Kurze Besprechung vor der Intensivstation: Norbert Harbolla, Facharzt für Anästhesie, stimmt sich mit Oberärztin Jutta Kolata ab.
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Kurze Besprechung vor der Intensivstation: Norbert Harbolla, Facharzt für Anästhesie, stimmt sich mit Oberärztin Jutta Kolata ab.

Covid-Station

Intensivmedizinerin: "Da müssen wir alle gemeinsam durch"

  • vonBarbara Schmidt
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Oberärztin Jutta Kolata: Nur im Team lässt sich die physisch und psychisch anstrengende Arbeit bewältigen. Für Corona-Leugner und sogenannte Querdenker hat sie kein Verständnis.

Hofheim -Intensivmedizin ist das, was das Wort sagt, intensiv eben. So stark wie in den vergangenen Wochen und Monaten hat Jutta Kolata die intensive Arbeit im Ringen um Leben und Gesundheit von Menschen allerdings noch nie empfunden. Schon als Rettungsassistentin bei den Maltesern in Fischbach hat die Kelkheimerin gemerkt, dass genau dieser Bereich der Medizin sie besonders anspricht. "Da steht das Thema Notfallmedizin ja fast immer an oberster Stelle."

Als Kolata nach ihrem Medizinstudium in Gießen als Assistenzärztin bei den Kliniken des Main-Taunus-Kreises anfing, hat ihr auch da die Intensivmedizin am besten gefallen. "Dabei arbeitet man nie allein, das ist immer Teamarbeit, interdisziplinär und abwechslungsreich und man lernt jeden Tag dazu", umreißt die 42-Jährige, was sie an diesem Einsatzgebiet so mag.

Die besondere Herausforderung durch die völlig neue Art von Erkrankung, die das Coronavirus Sars Cov-2 verursacht, hat sie zunächst im Krankenhaus Bad Soden erlebt. Hier ist Jutta Kolata geschäftsführende Oberärztin und damit Stellvertreterin von Chefarzt Professor Michael Booke. Als sich abzeichnete, dass der Intensiv-Schwerpunkt der Kliniken für die Behandlung von Covid-Patienten für den weiteren Verlauf der Pandemie in Hofheim angesiedelt sein sollte, "da war klar, dass dort personelle Verstärkung gebraucht wird", erzählt Kolata. Zu der fünfköpfigen Abordnung, die sich dafür freiwillig zur Verfügung stellte, gehörte neben vier Assistenzärzten auch Oberärztin Kolata.

Angst vor Ansteckung schwingt immer mit

Seit Dezember behandelt sie im Covid-Team von Chefarzt Dr. Thomas Müller im Hofheimer Krankenhaus schwerst kranke Patienten. Auch wenn Lungenversagen auf Intensivstationen recht häufig vorkomme, bringe diese Viruserkrankung "viele neue Facetten, die man nicht kennt". Das mache die Arbeit aus rein medizinischer Sicht spannend, man könne viel lernen, sagt Kolata.

Die Angst vor Ansteckung und vor einer möglichen Übertragung auf die eigenen Angehörigen geht allerdings immer mit, auch wenn sie seit den Impfungen "ein bisschen weniger" geworden sei, wie die Anästhesistin berichtet. Das Arbeiten im Vollschutz, unter einer ins Schwitzen bringenden "Plastikhaut", im Extrem mit der noch einmal sehr viel dichteren FFP3-Maske und Gesichts-Schild, das sei "wirklich nicht einfach", bestätigt Kolata, was vielfach schon berichtet wurde. Dass das eben dazugehören kann zu ihrem Beruf, habe sie ja gewusst, sieht die zupackend wirkende Ärztin die besonderen Herausforderungen durch die Pandemie aber insgesamt nüchtern. "Dafür sind wir Mediziner. Jetzt werden wir gebraucht, mehr noch als sonst schon. Und da müssen wir jetzt alle Mann gemeinsam durch."

Alle Mann gemeinsam - Schlüsselworte für die Art, wie Jutta Kolata ihren Beruf versteht: Nur im Team lasse sich die Arbeit bewältigen, "gerade ohne die Kollegen der Pflege geht es überhaupt nicht", macht sie deutlich, aber auch andere Berufsgruppen in der Klinik trügen ihren Teil bei. Dass der Zusammenhalt "wirklich gut funktioniert, wir aufeinander achten und bauen können", das bestärkt und motiviert auch Jutta Kolata jeden Tag neu für ihre nicht zuletzt emotional und psychisch sehr belastende Arbeit.

"Die Arbeit auf Intensivstationen", sagt die Ärztin, "war schon immer schwer". Die Pandemie hat da noch einiges drauf gepackt. Viel mehr als sonst bekämen Ärzte und Pflegepersonal vom Leben der ihnen anvertrauten Patienten mit, allein schon durch die täglichen Kontakte per Telefon mit den Angehörigen. Weil Covid-Kranke viel länger auf den Intensivstationen liegen, als es Patienten normalerweise tun, bauten sich ganz andere Bindungen auf, ergänzt die Ärztin. Wird absehbar, dass es ein Patient nicht schaffen wird, bleibt inzwischen Angehörigen ein Abschied nicht mehr ganz verwehrt. Doch was ohne Pandemie möglich war, "das Besuchsrecht vollkommen ausweiten und Angehörigen ermöglichen, Patienten wirklich bis zum Tod zu begleiten", das gehe wegen des Infektionsschutzgesetzes bei Covid-Patienten nicht, macht die Oberärztin den Unterschied deutlich.

Hoffentlich ist die dritte auch die letzte Welle

Engste Angehörige dürfen sich nur in Schutzkleidung, mit Maske und Handschuhen, von ihren sterbenden Liebsten verabschieden. "Das ist deutlich schwieriger für die Menschen, das merkt man schon", sagt Kolata. Auch denen, für die professionelle Distanz zu ihrer Arbeit gehört, geht manches doch unter die Haut. Kolata denkt etwa an den Fall, in dem eine ganze Familie schwer erkrankte und den ihrem Team anvertrauten Eltern der Tod des Sohnes, "ein Mann in den Dreißigern", von einer anderen Klinik mitgeteilt werden musste.

Das Angebot, über so etwas dann auch im Team zu sprechen, zählt zu den Verarbeitungsmöglichkeiten, von denen die Ärztin berichtet. Auch ein Gespräch mit einem der Psychologen im Haus sei jederzeit möglich. Sie selbst sucht am liebsten Ruhe und Ausgleich und neue Kraft in der Natur. Motivierend wirke neben dem guten Team-Zusammenhalt, "dass es doch auch immer wieder schwerst kranke Patienten gibt, die nach langer Liegezeit mit einem guten Verlauf hier herausgehen".

Corona-Leugner und Querdenker würde Jutta Kolata übrigens am liebsten mal auf ihre Intensivstation einladen. Die ist "immer noch voll ausgelastet", denn die sinkenden Infektionszahlen machen sich immer erst versetzt bemerkbar. Jetzt wünscht sich die Oberärztin, "dass die dritte die letzte Welle ist" und mit dem Impf-Fortschritt langsam die Normalität zurückkehrt. Was Jutta Kolata dann tut, weiß sie schon. "Dann gehe ich zurück auf die normale Intensivstation." Und das in der Hoffnung, so schnell keine Pandemie mehr mitmachen zu müssen. "Einmal im Berufsleben sollte reichen."

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