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Wenn ein Kind von heute auf morgen in eine neue Familie kommen soll, braucht es viel Zuwendung. Der Riesenteddy kann dabei helfen. Die Bereitschaftsmütter sollen aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht erkannt werden.

Pflegekinder

Ersatzfamilien Sie springen ein, wenn das Jugendamt woanders das Wohl eines Kindes gefährdet sieht

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Die Gründe, warum Kinder abseits ihrer eigenen Eltern betreut werden, sind vielfältig. Zuletzt stieg die Zahl der Fälle deutlich. Eine Umkehr dieser Tendenz ist nicht absehbar, deshalb werden verstärkt Familien gesucht, in denen Babys oder Kinder innerhalb kurzer Zeit unterkommen können.

„Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sich Marie (Name geändert) an ihren ersten Einsatz, als das Telefon klingelte für zwei Geschwisterkinder, zwei Jahre und fünf Monate, von jetzt auf gleich ein sicheren Unterschlupf gebraucht wurde. „Ich bin sofort losgeflitzt und habe erst einmal eine Babyschale besorgt.“

Seit 18 Jahren ist Marie nun Bereitschaftsplegemutter, springt ein, wenn das Kindeswohl in einer Familie gefährdet ist. Ihren Namen möchte die 44-Jährige nicht nennen. „Die leiblichen Eltern sollen nicht wissen, wo wir wohnen.“ Denn häufig findet eine Inobhutnahme – wie es offiziell heißt – ohne deren Einwilligung statt. Mal waren Gewalt oder sexueller Missbrauch im Spiel, dann wieder Drogen, Alkohol, eine psychische Erkrankung oder – eher selten – ein plötzlicher Krankenhausaufenthalt eines allein sorgenden Elternteils.

Wohlstandsverwahrlosung

In den vergangenen Jahren komme eine Art emotionaler Wohlstandsverwahrlosung dazu, sagt Bettina Buddenberg, Gruppenleiterin für Pflegekinder und Adoption im Jugendamt des Main-Taunus-Kreises. Wie im Fall des promovierten Physikers, der den Alltags seines Kindes nicht habe organisieren können, ihm keinerlei Grenzen gesetzt hatte. 24 Kinder zwischen null und neun Jahren hat das Jugendamt des Kreises 2018 in Obhut nehmen müssen, doppelt so viele wie 2017. Um die traumatische Situation besser aufzufangen werden sie seit den 90er Jahren statt in der stationären Notaufnahme übergangsweise in Familien betreut.

Marie hat schon immer gerne Kinder um sich gehabt, ob während der ehrenamtlichen Mitarbeit in Kirche und Schwimmverein oder später als Mutter zweier Stiefkinder und eines Pflegekindes. So hängte sie ihren Job als Arzthelferin kurzerhand an den Nagel und bewarb sich als Bereitschaftsmutter. Wie viele Kinder sie schon aufgenommen hat, kann die 44-Jährige aus dem Kopf nicht sagen. „Bei 40 habe ich aufgehört zu zählen.“

„Da reagiert man einfach“

Auch nachts habe schon das Telefon geklingelt. „Plötzlich stehen dann ein oder sogar zwei fremde Kinder in deiner Wohnung.“ Meist völlig durch den Wind. „Da reagiert man dann einfach.“ Als erstes mache sie meist – mit Zustimmung der Eltern – einen Friseur- und Kinderarzttermin aus. „Dann arbeite ich mich Stück für Stück vor.“ Einmal in der Woche bringt sie die Schützlinge ins Kreishaus, zum einstündigen Treffen mit den Eltern.

Um einem Kind den Besuch seiner vertrauten Schulklasse zu ermöglichen, fährt sie schon mal 120 Kilometer am Tag. Private Termine mache sie immer unter Vorbehalt aus. „Verwandte und Freunde kennen das schon.“ Ihr sei einfach wichtig, dem Kind eine gute Zeit mitzugeben. „Ich denke, dass es sich daran erinnern wird.“

Seit acht Monaten habe sie zurzeit ein inzwischen 13 Monate altes Baby in Pflege. „Viel zu lang“, so Bettina Buddenberg. Höchstens drei Monate sollte die Übergangspflege dauern, damit keine emotionale Bindung entsteht. Bei 58 Prozent der Kinder habe 2018 geklappt. Sie seien innerhalb eines Monats in die Ursprungsfamilie zurückgekehrt oder in Dauerpflege gekommen. Bei 13 Prozent aber seien es mehr als sieben Monate gewesen.

Zähe Gerichtsverfahren

Verantwortlich macht Buddenberg die Gerichte. „Die Verfahren ziehen sich wie Kaugummi.“ Das sei gerade für die Jüngsten nicht gut. „Sie haben schon bei den leiblichen Eltern keine richtige Bindung erlebt und werden dann erneut rausgerissen.“ Auch Anne (Name geändert) betreut einen Fünfjährigen schon länger als sieben Monate. „Das ist schon eine Herausforderung“, sagt die fröhliche 56 Jahre alte Mutter zweier erwachsener Adoptivkinder und eines Pflegekindes, das seit eineinhalb Jahren an Bord ist. „Anfangs lief er 40 Mal um den Tisch herum.“

Arbeit mit Sinn

Missen möchte sie die Aufgabe aber nicht. „Es ist eine Arbeit mit Sinn, die auch das Sozialverhalten der eigenen Kinder fördert“, sagt sie. Übereinstimmend loben die Übergangsmuttis die Begleitung durchs Jugendamt, sowohl vorab als auch durch die regelmäßige Supervision.

Vier Familien stehen dem Amt zurzeit zur Verfügung. „Es sollten aber zwei bis vier mehr sein“, sagt Bettina Buddenberg und hofft, dass sich auf diesem Weg neue Interessenten für die wichtige Aufgabe finden. Voraussetzung seien Erfahrung mit Kindern, gesicherte finanzielle Verhältnisse und ein eigenes Zimmer für das Gastkind. Eine Eignung werde in Gesprächen und Hausbesuchen geprüft.

Interessenten gesucht

Darüber hinaus müsse ein polizeiliches Führungs- und ein Gesundheitszeugnis vorgelegt werden. Das Gastkind müsse zudem immer das Jüngste in der Familie sein. Wer sich der wichtigen Aufgabe widmen möchte, kann mit Bettina Buddenberg Kontakt aufnehmen unter Telefon (0 61 92) 2 01 17 19 oder per E-Mail an bettina.buddenberg@mtk.org.

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