überwiegend digital mitgetragen haben. "Wir haben den großen Vorteil, dass wir dieses Medium, online zu unterrichten, schon seit über zehn Jahren nutzen", zeigt sich Zöller ein wenig stolz auf das, was er anbieten kann.

Nicht ins kalte Wasser geworfen

"Wir wurden also nicht ins kalte Wasser geworfen, sondern waren damit schon relativ vertraut und haben schließlich komplett umgestellt." Für ein neues Konzept hat ihm das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst jeweils ein Arbeits- und ein Projektstipendium bewilligt: Denn Lehrmaterial, das in der Vergangenheit für Präsenzkurse genutzt wurde, musste - extrem zeitaufwendig - für den digitalen Raum aufgearbeitet werden, um die Kursinhalte didaktisch nachvollziehbar und strukturiert vermitteln zu können. Dank dieser Unterstützung kann die Akademie nun auch Gruppen-Workshops anbieten.

Die Tendenz zur Digitalisierung und deren Bedeutung für die Gesellschaft beschäftigt Zöller sowieso. Gerade Musik wird heutzutage überwiegend digital, also über Streaming-Dienste konsumiert. "Doch wie wird das aussehen, wenn zurück auf ,normal' gestellt wird? Und ist es uns überhaupt wichtig, dass alles wieder so wird, wie es war? Diese Entwicklung betrachte ich mit großer Neugier, da ich sie nicht nur für mich als Musiker für relevant halte."

Einen Ausblick will Thomas Zöller gar nicht wagen, "das liegt nicht in meiner Hand". Derzeit sehe er für seine Arbeit oder die der Kollegen nicht viele Möglichkeiten, noch mehr zu tun. "Früher hatten wir gelernt, mit Gegebenheiten umzugehen, und Strategien entwickelt, wie man als Künstler überleben kann. Jetzt aber haben wir Monate gebraucht, um zu verstehen, dass es nicht mehr funktioniert, so weiterzumachen wie bisher." Momentan fehle allen der Horizont, die Zukunft sei glattrasiert. Nichts planen zu können, würde Energie rauben und ermüden. "Aber Musik und das Musizieren können uns erden, und genau das wollen wir auch unseren Schülern vermitteln."

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