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Lebensgefährtinnen: Die Ärztin Elisabeth Winterhalter und die Malerin Ottilie W. Roederstein. Das Bild entstand um das Jahr 1932.

Deutschlands erste Chirurgin

Hofheims Ehrenbürgerin Elisabeth Winterhalter setzte sich gegen viele Widerstände durch

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Was heute selbstverständlich ist, war im Deutschland des 19. Jahrhunderts unmöglich: Frauen durften nicht Medizin studieren. Elisabeth Winterhalter ging in die Schweiz und promovierte. In ihrer Heimat galt sie zunächst als Kurpfuscherin.

Die ARD-Serie „Charité“ zog in den vergangenen Wochen Millionen Zuschauer in ihren Bann. Erzählt wird, beginnend im „Drei-Kaiser-Jahr“ 1888, ein Stück Medizingeschichte. Diese ereignete sich tatsächlich in dem berühmten Berliner Krankenhaus mit dem französischen Namen, an dem zu jener Zeit gleich mehrere spätere Nobelpreisträger wie Robert Koch und Emil Behring tätig waren. Im Mittelpunkt der Handlung steht allerdings eine fiktive Frauengestalt, die Hilfswärterin Ida Lenze. Die Autorinnen der Reihe haben sie allerdings nicht nur eingesetzt, um ihrer Geschichte ein wenig Herz-Kino mitzugeben. Die verarmte Arzttochter Ida, die den brennenden Wunsch verspürt, „den Kranken wirklich zu helfen“, formuliert eine Idee, die in ihrer Umgebung zumeist nur Kopfschütteln auslöst: „Ich will Ärztin werden.“

So fiktiv die Figur der Ida Lenze ist – Hofheimer erinnert sie unwillkürlich an eine für ihre Zeit außergewöhnliche Frau. Elisabeth Hermine Winterhalter gehörte zu den wenigen Frauen, die den zu ihrer Zeit noch in deutschen Landen ausschließlich Männern vorbehaltenen Arztberuf ergreifen konnten. Allerdings brauchte sie dazu einiges an Hartnäckigkeit. Die spätere Hofheimer Ehrenbürgerin wurde am 17. Dezember 1856 in München geboren. Auch wenn sie aus einer angesehenen Arztfamilie stammte – die Möglichkeit, ebenfalls Medizin zu studieren gab es damals für Frauen nur in der Schweiz.

Auf Drängen ihrer Eltern wurde Elisabeth Winterhalter zunächst Lehrerin. Doch die Leidenschaft für die Medizin konnte das offenbar nicht bremsen. Schließlich setzte sie sich 1884 gegen alle Widerstände, wohl vor allem vonseiten der Mutter, durch und schrieb sich 1884 in Zürich für das Medizinstudium ein. 1890 konnte sie es mit der Promotion erfolgreich beenden. An Kliniken in Paris, Stockholm und Wien arbeitete Winterhalter danach und machte dort die Facharztausbildung als Chirurgin.

In ihrer deutschen Heimat habe sie allerdings nur „den Status einer Kurpfuscherin“ gehabt, schreibt Agnes Witte über Winterhalter. Das änderte sich erst mit der Zulassung von Frauen zum Medizinstudium auch an deutschen Universitäten. 1903/04 absolvierte Elisabeth Winterhalter – seit Jahren erfolgreich praktizierende Ärztin – in Deutschland Physikum und Staatsexamen, um endlich als 47-Jährige auch die deutsche Approbation zu erhalten. Schon 1891 hatte sie sich in Frankfurt als Frauenärztin niedergelassen. Sie galt als erste deutsche Chirurgin. Sie schrieb dabei sogar ein kleines Stück Medizingeschichte, war sie doch wohl die erste Frau, die 1895 in Deutschland einen Kaiserschnitt wagte.

Elisabeth Winterhalter gründete in Frankfurt eine Frauenpoliklinik und engagierte sich auch politisch für ihre Geschlechtsgenossinnen. Vor allem die Schulbildung der Mädchen war ihr, wichtig. In Bertha Frielinghaus, Gabriele Gräfin von Wartensleben und Meta Quarck-Hammerschlag, die als Fabrikantentochter in Höchst aufwuchs, fand sie Mitstreiterinnen. Gemeinsam gründeten sie den Verein Frauenbildung – Frauenstudium, der sich für die Einrichtung eines Mädchengymnasiums in Frankfurt stark machte. 1908 war die Schillerschule das Resultat dieser Bemühungen.

Ebenfalls ungewöhnlich für ihre Zeit: Die Ärztin Elisabeth Winterhalter hatte eine Lebensgefährtin, die Malerin Ottilie W. Roederstein. Diese hatte sich ebenfalls mit ihrem Berufswunsch gegen die eigenen Eltern und die Konventionen ihrer Zeit durchgesetzt. Seit 1891 lebten die beiden Frauen in Frankfurt zusammen, 1907 bauten sie in Hofheim das heute unter Denkmalschutz stehende Atelierhaus am Kapellenberg. Dort wohnten sie gemeinsam bis zum Tode Roedersteins im Jahr 1937.

Elisabeth Winterhalter, die aus gesundheitlichen Gründen den Arztberuf schon 1911 hatte aufgeben müssen, starb am 13. Februar 1952 im Alter von 95 Jahren. 1929 hatte sie „in Anerkennung ihrer großen Verdienste um die Volksgesundheit und die Volksbildungsbestrebungen“ die Ehrenbürgerwürde Hofheims erhalten, zu ihrem 95. Geburtstag wurde die Ärztin für ihre Pionierleistung, medizinische Berufe für Frauen zu öffnen, von Bundespräsident Theodor Heuß geehrt. Dass 65 Jahre nach ihrem Tod zwei Drittel von Deutschlands Medizinstudenten weiblich sind – die Serie „Charité“ hält ihren Zuschauern gerade vor Augen, wie unvorstellbar das einst war.

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